Winterthur : «Sie wollte die Schule schmeissen und heiraten»
Aktualisiert

Winterthur «Sie wollte die Schule schmeissen und heiraten»

Zwei Winterthurer Teenager sollen sich auf den Weg zum IS gemacht haben. Beide besuchten die Moschee der umstrittenen Organisation el-Furkan in Embrach.

von
Vroni Fehlmann & Ann Guenter
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Atef Sahnoun ist Präsident des Islamischen Vereins An'Nur in Winterthur. Er vermutet, dass V. und E. in Embrach radikalisiert wurden.

Atef Sahnoun ist Präsident des Islamischen Vereins An'Nur in Winterthur. Er vermutet, dass V. und E. in Embrach radikalisiert wurden.

zvg
So zeigt sich der Vater türkischen Medien. Er sucht seine Tochter und seinen Sohn: Sie sollen unterwegs zur IS-Terrormiliz sein.

So zeigt sich der Vater türkischen Medien. Er sucht seine Tochter und seinen Sohn: Sie sollen unterwegs zur IS-Terrormiliz sein.

Fatih Karacali(dha)
Die 15-Jährige, links mit Kopftuch und rechts ohne. Mit diesen Bildern sucht der Vater nach seiner Tochter.

Die 15-Jährige, links mit Kopftuch und rechts ohne. Mit diesen Bildern sucht der Vater nach seiner Tochter.

Fatih Karacali(dha)

Ein Winterthurer ist in der türkischen Grossstadt Adana auf der verzweifelten Suche nach seinen Kindern. Der 16-jährige Lehrling V. L.* und die 15-jährige Sekschülerin E. L.* sollen sich auf den Weg nach Syrien gemacht haben, um sich dort der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) anzuschliessen.

Ihr Vater glaubt, dass sie in einer Moschee in der Schweiz zu dem Schritt verleitet wurden. Bis 2011 war V. im Islamischen Verein An'Nur in Winterthur aktiv, wie Präsident Atef Sahnoun gegenüber 20 Minuten bestätigt. Danach wechselte er zur Organisation el-Furkan, deren Moschee in Embrach steht.

Der Grund für den Wechsel sei Selman Ramadani gewesen, Imam der Moschee in Embrach, sagt Sahnoun. Der Verein el-Furkan stand schon öfters in der Kritik, denn er gilt als Schweizer Treff radikaler Salafisten aus dem Balkan. Ramadani soll bei Koran-Verteilaktionen schon mit deutschen Salafisten zusammengespannt haben. Sahnoun vermutet, dass der junge V. in dieser Umgebung radikalisiert worden ist. «Embrach ist bekannt dafür, dass dort der strenge Glaube gelehrt wird.» Imam Ramadani war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

«Er hatte nicht einmal einen Bart»

Vor kurzem sei V. aber wieder zum Verein in Winterthur zurückgekehrt. «Zwei Monate war er wieder bei uns», sagt Sahnoun. Dass V. nun in den Heiligen Krieg gezogen sein soll, hat der Vereinspräsident nicht geahnt, wie er sagt. «Er war ein flotter, lieber Junge. Das tat weh, als ich es hörte. Ich war überrascht, V. hatte nicht einmal einen Bart.»

Doch auch in Embrach ist die Bestürzung gross: Ana H.*, die der 15-jährigen vermissten E. sehr nahesteht, macht sich grosse Sorgen. Früher sei E. ständig bei ihr zu Hause ein und aus gegangen: «Wir haben Spiele gespielt, sie war eng mit meiner Tochter befreundet und ich war für sie eine Art Mutter.» Im Juli habe E. sich plötzlich verändert. «Sie kam nicht mehr in die Moschee in Embrach und zog sich zurück. Sie meldete sich auch nicht mehr bei uns. Ausserdem hat sie sich einen neuen Namen zugelegt.»

«Sie wollte die Schule schmeissen und heiraten»

H. habe versucht herauszufinden, was los ist. Doch die 15-Jährige wollte nicht darüber sprechen. «Vor drei Wochen hat sie sich bei meiner Tochter gemeldet und gesagt, dass sie die Schule schmeissen und heiraten will», sagt H. Seither hätten sie nichts mehr von ihr gehört. «Meine Tochter und ich haben zusammen geweint, als wir erfahren haben, dass E. weg ist.»

