Aktualisiert 04.03.2019 07:47

Esoterik-Star

Sie zahlten 190 Fr, um die «neue Uriella» zu sehen

Sie wird als zweite Uriella gehandelt und füllt Hallen mit ihren Heilsversprechen: die 17-jährige Christina von Dreien. 20 Minuten war an einem Seminar dabei.

von
jk
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Knapp 600 Leute haben sich an diesem sonnigen Sonntag in der Tonhalle St. Gallen versammelt. Sie alle haben 190 Franken bezahlt, um der blassen jungen Frau mit der brüchigen Stimme zuzuhören.

Knapp 600 Leute haben sich an diesem sonnigen Sonntag in der Tonhalle St. Gallen versammelt. Sie alle haben 190 Franken bezahlt, um der blassen jungen Frau mit der brüchigen Stimme zuzuhören.

Doch wer eigentlich ist die junge Frau, die zuerst wie ein Häufchen Elend, später aber selbstbewusst schmunzelnd auf dieser Bühne sitzt? Christina von Dreien kommt aus dem Toggenburg und begeistert mit ihren Heilsversprechen die Massen. Sie wird als neuer Esoterik-Star der Schweiz und Nachfolgerin der eben verstorbenen Uriella gehandelt. Der Sektenexperte Georg Schmid hebt diese Parallelen hervor.

Doch wer eigentlich ist die junge Frau, die zuerst wie ein Häufchen Elend, später aber selbstbewusst schmunzelnd auf dieser Bühne sitzt? Christina von Dreien kommt aus dem Toggenburg und begeistert mit ihren Heilsversprechen die Massen. Sie wird als neuer Esoterik-Star der Schweiz und Nachfolgerin der eben verstorbenen Uriella gehandelt. Der Sektenexperte Georg Schmid hebt diese Parallelen hervor.

Screenshot Youtube
Schmid sagt: «Die Weltanschauung der beiden ähnelt sich frappant, beide reden vom friedlichen Paradies. Viele ehemalige Fiat-Lux-Mitglieder hören heute auf Christina. Anders als Uriella nimmt Christina aber keine Heilungen vor und bezeichnet sich nicht als Sprachrohr Gottes. Sie selber sei eine sehr hohe Seele.»

Schmid sagt: «Die Weltanschauung der beiden ähnelt sich frappant, beide reden vom friedlichen Paradies. Viele ehemalige Fiat-Lux-Mitglieder hören heute auf Christina. Anders als Uriella nimmt Christina aber keine Heilungen vor und bezeichnet sich nicht als Sprachrohr Gottes. Sie selber sei eine sehr hohe Seele.»

Keystone/Walter Bieri

Knapp 600 Leute haben sich an diesem sonnigen Sonntag in der Tonhalle St. Gallen versammelt. Sie alle haben 190 Franken bezahlt, um der blassen jungen Frau mit der brüchigen Stimme und dem violetten Langarmshirt zuzuhören. «Wenn dir jemand in deinem Umfeld sagt, du seist nicht ganz dicht, dann lass ihn das sagen. Es ist nicht dein Problem. Normal zu sein, ist gar nicht das Ziel. Die Welt ist voller normaler Menschen und schau, wo es hingeführt hat», sagt Christina von Dreien. Die Menge applaudiert und lacht. Dabei waren einige von ihnen eine Stunde zuvor noch sichtlich genervt, denn die Veranstaltung begann mit 90 Minuten Verspätung.

Der Grund: Der 17-Jährigen aus dem Toggenburg geht es an diesem Tag nicht gut. Weinend hat sie um 11.30 Uhr die Bühne betreten. Die Erklärung dafür sollte später folgen. Nach und nach scheint es Christina aber besser zu gehen. Ein Helfer aus dem «Christina-Team», wie er sich selber nennt, übernimmt vorerst das Sprechen und eine Zuhörerin regt sich über die Verzögerung auf. 190 Franken habe sie für dieses Seminar schliesslich bezahlt. Ein anderer sagt: «Seit über einem Jahr versuche ich ein Ticket für ein Seminar zu kaufen. Ich bin extra aus Deutschland angefahren.»

