215 indigene Kinderleichen in Kanada – «Sieben Geschwister meines Grossvaters liegen im Massengrab»
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Überreste von 215 Kindern kanadischer Ureinwohner«Sieben Geschwister meines Grossvaters liegen im Massengrab»

Der Fund sterblicher Überreste von 215 indigenen Kindern auf einem ehemaligen Internatsgelände in Kanada weckt bei ehemaligen Bewohnern und Bewohnerinnen sowie deren Nachkommen schmerzhafte Erinnerungen.

von
Karin Leuthold
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Suzanne Shoush kennt die Geschichte ihrer Familie sehr gut. Sieben der neun Geschwister ihres Grossvaters liegen in dem Massengrab. «Jeden Sommer besuchte meine Mutter mit mir den Friedhof, damit wir nie vergassen, was die meisten Kanadier nicht wussten.»

Suzanne Shoush kennt die Geschichte ihrer Familie sehr gut. Sieben der neun Geschwister ihres Grossvaters liegen in dem Massengrab. «Jeden Sommer besuchte meine Mutter mit mir den Friedhof, damit wir nie vergassen, was die meisten Kanadier nicht wussten.»

Department of Family and Community Medicine, University of Toronto.
Saa Hiil Thut besuchte bis 1968 die Kamloops Indian Residential School. Mit den Folgen des Missbrauchs, den er dort erfuhr, kämpfte er lange. «Ich wurde süchtig, ich war Alkoholiker.» 

Saa Hiil Thut besuchte bis 1968 die Kamloops Indian Residential School. Mit den Folgen des Missbrauchs, den er dort erfuhr, kämpfte er lange. «Ich wurde süchtig, ich war Alkoholiker.»

Screenshot Global News
Sharon Agecoutay erinnert sich noch heute, wie sie ihre Klassenkameraden sich in den Schlaf weinen hörte. Sie besuchte die Regina Public School von 1949 bis 1962.

Sharon Agecoutay erinnert sich noch heute, wie sie ihre Klassenkameraden sich in den Schlaf weinen hörte. Sie besuchte die Regina Public School von 1949 bis 1962.

Screenshot Global News

Darum gehts

  • Auf dem Gelände eines ehemaligen Internats für Kinder von Ureinwohnern und Ureinwohnerinnen waren die sterblichen Überreste von 215 Kindern gefunden worden.

  • Das ehemalige Internat war eines von 139 solcher Einrichtungen, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Kanada errichtet wurden.

  • Ehemalige Bewohner und Bewohnerinnen sowie deren Nachkommen erzählen von den Horrorbedingungen in den Einrichtungen.

Die Entdeckung eines Massengrabs mit Überresten von 215 Kindern von Ureinwohnern und Ureinwohnerinnen auf einem ehemaligen Internatsgelände löst in Kanada Beschämung und Erschütterung aus. Bei den Mitgliedern der indigenen Gemeinschaft Tk’emlups te Secwepemc legt der Fund alte Wunden offen.

Suzanne Shoush erzählt in einem Artikel in «The Star» ihre eigene Familiengeschichte: «Sieben Geschwister meines Grossvaters liegen in diesem Massengrab.» Was jetzt bekannt wird, wussten die Indigenen schon lange: In den insgesamt 139 Einrichtungen, die im ganzen Land als Umerziehungscamps funktionierten und von der katholischen Kirche im Auftrag der kanadischen Regierung betrieben wurden, waren Gewalt, Zwangsarbeit und sexueller Missbrauch an der Tagesordnung.

Ganzes Dorf niedergebrannt – das war legal

Als ihr Grossvater vier Jahre alt war, sei der gesamten Gemeinde Sen̓áḵw befohlen worden, ihre Habseligkeiten zu packen und sich beim Fluss zu versammeln, schreibt Shoush. Dort wurden die Indigenen auf einen Lastkahn gebracht. Während der Schlepper sich von der Küste entfernte, sahen sie, wie ihr Dorf niedergebrannt wurde. Das Land, auf dem sie wohnten, war begehrt. Dort sollte ein neuer Stadtteil Vancouvers entstehen.

