«Islamischer Staat» in Jarmuk: «Sie spielen Fussball – mit einem Kopf!»
Aktualisiert

«Islamischer Staat» in Jarmuk«Sie spielen Fussball – mit einem Kopf!»

Traumatisierte Flüchtlinge aus Jarmuk suchen Schutz in einer Schule in Damaskus. Ihre Geschichten erschüttern und veranschaulichen die Unmenschlichkeit des IS.

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Die Geschichten, die Flüchtlinge aus Jarmuk am 10. April 2015 erzählen, zeugen von Tragödien.

Die Geschichten, die Flüchtlinge aus Jarmuk am 10. April 2015 erzählen, zeugen von Tragödien.

Keystone/AP/Uncredited
Von oben bombt das Assad-Regime, am Boden wüten die IS-Schergen: Die Flüchtlinge  im Jarmuk-Flüchtlingslager bei Damaskus sind in einer ausweglosen Lage.

Von oben bombt das Assad-Regime, am Boden wüten die IS-Schergen: Die Flüchtlinge im Jarmuk-Flüchtlingslager bei Damaskus sind in einer ausweglosen Lage.

Keystone/AP
Den Bewohnern fehlt es an Nahrung, Wasser und Medikamenten.

Den Bewohnern fehlt es an Nahrung, Wasser und Medikamenten.

Keystone/AP/Uncredited

Ibrahim Abdel Fatah hat zwei Jahre des Hungerns und des Kämpfens im palästinensischen Flüchtlingslager Jarmuk im syrischen Damaskus erduldet. Dann fielen die Dschihadisten der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) vergangene Woche dort ein und schlugen Menschen vor seinen Augen die Köpfe ab. Das war zu viel.

Abdel Fatah floh und blickt seitdem nicht mehr zurück. «Wir hatten im Fernsehen von ihrer Grausamkeit gehört, aber als wir es selbst sahen ... Ich kann Ihnen sagen, ihr Ruf ist wohlverdient», sagt der 55-Jährige. Er hat mit seiner Frau und den sieben Kindern Zuflucht in einer Schule in Tadamun gefunden, einem Stadtteil der syrischen Hauptstadt, der von der Armee gehalten wird. «Sie haben Kinder direkt vor ihren Eltern ermordet», fügt der dürre und blasse Mann hinzu.

Im Lager geblieben, weil es sonst nichts gab

Die evakuierte Schule beherbergt 98 Menschen, 40 davon Kinder. In drei Klassenzimmern drängen sich die Flüchtlinge auf am Boden liegenden Matratzen. Ein Sprecher der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) gibt an, dass rund 2500 Menschen Jarmuk vor dem IS-Angriff hätten verlassen können. Seither hat sich das Lager in eine Hölle verwandelt. Mehr als 15'000 Menschen schafften es nicht mehr, sich vor dem Einmarsch der Islamisten in Sicherheit zu bringen. Ihr Schicksal ist ungeklärt.

Jarmuk war einst ein belebter Stadtteil im Süden von Damaskus, in dem rund 160'000 palästinensische Flüchtlinge und Syrer Seite an Seite lebten. Doch das war, bevor das Land ab 2011 in den Bürgerkrieg gerissen wurde. Ende 2012 wurde das Viertel zum Schlachtfeld zwischen Rebellen und Regierungstruppen, seit über einem Jahr nun ist es voll von den Kampfhandlungen eingeschlossen.

Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte in Grossbritannien waren schon vor der jüngsten Offensive der Islamisten beinahe 200 Menschen in Jarmuk an Hunger oder mangelnder medizinischer Versorgung gestorben. Dennoch blieben viele, nicht zuletzt aus Mangel an Alternativen.

«Wir assen Gras»

«Ich wäre geblieben, trotz der Bomben und des Hungers», sagt Umm Usama. «Es war schrecklich, wir assen Gras. Aber immerhin war es unser Zuhause.»

Für die 40-Jährige war die Ankunft des IS «gleichbedeutend mit Zerstörung und Massaker». «Ihr Verhalten ist unmenschlich und ihre Religion ist nicht die unsere», sagt sie vor dem Schuleingang.

In den Klassenräumen ist kaum Gepäck der Geflohenen zu sehen – die Familien konnten bei ihrer Flucht kaum etwas mitnehmen. Die 19-jährige Nadia hält ihr zwei Monate altes Baby auf dem Arm. Ihr Ehemann habe es nicht mehr geschafft, mit ihnen zu flüchten, sagt sie. Schutz vor den Scharfschützen suchend hätten sie sich und das Baby eng an Hauswände gedrückt und es aus Jarmuk heraus geschafft.

Fussball mit abgeschlagenem Kopf

«Alles hat sich geändert, als der IS kam», sagt die 47-jährige Abir, die ihr gesamtes Leben in dem Lager verbrachte. «Vorher hatten wir keine Angst vor dem Tod», denn damals hätten die Rebellen die Zivilisten bei Kämpfen in Schutzunterkünfte gebracht.

«Ich sah zwei Daesch-Kämpfer mit einem abgeschlagenen Kopf spielen – als wäre es ein Fussball!», sagt Amdschad Jaakub, unter dessen Baseball-Cap ein geschundenes Gesicht hervorblickt. Die IS-Kämpfer kamen zu ihm nach Hause, wo sie den politisch aktiven Bruder des 16-Jährigen suchten. «Sie schlugen mich, bis ich zusammenbrach, und liessen mich zum Krepieren liegen», erzählt Amdschad. (sda)

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