Rassismus: «Sie spielten hinter mir im Tram laut Nazi-Lieder ab»
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Rassismus«Sie spielten hinter mir im Tram laut Nazi-Lieder ab»

Frauen mit Kopftuch werden in der Öffentlichkeit Opfer von verbaler und physischer Gewalt. Auslöser seien meist politische Aktualitäten oder Debatten, sagen Experten.

von
jd
Für Frauen mit Kopftuch gehört Diskriminierung zum Alltag (Symbolbild).

Für Frauen mit Kopftuch gehört Diskriminierung zum Alltag (Symbolbild).

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Eine 34-jährige Frau wurde in Basel wegen ihres Kopftuches von einer Gruppe junger Menschen verbal und körperlich attackiert – niemand kam ihr zu Hilfe. Die Täter ergriffen unerkannt die Flucht. Das traumatische Erlebnis der türkischen Doppelbürgerin ist kein Einzelfall. Laut Reaktionen von 20 Minuten-Lesern gehören rassistische Attacken für viele kopftuchtragende Frauen zum Alltag.

Eine Frau, die sich vor 16 Jahren für die religiöse Kopfbedeckung entschieden hat, schreibt von fast täglichen Beleidigungen, die sie auf der Strasse einstecken muss. «Einmal schrie eine Frau den ganzen Einkaufsladen zusammen wegen mir, weil sie einen Angehörigen bei den Anschlägen in Paris verloren hatte», erzählt sie. «Ich sprach ihr mein Beileid aus, doch sie beleidigte mich immer weiter, als ob ich schuld an den Anschlägen gewesen sei», so die konvertierte Schweizerin.

Nazilieder im Tram abgespielt

Eine andere Betroffene spricht von heftigen rassistischen Kommentaren, die sie oft perplex zurückliessen. «Ein angeheitertes Paar setzte sich im Tram hinter mich und meinen fünfjährigen Sohn und liess auf dem Handy laut Nazi-Lieder und Aufnahmen von Hitlers Reden laufen», berichtet die Mutter, die seit ihrem 25. Lebensjahr ein Kopftuch trägt. «Ich bin doch die gleiche Person wie vorher, nur eben bedeckt. Es ist unglaublich, dass Frauen diskriminiert werden, weil sie etwas an- statt ausziehen», so die Leserin.

Angespannte Situation führt zu Übergriffen

Religiöse Symbole wie das Kopftuch, die Kippa oder das Kreuz hätten schon immer negative Reaktionen ausgelöst, so Bettina Zeugin, Geschäftsleiterin Caritas beider Basel. «Vermutlich kommt es in der derzeit angespannten Situation vermehrt zu Angriffen auf Personen, die sich zum Islam bekennen und dies auch öffentlich kundtun», sagt die Expertin.

Serhad Karatekin, Medienverantwortlicher der Basler Muslim-Kommission, glaubt ebenfalls, dass negative öffentliche Debatten über den Islam Übergriffe begünstigen. «Die Salonfähigkeit der Muslimfeindlichkeit muss zurückgedrängt werden», sagt er. Er rät, an öffentlichen Schulen vermehrt Workshops durchzuführen, um Vorurteile gegenüber Minderheiten abzubauen.

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