Aktualisiert 23.07.2014 12:37

Sexsüchtiger erzählt

«Sieben Stunden Pornos am Stück»

Am Donnerstag startet die US-Komödie «Thanks for Sharing» in den Kinos. Thema des Films ist Sexsucht. Wir haben mit einem Betroffenen über seinen Alltag gesprochen.

von
Catharina Steiner

Wir verabreden uns telefonisch zum Treffen in einem Zürcher Starbucks. Ich solle nach einem Mann mit graumelierten Haaren, Brille und Pferdeschwanz Ausschau halten. Ich hoffe inständig, dass er damit seine Frisur meint. Wie er mich erkennen könne? Blonde lange Haare, schlank, sage ich. Und fühle mich augenblicklich schuldig. Welche Assoziationen wecke ich nun in einem 70-Jährigen, der jeden Gedanken an Sex verdrängen muss, um durch den Tag zu kommen?

Roger* ist sexsüchtig. Er leitet in Bern eine Männer-Gruppe, die ihre Abhängigkeiten analog zu Alkoholikern in einem 12-Stufen-Programm in Schach zu halten versucht. Auch er kommt aus den Reihen der Alkoholiker. Als Roger 1977 aufgehört hat zu trinken, kam es zur Suchtverschiebung. «Ich war acht Monate lang clean vom Alkohol. Aber dann glaubte ich eines Tages, dass mein Kopf gleich explodieren würde. Ich dachte, ich darf jetzt alles tun, nur nicht trinken. Deshalb bin ich zu einer Prostituierten gegangen. Und das hat die Schleuse zur Sexsucht geöffnet.»

Sex war tabu

Es ist schon vorgekommen, dass er sieben Stunden lang ununterbrochen Pornos konsumiert hat. Heute hat er sich gewisse Seiten im Internet sperren lassen, um nicht in Versuchung zu kommen. Roger denkt jeden Tag an Sex – aber nicht ständig. Das liege daran, dass er sich heute mehr diszipliniere. «Das Leben besteht ja nicht nur aus Sex. Ich denke dann an andere Sachen, und das gelingt mir dann mehr oder weniger. Es ist mühsam, dass man von Anfang an den Gedanken daran abklemmen muss.»

Roger war verheiratet, hat erwachsene Kinder. In der Ehe konnte er seine Lust aber nicht befriedigen. «Ich suchte bei Prostituierten das, was ich daheim nicht bekam. Man lebt seine Fantasien aus. Frauen beklagen sich immer darüber, dass man nicht über seine Bedürfnisse spricht. Das war für mich das Schwierige. Gegenüber Frauen, die mir emotional nahestanden, konnte ich meine Wünsche nicht äussern», sagt er.

Nähe auszuhalten, das sei schon immer sein Problem gewesen. Aufgewachsen in einem katholischen Kinderheim in den 50er-Jahren, war Roger schon früh mit einem körperfeindlichen Umfeld konfrontiert. Sex war tabu und wurde verteufelt, und die Mutter sei frigide gewesen.

Selbstbefriedigung ist nicht erlaubt

Roger ist single. Damit habe er sich mehr oder weniger abgefunden. «Ich schaue immer mal wieder auf den Dating-Seiten, aber das ist mir zu mühsam», sagt er. Selbstbefriedigung ist eigentlich nicht erlaubt. Regeln gebe es trotzdem keine, das schaffe nur unnötigen Druck. Die anonymen Sexsüchtigen geben Empfehlungen ab.

Den Betroffenen, die in Partnerschaften leben, wird laut Roger geraten, sich des Sex zu enthalten, bis das Empfinden eines lüsternen Rauschgefühls aus dem Körper ist. Es brauche einen geistigen Sinneswandel gegenüber der Sexualität, die den Partner als Subjekt in seiner Ganzheit annimmt und nicht auf ein Objekt reduziert.

Auch wenn er sich schon viele Jahre mit seiner Sucht auseinandersetzt – besiegt hat Roger sie noch nicht. Die Überwindung der Sexsucht sei für ihn ein langwieriger Prozess in kleinen Schritten. Dass sich die Sucht primär in der Fantasie manifestiert und mit der Realität nicht immer kompatibel ist, ist wohl ein Fortschritt der Auseinandersetzung mit ihr. «Ein Beispiel ist, dass ich mit einer lüsternen Befindlichkeit ins Puff ging. Als dann die Türe aufging und die Frau vor mir stand, sackte das Rauschgefühl in mir sturzartig ab und ich kehrte sofort um.»

* Name von der Redaktion geändert

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