Aktualisiert 14.11.2011 14:37

Artgerechte Haltung«Sieben tote Delfine sind genug»

Diese Woche starb im Freizeitpark Connyland erneut ein Delfin. Die Präsidentin von Oceancare spricht über das Halten von Delfinen und die spezielle Situation im Connyland.

von
Thomas Hagspihl
Bereits im September waren beim jetzt verstorbenen Delfin «Shadow» starke Hautveränderungen erkennbar (Bild). Sigrid Lüber setzt sich für ein Verbot von Delfinarien ein.

Bereits im September waren beim jetzt verstorbenen Delfin «Shadow» starke Hautveränderungen erkennbar (Bild). Sigrid Lüber setzt sich für ein Verbot von Delfinarien ein.

Im Freizeitpark Connyland in Lipperswil ist am Dienstag ein Delfin verendet. Der Tod des Delfins könnte in Zusammenhang mit einer am Samstag im Park durchgeführten Techno-Party stehen. Seit 2008 sind laut Tierschutzorganisationen bereits sieben Connyland-Delfine gestorben. Sigrid Lüber, die Präsidentin der Tierschutzorganisation Oceancare, spricht im Interview mit 20 Minuten Online über das Leben von Delfinen in Gefangenschaft und die Situation im Freizeitpark Connyland.

Frau Lüber, was werfen Sie den Betreibern von Connyland vor?

Den Betreibern des Connyland kann Uneinsichtigkeit vorgeworfen werden, denn ein klareres Zeichen als sieben tote Delfine in nur drei Jahren gibt es nicht, um zu beweisen, dass die Haltung der Delfine alles andere als in Ordnung ist.

Diesem Umstand hat das Schweizer Tierschutzgesetz und die Tierschutzverordnung anlässlich der Revision 2008 Rechnung getragen und die Delfine auf die Liste der besonders schwierig zu haltenden Tiere gesetzt.

Es ist denn auch kein Wunder, dass keiner der wissenschaftlich geführten Zoos in der Schweiz Delfine hält. Da will ausgerechnet ein Vergnügungspark an einer höchst mangelhaften Delfinhaltung festhalten?

Bereits am 20. September habe ich dem Thurgauer Kantonstierarzt ein Foto des jetzt verstorbenen Delfins «Shadow» (Bild oben) geschickt, mit der Bitte das Tier zu untersuchen. Der Delfin litt bereits damals unter extremen Hautveränderungen, was auf eine Krankheit hindeutet. Der Tierarzt hatte mir versprochen, sich darum zu kümmern. Leider habe ich bis heute nichts von ihm gehört.

Sind Sie grundsätzlich gegen die Haltung von Delfinen in sogenannten Delfinarien?

Oceancare setzt sich für den Schutz der Delfine ein. Wir sind grundsätzlich gegen die Haltung von Delfinen in Betonbecken. Delfine sind hochintelligente Tiere mit besonderen Bedürfnissen, die in Gefangenschaft nicht befriedigt werden können.

In freier Wildbahn nutzen Delfine täglich bis zu 100 Quadratkilometer. Ein Delfinarium kann den Lebensraum Meer nicht ersetzen. Delfine haben Familienstrukturen, die mit unseren vergleichbar sind. Sie bleiben ein Leben lang mit ihrer Familie zusammen. In Gefangenschaft werden die Tiere willkürlich zusammengewürfelt.

Hat sich die Situation für die Delfine im Connyland in den letzten Jahren verbessert?

Ich glaube nicht, dass sich die Situation der Tiere in den letzten Jahren verbessert hat. Baulich hat sich nichts verändert. Die Tiere haben nicht mehr Platz als früher. Die Mitarbeiter haben zwar die gesetzlich vorgeschriebene Wildtierpfleger-Ausbildung. Sie sind aber nicht speziell für Delfine ausgebildet.

Jetzt gibt es dort noch vier Delfine. Drei männliche und ein weibliches Tier. Man kann sich vorstellen, welchem Stress das weibliche Tier ausgesetzt ist. Ich bin mir sicher, dass die Tiere mit Hormonen und Beruhigungsmitteln ruhiggestellt werden.

Im «Chateau» finden regelmässig Partys statt. Warum sollte gerade die Techno-Party am 29. Oktober Ursache für den Tod des Delfins sein?

Lärm ist für akustisch orientierte Tiere wie Delphine ein grosses Problem und kann zum Tod führen. Wir wissen aber nicht, ob genau diese Party schuld am Tod des Delfins war. Es kann natürlich schon sein, dass ein bereits wegen einer Krankheit geschwächtes Tier durch den Lärm der Party so gestresst ist, dass es daran stirbt. Wir hoffen, dass die Sektion, die im Tierspital der Universitätsklinik Zürich durchgeführt wird, diese Frage beantworten wird.

Es ist ein grundsätzliches Problem. Die Tiere haben eine lange Sommersaison mit vielen Auftritten vor Publikum hinter sich. Da ist jeder zusätzliche Stress Gift für die Tiere.

Was war die Todesursache bei den in den letzten Jahren verstorbenen Delfinen?

Es ist ein Problem an die Daten heranzukommen. Das Connyland gibt diese nicht freiwillig heraus. Bei zwei Delfinen wissen wir, dass sie Nierensteine hatten und an Nierenversagen gestorben sind. Grundsätzlich zeigen Delfine die gleichen Symptome wie der Mensch, wenn dieser längere Zeit Stress ausgesetzt ist. Dazu zählen auch Magengeschwüre.

Was fordern Sie jetzt von den Betreibern?

Bis Ende der neunziger Jahre wurden auch im Kinderzoo im Rapperswil Delfine gehalten. Die Familie Knie hatte jedoch ein Einsehen und hat die Delfinhaltung 1998 aufgegeben. Wir hoffen, dass auch die Familie Gasser in Lipperswil Erbarmen mit den Tieren hat und das letzte Delfinarium in der Schweiz schliesst.

Das sagt Connyland zu den Vorwürfen der Tierschützer:

$$VIDEO$$(Video: Youtube)

Sigrid Lüber ist seit 1993 Präsidentin von Oceancare. Als einzige Schweizer Beobachterin nimmt sie an den jährlichen Tagungen der IWC (Internationale Walfangkommission) teil.

Oceancare (Sitz in Wädenswil ZH) setzt sich seit 1989 für den Schutz der Meeressäuger und der Ozeane ein. Die Organisation hat Berater-Status beim Wirtschafts- und Sozialrat (ECOSOC) der Vereinten Nationen und ist offizieller Partner des UNEP/CMS Abkommens für den Schutz der Wale und Delphine im Mittelmeer, schwarzen Meer und angrenzenden Atlantik (ACCOBAMS).

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