Augenzeugen aus Butscha – «Sie zwangen meinen Mann Oleg auf die Knie und schossen ihm in den Kopf»
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Augenzeugen aus Butscha«Sie zwangen meinen Mann Oleg auf die Knie und schossen ihm in den Kopf»

Nach dem Abzug der russischen Truppen aus Butscha berichten Überlebende, was sie gesehen haben und was ihren Angehörigen widerfahren ist. Ihre Berichte zeigen das Ausmass des Grauens und dokumentieren schwere Kriegsverbrechen.

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In Butscha wurden laut ukrainischen Angaben über 300 Leichen von Zivilisten gefunden.

In Butscha wurden laut ukrainischen Angaben über 300 Leichen von Zivilisten gefunden.

AFP
Tanya Nedaschkiwskas Mann, der in der Marine diente, wurde von russischen Soldaten festgenommen. Mehrere Tage später fand sie seine verstümmelte Leiche in einem Keller.

Tanya Nedaschkiwskas Mann, der in der Marine diente, wurde von russischen Soldaten festgenommen. Mehrere Tage später fand sie seine verstümmelte Leiche in einem Keller.

REUTERS
Sie habe ihn nur an seinen Hosen und Turnschuhen erkannt, so die Frau.

Sie habe ihn nur an seinen Hosen und Turnschuhen erkannt, so die Frau.

REUTERS

Darum gehts

  • In Butscha sollen mindestens 300 Zivilpersonen ermordet worden sein.

  • Viele Leichen wurden beim Abzug der Russen einfach auf der Strasse liegengelassen.

  • Überlebende berichten von Misshandlungen und Hinrichtungen durch russische Truppen.

Nach dem Massaker in der Stadt Butscha bei Kiew sind ukrainischen Medienberichten zufolge deutlich mehr als 300 Leichen von Zivilisten geborgen worden. Bis Sonntagabend seien bereits 330 bis 340 leblose Körper eingesammelt worden, schrieb die Zeitung «Ukrajinska Prawda» am Montag unter Berufung auf einen Bestattungsdienst. Überlebende schildern, was sie erlebt haben.

«Wir waren zu Hause in unserer Doppelhaushälfte. Plötzlich hörten wir eine Explosion: Sie zerstörten unser halbes Haus. Dann begannen sie, durch die Fenster zu schiessen. ‹Kommt raus›, riefen sie»: So schildert die 48-jährige Irina Abramowa gegenüber einem «Bild»-Korrespondenten vor Ort den Beginn der russischen Besetzung von Butscha am 5. März.

«Wir kommen, um euch zu befreien»

Ihr Ehemann Oleg sei dann auf die Strasse getreten und habe die Soldaten informiert, dass nur Zivilisten im Haus seien. Als Abramowa ebenfalls rausgegangen sei, hätten die Kämpfer sie gefragt, warum sie sich verstecke. «Ich sagte: ‹Wir haben Angst. Und ihr schiesst›. Sie sagten: ‹Seht, wir sind Russen. Wir haben ein Sankt-Georgs-Band. Wir kommen, um euch zu befreien.›»

Dann habe ihr Haus zu brennen begonnen, und ihr Mann habe versucht, es zu löschen. «In dem Moment packten sie ihn, zogen ihm den Pullover ab, drückten ihn auf die Knie und schossen ihm in den Kopf. Dann begannen sie, mich zu verhören. Sie fragten mich: ‹Wo sind die Nazis?›» Sie habe dann gesagt, sie sollten auch sie und ihre Katze töten. Doch einer der Soldaten habe gemeint, er töte keine Frauen.

«Mein Mann wurde 40 Jahre alt, er hat seinen Geburtstag am 14. März nicht mehr erlebt. Er lag dort, wo sie ihn erschossen haben, bis wir sicher waren, dass die Soldaten weg waren», so Abramowa weiter. Die Russen hätten sie für den Tod ihrer Kameraden verantwortlich gemacht. «Wir sagten: ‹Was haben wir euch getan?› Sie erwiderten: ‹Ihr habt den Präsidenten gewählt, ihr habt Nazis an die Macht gelassen. Ihr habt die Maidan-Proteste gestartet›». Die Russen hätten immer wieder nach Nazis gefragt und deren Adressen verlangt. Die Männer hätten mit Akzent gesprochen: «Es waren wohl Kadyrowzy-Kämpfer», glaubt sie, also Männer aus der Garde des tschetschenischen Machthabers Ramsan Kadyrow.

«Sie schossen auf jeden, den sie sahen»

Auch Wladislaw Kozlowsky überlebte die Besetzung von Butscha. Im Interview mit einem polnischen TV-Sender erzählt er von dem Moment, als die Russen in die Stadt kamen. «Allen, die keine Waffen hatten, wurde befohlen, sich in einem Luftschutzbunker zu verstecken.» Doch die Soldaten hätten sie entdeckt. Kozlowsky und andere wurden als Geiseln festgehalten. Fünf Tage lang hätten sie ohne Licht und fliessendes Wasser ausharren müssen.

Dann seien andere Soldaten gekommen. Zunächst hätten diese ihnen die Wertsachen abgenommen, dann hätten sie ihre Papiere kontrolliert. «Wenn jemand an der Anti-Terror-Operation (der Militäreinsatz im Donbass 2014 bis 2018) teilgenommen hatte oder zur Verteidigungsarmee gehörte, wurde er sofort erschossen. Sie kontrollierten auch Tätowierungen und suchten nach ‹Nazis›. Es wurden auch diejenigen erschossen, die das Wappen der Ukraine trugen.»

Leichen einfach liegengelassen

Acht Menschen aus seiner Gruppe seien erschossen worden, so Kozlowsky. Ihre Leichen wurden einfach liegengelassen. Einem Freund habe man in die Seite geschossen und ihm gesagt: «Das ist, damit du es nicht eilig hast, nach Hause zu gehen.» Kozlowsky berichtet weiter, wie er mehrmals verprügelt wurde, zuletzt von einem betrunkenen Soldaten. «Meine Nase war gebrochen, meine ganze Kleidung war voller Blut.»

Kurz vor der Befreiung der Stadt hätten Kadyrowzys in der Stadt Tod und Verderben verbreitet. «In der letzten Woche sind sie von morgens an durch Wohngebiete gelaufen und haben auf jeden geschossen, den sie gesehen haben.» Ein Bekannter habe mit anderen versucht, nach Irpin zu fliehen. «Ihre Leichen wurden wenige Tage später gefunden. Meinem Bekannten wurde in den Hinterkopf geschossen. Der andere wurde gefoltert, seine Wange herausgeschnitten.»

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(trx)

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