Tunesische Asylsuchende: «Sie stehlen, um Geld nach Hause zu schicken»
Aktualisiert

Tunesische Asylsuchende«Sie stehlen, um Geld nach Hause zu schicken»

Schriftsteller Amor Ben Hamida will Tunesier davon abhalten, in die Schweiz zu kommen. Mit Vorträgen an tunesischen Schulen versucht er, ihnen ihre Illusionen über Europa zu nehmen.

von
Marco Lüssi

Herr Ben Hamida, was war Ihre Motivation, den Roman über tunesische Asylbewerber zu schreiben, der in diesen Tagen erscheint?

Amor Ben Hamida: Schweizer Lesern will ich zeigen, welche Hoffnungen und falschen Erwartungen junge Tunesier in die Schweiz treiben. Und tunesischen Lesern will ich klarmachen, dass die Schweiz nicht das Paradies ist, das sie erwarten.

Warum kommen so viele Tunesier hierher, obwohl sie keine Chance auf Asyl haben?

In Tunesien herrscht ein völlig falsches Bild von Europa. Verantwortlich dafür sind vor allem jene Tunesier, die schon in Europa leben. Sie sagen ihren Landsleuten nicht ehrlich, wie schwierig es hier ist. Wenn sie in den Ferien nach Tunesien zurückkehren, protzen sie mit einem Reichtum, den sie in Wirklichkeit gar nicht haben. Dass sie ihr Auto in Europa geleast haben und verschuldet sind, verschweigen sie, um das Gesicht zu wahren. Schon im Alter von 14 Jahren haben viele Tunesier den grossen Traum, nach Europa zu gehen. Dabei nehmen sie sogar das Risiko in Kauf, bei der Überfahrt nach Lampedusa zu ertrinken.

Aus welchen Schichten stammen jene Tunesier, die in die Schweiz kommen?

Die meisten stammen aus der Unterschicht, haben wenig Schulbildung, schlechte Sprachkenntnisse und waren in Tunesien arbeitslos. Ich habe in der Schweiz aber auch Asylsuchende getroffen, die in Tunesien einen Job hatten, etwa als Lehrer. Die meisten wollen aber nicht in der Schweiz bleiben, ihr eigentliches Ziel ist Frankreich. Dort hat fast jeder Tunesier Verwandte.

Können sich Personen aus der Unterschicht die Überfahrt nach Europa überhaupt leisten?

Mit dem Boot nach Europa zu gelangen kostet etwa 2000 bis 3000 Dinar, das sind 1000 bis 1500 Franken. Das entspricht etwa vier guten tunesischen Monatslöhnen. Um dieses Geld aufzubringen, verschulden sich die meisten, oft nicht nur sie selber, sondern auch ihre Familien. Umso grösser ist dann der Druck für sie, aus Europa Geld zu schicken.

Fast täglich tauchen tunesische Asylbewerber in Schweizer Polizeimeldungen auf, weil sie Ladendiebstähle begehen oder Autos knacken.

Ja, diese Kriminalität ist ein grosses Ärgernis. Sie fügt Tunesien einen enormen Image-Schaden zu. Diese Vorfälle rauben den Schweizern auch die Lust, ihre Ferien in Tunesien zu verbringen. Mit der Folge, dass sich die tunesische Tourismusbranche weiter in der Krise befindet – was wiederum noch mehr Wirtschaftsflüchtlinge produziert.

Kommen die Tunesier mit dem Ziel in die Schweiz, kriminell zu werden?

Nein, sie wollen Arbeit, sie wollen Geld verdienen. Wenn sie ein Jahr hier herumgehängt sind und nie arbeiten konnten, geraten manche auf die schiefe Bahn. Viele denken sich auch: Diktator Ben Ali hat in der Schweiz Millionen gebunkert, davon hole ich mir jetzt etwas zurück. Das Geld, das sie stehlen, brauchen einige, um sich Nike-Turnschuhe, Levi's-Jeans und andere Statussymbole zu kaufen. Doch viele schicken es auch nach Hause. Sie wollen den Anschein erwecken, dass sie es in Europa geschafft haben.

Ist die Hemmschwelle, kriminell zu werden, bei Ihren Landsleuten tief?

Sie ist jedenfalls hier viel tiefer als in Tunesien. Dort haben junge Männer Väter und Onkel, die einschreiten, wenn sie kriminell werden. Diese soziale Kontrolle fehlt hier völlig. Hinzu kommt der Alkohol. Damit haben wir in der arabischen Welt Mühe: Entweder man trinkt gar nicht, oder man trinkt bis zur Besinnungslosigkeit. Alkohol – in Kombination mit Frust – spielt oft eine Rolle, wenn tunesische Asylbewerber Straftaten begehen.

Welche Rolle spielen die geringen Strafen in der Schweiz?

Eine grosse. In Tunesien sind die Strafen viel härter als hier. Eine oder zwei Nächte in einem Schweizer Gefängnis können einen tunesischen Asylbewerber nicht abschrecken. Die Strafen in der Schweiz müssten härter sein.

Was müsste man tun, um Tunesier von der aussichtslosen Reise in die Schweiz abzuhalten?

Es braucht mehr Hilfe vor Ort, damit es Tunesiens Wirtschaft endlich besser geht. Deshalb lasse ich bewusst mein Buch in Tunesien drucken. Und Schweizer müssten wieder mehr in Tunesien Ferien machen. Zudem müssen die Tunesier endlich lernen, dass Europa nicht das Paradies ist, für das sie es halten. Dafür sorge ich, indem ich in Schulen Vorträge halte.

Was erzählen Sie den tunesischen Schülern?

Gemeinsam mit einem Kollegen informiere ich sie über die tödlichen Gefahren der Bootsüberfahrt. Und ich sage ihnen deutlich, dass Arbeitslosigkeit gemäss Schweizer Recht kein Asylgrund ist. Und dass die Schweizer nur so viel Geld haben, weil sie «chrampfen». Tunesier, die einen Job in der Schweiz haben, sind überrascht, wie hart man hier arbeitet. In Tunesien leistet man halt schon weniger als in der Schweiz – dafür verdient man auch zehnmal weniger.

Glauben Sie, dass diese Vorträge bei den Jungen etwas bewirken?

Ich weiss es nicht – sobald einer in seinem Umfeld jemanden kennt, der aus Europa 500 Euro an die Familie schickt, glaubt er, dass er es auch schaffen kann. Doch auch in der tunesischen Gesellschaft wächst der Unmut über junge Menschen, die in Europa schmarotzen, statt sich am Wiederaufbau ihres Landes zu beteiligen.

Der Schriftsteller Amor Ben Hamida (55) ist tunesisch-schweizerischer Doppelbürger. Die Vernissage für sein Buch «Aufgetaucht. Zum Paradies via Lampedusa» findet am 25. April um 19 Uhr im Möbelhaus Malabar Concept in Cham statt. Das Werk ist im Buchhandel erhältlich oder kann beim Autor bestellt werden.

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