Aktualisiert 01.10.2010 09:39

Schmerz ade

Sieg über das Phantom

Es ist eines der häufigsten Probleme, mit denen Amputierte zu kämpfen haben: Der Phantomschmerz. Forscher aus Jena entwickelten jetzt eine Prothese, die das Gehirn und somit den Schmerz austrickst.

Diese Prothese der Universität Jena schaltet den Schmerz ab. (Bild: Univerität Jena)

Diese Prothese der Universität Jena schaltet den Schmerz ab. (Bild: Univerität Jena)

Vor anderthalb Jahren hat Sandro John seinen linken Unterschenkel verloren. Trotzdem gab es in den vergangenen Monaten nur wenige Tage, an denen der 45-Jährige diesen Verlust auch wirklich wahrnahm. Immer wieder schmerzte der Unterschenkel, der doch gar nicht mehr da war. «In die Fusssohle stachen Nägel, das Schienbein wurde eingequetscht und die Zehennägel wurden immer wieder aufs Neue herausgerissen», klagt der Landwirt aus Hassleben bei Erfurt. Er leidet unter Phantomschmerzen, die etwa jeden zweiten Patienten nach dem Verlust eines Körperteils quälen. Jenaer Mediziner wollen jetzt mit einer neuen Prothese Abhilfe schaffen. Sie ist zunächst für Menschen mit einem amputierten Unterarm gedacht.

Phantomschmerzen zählen zu den schwierigsten zu behandelnden Schmerzen, wie der Psychologie-Professor Thomas Weiss von der Friedrich-Schiller-Universität Jena erklärt. Die moderne Schmerzforschung hat erkannt, dass die anhaltende Pein der Patienten auf der Ausbildung eines Schmerzgedächtnisses im zentralen Nervensystem beruht. Fehlt ein Körperteil, verlieren im Gehirn bestimmte Nervenzellen plötzlich ihre Aufgabe. Die grauen Zellen, die Informationen aus der Hand, dem Arm oder dem Bein verarbeiten, sind plötzlich arbeitslos und suchen sich neue Aufgaben. «Sie reagieren schon wenige Stunden nach dem Verlust eines Körperteils auf Reize aus anderen Körperregionen», sagt Weiss. Besonders gross sind die Phantomschmerzen, wenn der Patient in dem betroffenen Körperteil bereits vor der Amputation Schmerzen litt - sei es durch eine Krankheit oder eben bei einem Unfall. Nach dem Unglück mit der Gartenfräse hatte Sandro John fast eine Stunde mit Schmerzen im Garten gelegen, ehe ihn der Notarzt ins künstliche Koma versetzte.

Gehirn erhält Rückmeldung

Bislang wurden die Schmerzen medikamentös behandelt. Doch häufig blieben die Symptome trotz hoher Dosen von Schmerzmedikamenten bestehen. Weiss hatte die Idee, mit einem Trick die Umstrukturierung des Gehirns nach der Amputation zu verhindern oder rückgängig zu machen. Dazu wird dem Gehirn vorgegaukelt, die Hand existiere noch. Diese Idee setzte er gemeinsam mit Unfallchirurgen des Universitätsklinikums und einem Ingenieurbüro aus Jena um.

Wichtigster Bestandteil der neuentwickelten Prothese ist eine Stimulationseinheit, die über eine Manschette mit dem Oberarmstumpf des Patienten verbunden ist. Per Funk werden die Bewegungen der Hand an ein auf dem Oberarm befestigtes dünnes Gerät gesendet. Das wandelt die Information in einen spürbaren Reiz um. Mit einem mehr oder minder sanftem Kribbeln informiert das Gerät, was die Kunsthand gerade macht. «Auf diese Weise erhält das Gehirn eine Rückmeldung von der Prothese, als wäre es die eigene Hand», sagt Weiss. Die Nerven sind wieder mit der Hand beschäftigt.

Damit geht die Jenaer Prothese weit über moderne Handprothesen hinaus, die durch Muskelspannungen gesteuert werden. Sie besitzen Sensoren, die automatisch die Griffstärke regulieren, je nachdem ob sich ein Glas oder ein Hammer gehalten werden sollen. Der Patient bekommt davon nichts mit. Die Jenaer Forscher haben ihre Prothese nun so verändert, dass sie an das Gehirn zurückmeldet, was sie gemacht hat. Genau wie bei körperlich intakten Menschen: Wenn wir eine Mandarine schälen, informiert die Hand das Gehirn, ohne dass wir davon etwas mitbekommen.

Weiss hat bislang acht Patienten über jeweils 14 Tage mit der Prothese behandelt. Alle zwei Wochen kommt ein neuer Patient hinzu. «Es wirkt, den Probanden geht es besser», sagt er. Der Phantomschmerz wird um durchschnittlich 20 Prozent reduziert. Auch Beinamputierte könnten künftig von der Erfindung der Jenaer Forscher profitieren. Denkbar sei es, den Druck der Fusssohlen zur Stimulation zu nutzen.

Diese Prothese könnte Sandro John das Leben erleichtern. Mittlerweile hat er aber seinen eigenen Weg der Therapie gefunden. Er nutzt die Beinprothese intensiv und hat sie als zweites Bein akzeptiert. Auf ihr ist er mit seiner Schafzucht ständig im Dorf unterwegs. Manchmal kann er für kurze Zeit sogar vergessen, dass ihm ein Bein fehlt.

(dapd)

Phantomschmerz

Nahezu jeder zweite Mensch, der sich einer Amputation unterziehen musste, leidet unter Phantomschmerzen. Sie gehören in der Medizin zu den am schwierigsten zu behandelnden Leiden. Jährlich wird bei rund 70.000 Menschen in Deutschland ein Körperteil amputiert, schätzt der Verein der Amputierten-Initiativen.

Der Schmerz entsteht, weil die für das amputierte Körperteil zuständigen Nervenzellen arbeitslos werden und die Impulse der anderen Hirnregionen übernehmen. Phantomschmerzen sind Übertragungsfehler im Gehirn, die sofort nach der Operation oder auch erst Jahre später entstehen. Sie werden individuell sehr unterschiedlich empfunden. Das ist abhängig von der Empfindlichkeit, vom Schmerz vor der Amputation und von der eigenen Verarbeitung der Amputation. Zur Vorbeugung empfehlen Experten die frühe Behandlung der Schmerzen in den Extremitäten sowie eine frühzeitige Mobilisierung und Prothesenanpassung nach der Operation.

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