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Schweizerin in ArgentinienSie sucht seit 40 Jahren ihr geraubtes Baby

Norma Känzig aus Gais AR bringt 1973 in Argentinien Zwillinge zur Welt. Eines der Babys wird ihr gestohlen. Jetzt ermittelt die argentinische Justiz.

von
Karin Leuthold

«Endlich tut sich was», sagt Norma Känzig voller Hoffnung. Die 69-Jährige aus Gais AR ist derzeit in Argentinien und sucht nach ihrem verschwundenen Sohn Carlos Baez. Nachdem die Mutter Anfang Februar bei der Staatsanwaltschaft in Buenos Aires Anzeige erstattet hatte, leitete die Justiz Ermittlungen ein.

Die Geschichte ist haarsträubend: Norma Känzig brachte am 5. Juni 1973 in einem Spital in Buenos Aires gesunde, eineiige Zwillinge zur Welt. Die Geburt lief von Anfang an anders als erwartet, sagte die Mutter vor Staatsanwalt Carlos Velarde aus. «Ich war damals im siebten Monat schwanger und ging für eine Routineuntersuchung ins Spital», schilderte Känzig. Das Pflegepersonal brachte die Schwangere direkt in den Kreissaal. Dort band eine Hebamme ihre Beine ans Bett und leitete die Geburt ein. Kurz danach erblickten zuerst Carlos und dann Pablo das Licht der Welt.

Eine tragische Geschichte

In der Nacht auf den 8. Juni seien drei Männer in den Neonatologie-Saal gekommen, erinnert sich die Mutter. «Sie gaben sich als Handwerker aus und fragten mich, wieso ich dort sei. Als ich mich als Mutter der Kinder ausgab, schienen sie überrascht. Dann sagten sie, ich solle zurück ins Bett gehen.» Als sich Känzig von ihnen abwendete, legte einer der Männer ein Handtuch über ihr Gesicht. Was danach geschah, weiss sie bis heute nicht.

Am nächsten Morgen teilte eine Krankenschwester der Mutter mit, Baby Carlos sei gestorben. Die Ärzte gaben unterschiedliche Erklärungen: Einer sagte, das Kind habe «genetische Missbildungen» gehabt, ein anderer sprach von «inneren Blutungen». Die Eltern durften die Leiche des Babys nicht sehen. In einem geschlossenen Sarg wurde Carlos Baez zwei Tage später begraben. 1978 liess Känzig die Überreste ausgraben und nahm sie zu sich.

In den 1990er Jahren zog Familie Känzig-Baez mit den vier Kindern in die Schweiz. Über die Jahre wurde die Mutter das Gefühl nicht los, dass Carlos noch lebt. 2009 startete Norma Känzig auf eigene Faust eine Untersuchung: Sie schickte die Knochen des Kindes in ein DNA-Labor nach Texas, zusammen mit ihrer eigenen Blutprobe. Das Resultat bestätigte, was sie schon immer geahnt hatte: Sie war mit einer Sicherheit von 99,93 Prozent nicht die Mutter des toten Babys.

Das Spital liefert keine Akten

Nun geht Norma Känzig den offiziellen Weg: Sie brachte die Knochen zurück nach Argentinien, «so, wie ich sie schon in die Schweiz gebracht habe, in einer kleinen Pralinenbox im Koffer», erzählt sie 20 Minuten. Sie mache sich damit strafbar, warnten die Schweizer Behörden. «Ich bin auf der Suche nach der Wahrheit so weit gekommen, nichts wird mich aufhalten», meint die Mutter entschlossen.

In Argentinien legte sie die Überreste wieder ins Familiengrab. Am 10. Februar wurden die Knochen auf Befehl der Staatsanwaltschaft offiziell exhumiert. Die Polizei brachte die Überreste ins staatliche Leichenschauhaus, dort werden sie in den kommenden Wochen vom gerichtsmedizinischen Institut untersucht. Letzte Woche gab Känzig eine Blutprobe ab. Die Resultate der DNA-Analyse erhält sie am 4. Juni.

Gleichzeitig forderte die Staatsanwaltschaft die Akten über Geburten und Todesfälle vom 1. Juni bis 15. Juni 1973 im Spital an. Bis heute seien die Dokumente aber nicht geliefert worden, bestätigt eine Beamtin. «Die Spitalleitung behauptet, dass sie die Akten nach über 40 Jahren nicht mehr hätte.» Darum hat die Staatsanwaltschaft die Dokumente jetzt beim Gesundheitsministerium beantragt. Eine Antwort steht noch aus.

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