Die besorgte Bekannte ist sich praktisch sicher, dass E. und V. dem IS beitreten wollten. Sie glaubt, dass die beiden durch das Internet radikalisiert wurden. Ob sich die beiden Geschwister wirklich dem IS angeschlossen haben, ist noch nicht bestätigt. Gemäss der Kantonspolizei Zürich wurde am 19. Dezember eine Anzeige wegen zwei entlaufenen Jugendlichen eingereicht. Sie seien mittlerweile international ausgeschrieben. «Es gibt Hinweise, dass sich die Personen in der Türkei aufhalten», sagt Sprecher Marc Besson.

«Die Moschee müsste geschlossen werden»

Wo also entwickelten die Teenager ihre Faszination für den radikalen Islam – in Winterthur, Embrach oder im Internet? «Der Fall der beiden Kinder erschüttert mich wirklich», sagt Saïda Keller-Messahli, Präsidentin des Forum für einen fortschrittlichen Islam. Sie wäre nicht überrascht, wenn die Teenager in der el-Furkan-Moschee in Embrach radikalisiert wurden. «Im Gegensatz zur gleichnamigen salafistischen Gruppe in Deutschland, gibt sich der Verein in der Schweiz gemässigt. El-Furkan aber heisst sinngemäss übersetzt ‹die Unterscheidung› – darin ist der Anspruch verpackt, dass sich sogenannte Rechtgeleitete und angeblich ‹Fehlgeleitete› gegenüberstehen. Bereits das deutet auf eine radikale Gesinnung hin.»

Tut die Schweiz genug, um Jugendliche vor der Radikalisierung zu schützen? «Ehrlich gesagt weiss ich nicht so recht, was die Schweiz in Sachen Prävention eigentlich macht. Es wird ja kaum kommuniziert, wir sind alle im Ungewissen.» Sie wisse nicht, ob Behörden und Nachrichtendienst überhaupt ein Konzept hätten, an radikale Imame heranzukommen. «Ich komme mir mit meiner Forderung, Imame und Moscheen zu kontrollieren, seit längerem wie der einsame Rufer in der Wüste vor.»

Was für Konsequenzen müsste es für den Verein haben, wenn die Winterthurer Teenager sich tatsächlich über el-Furkan radikalisierten? Keller-Messahli: «Dann ist für mich klar, dass der Verein verboten und seine Moschee geschlossen werden muss.»

*Namen der Redaktion bekannt

Verwirrung um Handy-Signal In der Türkei dauert die Suche nach den Teenagern an – eine heisse Spur fehlt aber. Der Chef der Kinderschutzbehörde in Adana sagt gegenüber 20 Minuten: «Wir halfen dem Vater, indem wir Fotos der beiden Teenager an alle umliegenden Polizeistationen verteilten.» Der Vater der beiden erklärte gegenüber türkischen Medien, man habe ein Handysignal seiner Kinder aus Adana empfangen. Das konnte die Polizei in Adana gegenüber 20 Minuten nicht bestätigen. Ein Sprecher vermutet, dass Interpol einen entsprechenden Ortungsantrag bei der türkischen Telekommunikationsbehörde TIB gemacht hat. Interpol selbst äussert sich nicht zum Fall. Es könne aber auch sein, dass der verzweifelte Vater lediglich Gerüchten hinterherjage. Allerdings: Die Polizei kennt bereits mehrere Fälle von ausländischen Jugendlichen, die in Adana gelandet waren, um in den Krieg im Nachbarland überzusetzen.

Verwirrung um Handy-Signal In der Türkei dauert die Suche nach den Teenagern an – eine heisse Spur fehlt aber. Der Chef der Kinderschutzbehörde in Adana sagt gegenüber 20 Minuten: «Wir halfen dem Vater, indem wir Fotos der beiden Teenager an alle umliegenden Polizeistationen verteilten.» Der Vater der beiden erklärte gegenüber türkischen Medien, man habe ein Handysignal seiner Kinder aus Adana empfangen. Das konnte die Polizei in Adana gegenüber 20 Minuten nicht bestätigen. Ein Sprecher vermutet, dass Interpol einen entsprechenden Ortungsantrag bei der türkischen Telekommunikationsbehörde TIB gemacht hat. Interpol selbst äussert sich nicht zum Fall. Es könne aber auch sein, dass der verzweifelte Vater lediglich Gerüchten hinterherjage. Allerdings: Die Polizei kennt bereits mehrere Fälle von ausländischen Jugendlichen, die in Adana gelandet waren, um in den Krieg im Nachbarland überzusetzen.

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