Aktualisiert 04.02.2004 11:16

Sieg geil!

Ohne nähere Begründung hat der Rowohlt Verlag überraschend den für März geplanten Roman «Endstufe» des Autors Thor Kunkel über Pornofilme während der NS-Zeit zurückgezogen.

In einer Erklärung des Verlags zu dem späten Rückzieher hiess es am Wochenende lediglich, Autor und Verlag hätten «in der letzten Phase der Lektoratsarbeit (...) in einigen inhaltlichen und ästhetischen Fragen keine Einigung erzielen können und beschlossen, das Vertragsverhältnis aufzulösen».

Beide Parteien hätten vereinbart, «nicht mit inhaltlichen Begründungen und Urteilen an die Presse und Öffentlichkeit zu gehen».

Authentizität angezweifelt

Wie der «Tagesspiegel am Sonntag» in seiner aktuellen Ausgabe berichtet, lag dem Verlag das fertige Manuskript bereits seit Juni 2003 vor. Rowohlt dagegen habe behauptet, die umstrittenen Passagen seien erst im November 2003 lektoriert worden.

Verleger Alexander Fest hatte erst kürzlich die Auslieferung des im Tochterverlag Kindler erschienenen Buches «Ich musste auch töten» der angeblichen ehemaligen israelischen Geheimdienstagentin Nina Zamar gestoppt. Grund waren Zweifel an der Authentizität der Aussagen.

Der Roman des für sein Buch «Schwarzlicht-Terrarium» (2000) preisgekrönten Autors Thor Kunkel beschäftigt sich mit einem laut Verlagsankündigung wahren Hintergrund: den «Sachsenwald-Filmen», 1940/41 von Biologen und Hobbyfilmern des Berliner SS-Hygiene- Instituts gedrehten Pornos, die im Ausland gegen Rohöl und Eisenerz eingetauscht worden sein sollen.

Ehemalige Porno-Darstellerin

Wie «Tagesspiegel» und «Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung» (FAS) am Sonntag übereinstimmend berichteten, war Kunkel über einen Dokumentarfilm von Alexander Kluge auf das Thema gekommen. Während seiner Recherche habe er unter anderem eine der damaligen Porno-Darstellerinnen in einem Altersheim ausfindig gemacht.

Nach Angaben der FAS, der das Manuskript vorliegt, beschreibt Kunkel eine «dekadente, moralfreie, vergnügungssüchtige Nischengesellschaft» unter der Nazi-Herrschaft.

Der Holocaust komme darin «praktisch nicht vor», vielmehr sei es ein «Roman der Dekadenz, der Wollust und der experimentellen, chemischen Weltverbesserungsfreuden (...) von oft tarantinoartiger Grausamkeit, von Körperfreude, Körperekel und Witz am Rande des Weltuntergangs». (sda)

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