Die gewaltsame Vertreibung war keineswegs illegal: Nach dem kanadischen Indian Act konnte jede indigene Gemeinde, die sich im Umkreis von sechs Meilen um eine Siedlung weisser Menschen befand, enteignet werden.

Nachkommen sollen nicht vergessen, «was Kanadier nicht wussten»

Zwei Jahre nach der zwanghaften Umsiedlung wurde Suzanne Shoushs Grossvater in die St. Mary's Residential School in Mission in der Provinz British Columbia gebracht. Weit weg von seiner Familie, damit er nicht versucht, wegzulaufen. Auch die restlichen acht Geschwister kamen in ein Internat des Indian Residential School Systems (IRSS).

Der Schulbesuch war Pflicht, der Inhalt auf dem Lehrplan so gestaltet, dass aus den Kindern der Ureinwohner und Ureinwohnerinnen eines Tages Hausangestellte sowie Landarbeiter und Landarbeiterinnen werden. «Mein Grossvater überlebte den Horror des indischen Residential School Systems, um im Zweiten Weltkrieg für Kanada zu kämpfen», schreibt Shoush. Die körperlichen und emotionalen Strapazen jener Zeit an der Schule des IRSS trug er sein Leben lang.

«Jeden Sommer besuchte meine Mutter mit mir den Friedhof, damit wir nie vergassen, was die meisten Kanadier nicht wussten.»

«Das waren Monster»

«Wir hatten Hunger, wir hatten Angst», erzählt Saa Hiil Thut, der bis 1968 die Kamloops Indian Residential School besuchte, zu «Global News». Nach seinem Abschluss kämpfte er 14 Jahre lang mit den Folgen des körperlichen und geistigen Missbrauchs, den er dort erfuhr. Lange plagten ihn Albträume. «Ich wurde süchtig, ich war Alkoholiker.»

Sharon Agecoutay erinnert sich noch heute, wie sie ihre Klassenkameraden und Klassenkameradinnen sich in den Schlaf weinen hörte. Sie besuchte die Regina Public School von 1949 bis 1962. Auch ihre Schwester lebte im Internat. Wenn sich die beiden Mädchen zufällig begegneten, durften sie sich nicht umarmen. Saa Hiil Thut fasst es zusammen: «Das waren Monster, die so etwas getan haben. Kinder im Alter von drei Jahren in einem nicht gekennzeichneten Grab zu beerdigen, das ist das Merkmal eines Monsters

Die Ureinwohner-Organisation Assembly of First Nations (AFN) fordert nun Aufklärung. Die Familien und ehemaligen Schüler und Schülerinnen «verdienen die Wahrheit», sagte AFN-Chef Perry Bellegarde am Dienstag. «Eine gründliche Untersuchung aller früherer Internatsgelände könnte mehr Wahrheit zum Genozid an unseren Menschen ans Licht bringen.»

Ein «kulturelles Genozid»

In Kanada waren ab 1874 rund 150’000 Kinder von Ureinwohnern und Ureinwohnerinnen sowie gemischten Paaren von ihren Familien und ihrer Kultur getrennt und unter Zwang in kirchliche Heime gesteckt worden, um sie so zur Anpassung an die weisse Mehrheitsgesellschaft zu zwingen. Viele von ihnen wurden in den Heimen misshandelt oder sexuell missbraucht. Nach bisherigen Angaben starben mindestens 3200 dieser Kinder, die meisten an Tuberkulose.

Ottawa entschuldigte sich im Jahr 2008 offiziell bei Überlebenden der Internate. Sie seien Opfer eines «kulturellen Genozids», stellte eine Untersuchungskommission im Jahr 2015 fest.

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