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Unruhen in Xinjiang«Sie waren wie wütende Tiere»

Zwei Tage nach den blutigen Unruhen in der chinesischen Provinz Xinjiang sitzt die Friseurin, eine Han-Chinesin, noch immer wie benommen in ihrem Laden in der Regionalhauptstadt Urumqi. «Nur böse Menschen können so etwas tun, dafür gibt es keine Entschuldigung», sagt sie.

Seit Sonntag wird die Zwei-Millionen-Stadt von einer Welle der Gewalt erschüttert. Muslimische Uiguren zogen durch die Strassen und attackierten laut Augenzeugenberichten unbeteiligte Han-Chinesen.

Das Staatsfernsehen zeigte Bilder von blutüberströmten Verletzten, ausgebrannten Autos und wütenden Demonstranten, die Steine auf Polizisten warfen. Nach offiziellen Angaben kamen dabei mindestens 156 Menschen ums Leben, mehr als 1000 wurden verletzt.

Der Konflikt in Xinjiang schwelt schon seit Jahren. In der sechsgrössten chinesischen Provinz leben fast 20 Millionen Menschen, die 47 verschiedenen ethnischen Gruppen angehören. Traditionell sind in Xinjiang die Uiguren, die sprachlich und kulturell zu den Turkvölkern gehören, in der Mehrheit.

Seit Anfang der 90er Jahren siedelt Peking in der Provinz im äusserten Nordwesten des Landes aber massiv ethnische Chinesen an. Die Uiguren werfen der Regierung vor, sie durch den Massenzuzug der Han-Chinesen zu einer Minderheit in der eigenen Heimat machen zu wollen.

Ausgelöst wurden die jüngsten Proteste vom Tod zweier uigurischer Fabrikarbeiter, die Ende Juni im Süden Chinas ums Leben gekommen waren. Nach Angaben von Uiguren hatten chinesische Arbeiter ihre uigurischen Kollegen angegriffen, nachdem in der Spielzeugfabrik das Gerücht aufgekommen war, Uiguren hätten zwei chinesische Arbeiterinnen vergewaltigt.

»Es ist schrecklich»

»Was die Uiguren gemacht haben, ist schrecklich», sagt eine Beamtin, die ebenfalls anonym bleiben will, über die Unruhen. Verständnis für die Anliegen der Uiguren hat die Han-Chinesin nicht - und aus Urumqi wegziehen will sie auf keinen Fall. «Man geht nicht einfach weg, das ist unser Land», sagt sie.

Xinjiang sei eine uigurische Region, unterstreicht dagegen Anwar, ein Uigure. «Aber die Han-Chinesen kontrollieren alles», sagt er. Gewaltausbrüche habe es schon in der Vergangenheit gegeben - «und es werden weitere folgen, wenn sich die Dinge nicht ändern.»

Wie Anwar denken viele Uiguren in Xinjiang, aber nicht alle sind so radikal. «Wir wollen einfach nur Frieden», sagt Yusufina, deren Mann und Sohn nach den Unruhen festgenommen wurden. «Wir hassen die Han nicht, wir wollen nur, dass unsere Angehörigen freigelassen werden.»

Heftige Proteste

Am Dienstagmorgen protestieren in Urumqi trotz eines massiven Aufgebots an Sicherheitskräften rund 200 Menschen. Teilweise unter Tränen fordern die überwiegend weiblichen Demonstranten die Freilassung ihrer Söhne und Ehemänner.

Später ziehen tausende aufgebrachte Han-Chinesen durch die Stadt - offenbar um sich für die Angriffe der Uiguren zu rächen. Um die Lage unter Kontrolle zu bringen, verhängen die Behörden für die Nacht eine Ausgangssperre.

(sda)

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