Ethiker: «Sie werden Veganer – oder wollen selbst jagen»
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Ethiker«Sie werden Veganer – oder wollen selbst jagen»

Der gelernte Bauer und Ethiker Thomas Gröbly erklärt, warum das Töten von Tieren die Menschen derart bewegt.

von
Nikolai Thelitz
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Dieses Rind wurde für ein Kunstprojekt geschlachtet. Im Kaufleuten soll es am Donnerstag nach und nach zerteilt und zubereitet werden.

Dieses Rind wurde für ein Kunstprojekt geschlachtet. Im Kaufleuten soll es am Donnerstag nach und nach zerteilt und zubereitet werden.

Katahrina Lütscher
In etwa so wird das Rind an der Decke des Kaufleuten hängen. Die Köche – nebst der Food-Künstlerin Sandra Knecht auch Spitzenkoch Moritz Stiefel – bereiten dann Stück für Stück zu und servieren das Essen an die Besucher.

In etwa so wird das Rind an der Decke des Kaufleuten hängen. Die Köche – nebst der Food-Künstlerin Sandra Knecht auch Spitzenkoch Moritz Stiefel – bereiten dann Stück für Stück zu und servieren das Essen an die Besucher.

Katahrina Lütscher

Herr Gröbly, warum ist das Töten von Tieren ein derart emotionales Thema geworden?

Fleischkonsum gehört heute noch zum Alltag. Dem Stück Fleisch im Laden ist das Tier nicht mehr zu erkennen. Es gibt trotzdem ein latentes Unbehagen, denn in vielen Köpfen gibt es Bilder vom Schlachthof. Wenn man öffentlich mit dem Schlachten oder dem toten Tier konfrontiert wird, kommen diese Bilder wieder hoch. Deshalb gab es auch diese emotionalen Reaktionen zu der Schlachtung in Sissach oder der toten Kuh im Kaufleuten. Als Konsequenz beschliessen viele Leute, entweder auf Fleisch und Tierprodukte zu verzichten oder sie sagen sich: «Wenn schon Fleisch, dann will ich es auch selbst jagen und töten.»

Ist das der Grund für den Boom auf den Jagdschein?

Unter anderem. Ein anderer Faktor ist unsere sterile, digitalisierte Welt. Die Menschen suchen wieder den Kontakt zur Natur und die Grunderfahrungen des Lebens. Dazu gehört etwa, wieder selbst Gemüse anzupflanzen – oder eben zu jagen. Es besteht die Angst, dass Fähigkeiten wie Pfade finden, Fährten lesen oder Wetter einschätzen verloren gehen.

Und was empört die Tierschützer?

Einerseits die öffentlich gezeigten toten Tiere. Beim Menschen gilt die Würde auch nach dem Tod, bei den Tieren jedoch nicht. Dieses öffentliche Schlachten und zerlegen der Tiere empfinden viele als besonders entwürdigend. Und dann werden natürlich auch grundlegende Bedenken hervorgerufen. Ethisch lässt es sich kaum rechtfertigen, für die Ernährung Tiere zu töten, wenn es Alternativen gibt. Tiere fühlen Schmerz und Leiden, sie wollen ein langes und gutes Leben mit sozialem Austausch, Sex und Nachkommen. All das zerstören wir, wenn wir sie schlachten, besonders wenn sie jung sind.

Wie erlebten Sie dies in Ihrer Zeit als Bauer?

Ich war damals bei Hofschlachtungen dabei. Dass Menschen Tiere töten, gehört nun mal einfach dazu, dachte ich mir. Rückblickend war es aber für mich doch eine heftige, schockierende Erfahrung, einfach zu sehen, wie ein Leben beendet wird. Heute bin ich Vegetarier.

Wird sich der Konflikt um das Töten von Tieren noch verschärfen?

Ja. Immer mehr Menschen auf der Welt ernähren sich von Fleisch, bereits jetzt werden 50 Prozent des Getreides Masttieren verfüttert. Gleichzeitig hungern viele Menschen. Der Fleischkonsum muss abnehmen, auch um die Würde der Tiere zu respektieren. Es muss beim Umgang mit Tieren ein Umdenken stattfinden, Aktionen wie die öffentliche Schlachtung und die Kuh im Kaufleuten können helfen, dass sich die Leute vermehrt mit dem Töten von Tieren auseinandersetzen.

Ethiker Thomas Gröbly

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