Aktualisiert 08.12.2008 12:37

Finanzkrise«Sie töten nicht, aber sie richten viel Schaden an»

Die Wall Street schrumpft wie nie seit der Grossen Depression: Banken und andere Finanzinstitutionen streichen zehntausende Jobs und ganze Abteilungen.

Der Staat und die Stadt New York leiden unter der höheren Arbeitslosigkeit und den sinkenden Steuereinnahmen. Der Durchschnittsamerikaner darf aber auf solidere und verständlichere Anlageprodukte hoffen.

«Ich glaube, es ist ziemlich klar, dass der gesamte Finanzsektor kleiner sein wird, als er war», sagte der Chefvolkswirt bei der Investmentbank Dresdner Kleinwort, Kevin Logan. «Er wird sich nicht einfach konsolidieren. Er wird schrumpfen.» Jetzt gehe es wieder um die Grundlagen, erklärt der Finanzprofessor Robert Howell von der Tuck School of Business in Dartmouth. «Das Finanzsystem hat sich aufgeführt wie eine Horde Betrunkener und nun sind alle wieder nüchtern. Die Dinge hatten sich verselbständigt.»

Bis Oktober wurden im Finanzsektor 130.000 Arbeitsplätze gestrichen, wie die Personalvermittler von Challenger, Gray & Christmas erklärten. Hinzu kommen 53.000 Stellen bei der Citigroup, so dass sich die grösste Schrumpfung aller Zeiten in dem Sektor ergibt. JPMorgan Chase streicht zehn Prozent seiner Arbeitsplätze, genauso wie Goldman Sachs und Morgan Stanley. State Street baut sechs Prozent seiner Stellen im Bereich Investment ab.

Für die Entwicklung ist die Krise an den Finanzmärkten teilweise verantwortlich. Aber auch Überkapazitäten spielen eine Rolle. Die US-Finanzindustrie hat sich historisch betrachtet mit jeder grossen technologischen Innovation verdoppelt: Im späten 19. Jahrhundert war es die Eisenbahn, in den 1920ern das Auto und in den 90er-Jahren der High-Tech-Boom. Wenn der Boom vorüber war, schrumpfte auch die Finanzindustrie entsprechend. Als aber im Jahr 2000 die Internet-Blase platzte, wuchs der Sektor trotzdem weiter.

Staat und Stadt zahlen hohen Preis

Der verspätete Rückgang fordert nun einen hohen Preis. Der Staat und die Stadt New York rechnen in den kommenden zwei Jahren mit 225.000 Arbeitslosen mehr. Ausserdem werden Steuerrückgänge in Höhe von 6,5 Milliarden Dollar erwartet.

«Jeder Sektor, der mit Hypotheken zu tun hat, wird zurückgehen, möglicherweise sogar um bis zur Hälfte», sagte Wirtschaftsprofessor Sung Won Sohn von der California State University. «Viele dieser Leute werden einfach nicht gebraucht werden.»

Dazu gehören auch hoch spezialisierte Mitarbeiter: Diese Mathegenies wurden von den besten Universitäten des Landes geholt, um komplexe Computermodelle für Hege Fonds und die grossen Wall-Street-Firmen zu entwickeln. Diese sogenannten Quants werden heute beschuldigt, die Risiken von Hypothekengeschäften und Derivaten unterschätzt zu haben. Viele mussten bereits gehen, und die Unternehmen haben angekündigt, die freien Stellen so schnell nicht wieder zu besetzen.

Hoffnung auf mehr Ordnung am Markt

Für den Konsumenten zeichnet sich aber möglicherweise doch ein Silberstreif am Horizont ab. Wenn weniger risikoreiche Anlageprodukte gehandelt werden, könnte mehr Ordnung auf dem Markt einkehren. Damit könnten Marktsprünge verhindert werden, die Anlagen und Ersparnisse von Milliardenwert auffressen.

«Wir können nicht zulassen, dass die Wall Street noch einmal fehlerhafte Produkte hervorbringt», sagte der unabhängige Analyst Edward Yardeni. «Sie töten vielleicht nicht, aber sie richten viel Schaden an.» Der Sektor werde jetzt wahrscheinlich zu den Grundlagen zurückkehren. «Aktien, Rentenwerte, Dinge, die normale Menschen verstehen können.» (dapd)

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