Vom Licht und «Unlicht»

Doch wer ist eigentlich die junge Frau, die zuerst wie ein Häufchen Elend, später aber selbstbewusst schmunzelnd auf der Bühne sitzt? Christina von Dreien kommt aus dem Toggenburg und begeistert mit ihren Heilsversprechen die Massen. Sie wird als neuer Esoterik-Star der Schweiz und als neue Uriella gehandelt, die eben verstorbene Fiat-Lux-Führerin. Auch wenn sie mit Fiat Lux nichts zu tun hat – der Sektenexperte Georg Schmid hebt diese Parallelen hervor. Ähnlich wie Uriella habe Christina es sich zum Ziel gemacht, den Menschen das Licht zu bringen. Auch heute verspricht sie dem Publikum: «Wenn ihr euer Bewusstsein erweitert – so wie wir es hier lernen – werdet ihr später sowieso alle hellsehen können.»

Das Geschäft bei Christina von Dreien läuft. Ihre Mutter, die Heilpraktikerin Bernadette von Dreien, hat zwei Bücher über Christina geschrieben, deren Verkaufszahlen im fünfstelligen Bereich liegen sollen. Ein drittes wird diesen Frühling veröffentlicht. Christinas Youtube-Videos haben Hunderttausende von Klicks. Dort erzählt sie unter anderem von ihrer Zwillingsschwester, die wenige Monate nach der Geburt verstarb und mit der sie angeblich noch immer kommuniziert – wie mit vielen anderen Toten auch. Zudem soll sie mit Tieren sprechen sowie Gedanken lesen können.

Freiwilligkeit statt Zwang

Das Publikum ist bunt gemischt. Es fällt allerdings auf, dass die Mehrheit aus gepflegten Frauen mittleren Alters besteht. Doch auch Kinder und Männer sitzen aufmerksam da. «Die Essenz hinter Christinas Seminaren und Büchern ist ganz simpel: Wir alle sollten friedlicher und vor allem bewusster leben», sagt ein Zuhörer. Auch er ist, wie so viele, aus Deutschland angereist. Er ist begeistert von Christina. «Ich arbeite in der Privatwirtschaft. Da fragt dich niemand, wie es dir geht. Die Arbeit ist menschenfeindlich, es geht darum, immer noch mehr Profit zu schlagen», so der junge Mann.

Und genau das fasziniere ihn an Christina: Sie sei da, um den Menschen zu sagen, dass sie ihr Leben der Freiheit und der Freiwilligkeit unterordnen sollen. «Für mich war das Studium ein einziger Zwang. Ich büffelte nicht, weil es mir Spass machte, sondern, weil ich dachte, ich müsse diese Ausbildung absolvieren», so der Mann. Christina aber habe ihm klargemacht, dass das falsch sei und es auf der Welt um Liebe und Mitgefühl gehe statt um Profit.

Esoterik sei heute trendy, sagt Experte Schmid. Christina verspreche – wie viele Esoteriker seit den 90ern – eine bessere Welt. Freiheit, Liebe sowie ein erweitertes Bewusstsein seien der Weg dorthin. «Schaut man sich die Welt heute an – mit Trump oder dem Syrien-Krieg – ist dieses Versprechen natürlich attraktiv.»

«Der Schlüssel ist Selbstreflexion»

Doch zurück zum Anfang und der Frage, wieso es Christina so schlecht ging. Die 17-Jährige liefert nach der Mittagspause eine anschauliche Erklärung: Es sei das «Unlicht» gewesen, das sich breitgemacht habe, weil sie hier heute neue Schritte wage. «Aber wenn ich etwas will, tue ich das auch», sagt sie und die Menge klatscht.

Dann zeigt Christina Bilder vom «Kindlifresser-Brunnen» in Bern, spricht über den Vatikan und Sekten. «All diese negativen Dinge sehen wir Tag für Tag mit unseren Augen. Aber wir nehmen sie nicht richtig wahr. Der Schlüssel ist Selbstreflexion: Nur wenn wir uns selber verändern, können wir auch die Welt verändern», sagt Christina.

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