Wahl am 8. Juni: Siegt May wegen ihrer Ruhe nach dem Anschlag?
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Wahl am 8. JuniSiegt May wegen ihrer Ruhe nach dem Anschlag?

Theresa May ist keine schillernde Persönlichkeit. Genau das könnte ihr nach dem Anschlag in Manchester nutzen und ihr den Wahlsieg am 8. Juni bringen.

von
G. Chwallek
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Als die britische Premierministerin Theresa May sich am 23. Mai 2017 erstmals zum Terroranschlag in Manchester äusserte, wählte sie ihre Worte mit Bedacht. Ihre ruhige Art könnte ihr im Wahlkampf nutzen.

Als die britische Premierministerin Theresa May sich am 23. Mai 2017 erstmals zum Terroranschlag in Manchester äusserte, wählte sie ihre Worte mit Bedacht. Ihre ruhige Art könnte ihr im Wahlkampf nutzen.

AP/Matt Dunham
May mit Ian Hopkins, dem Chef der Greater Manchester Police. «Dem Versuch, uns zu spalten, wurden zahllose Handlungen der Güte entgegengesetzt, die Menschen einander näher brachten», sagte die konservative Politikerin.

May mit Ian Hopkins, dem Chef der Greater Manchester Police. «Dem Versuch, uns zu spalten, wurden zahllose Handlungen der Güte entgegengesetzt, die Menschen einander näher brachten», sagte die konservative Politikerin.

Keystone/AP/Peter Byrne
Theresa May schreibt im Rathaus von Manchester ein paar Zeilen der Anteilnahme. Einen Tag später, am 24. Mai, musste sie verkünden, dass die Terrorwarnstufe auf das höchste Niveau «kritisch» hochgestuft wurde.

Theresa May schreibt im Rathaus von Manchester ein paar Zeilen der Anteilnahme. Einen Tag später, am 24. Mai, musste sie verkünden, dass die Terrorwarnstufe auf das höchste Niveau «kritisch» hochgestuft wurde.

Keystone/AP/Ben Birchall

Vor diesem Augenblick graut es wohl jedem Staatslenker: Der Nation im Fernsehen mitteilen zu müssen, dass es einen Bombenanschlag gegeben hat – und dass der nächste schon bald folgen könnte. Doch die britische Premierministerin Theresa May, noch nicht einmal ein Jahr im Amt, bewältigte diese Herausforderung nach der Attacke in Manchester.

Sie strahlte dabei eine finstere Erhabenheit aus, die viele Briten beruhigte – und ihr wohl bei den bevorstehenden Wahlen am 8. Juni zugutekommen wird. Derartige Anschläge hätten oft zur Folge, dass sich die Menschen «um die Flagge versammeln», sagt Rob Ford, Professor für Politikwissenschaft an der Manchester University. «Die Unterstützung für alle Institutionen wächst und normalerweise auch für den amtierenden Regierungschef.»

Roboterhafter Redestil

May wurde überraschend Premierministerin – von den Konservativen gewählt, nachdem Amtsinhaber David Cameron nach dem Brexit-Votum im vergangenen Juni seinen Rücktritt erklärt hatte. Die bevorstehende Neuwahl rief May aus, um ihre parlamentarische Mehrheit zu vergrössern und damit gestärkt in die Brexit-Verhandlungen mit der EU gehen zu können.

Die Briten sind noch dabei, ihre Regierungschefin kennenzulernen. Es gibt bisher zwei Merkmale der 60-Jährigen, die hervorstechen: Sie liebt zwar extravagante Schuhe, ist aber ansonsten kein bisschen schillernd. Vor dem Anschlag wurde May wegen ihres schwunglosen Redestils kritisiert, und weil sie fast roboterhaft ihren Slogan «starke und stabile Regierung» wiederholt.

Doch nach dem Anschlag in Manchester wirkt dieser Stil positiv. «Stabilität, Ruhe, Ordnung, die Art von Dingen, die Theresa May personifiziert, mögen im Zusammenhang mit dem Wahlkampf noch vor einer Woche als mangelnde Flexibilität oder ausweichendes Verhalten herübergekommen sein», sagt Ford. «Jetzt nicht mehr.»

«Schreckliche, widerwärtige Feigheit»

Als sich May nach dem Anschlag bei dem Ariana-Grande-Popkonzert an die Nation wandte, schienen ihre Worte von Herzen zu kommen. Sie verurteilte die «schreckliche, widerwärtige Feigheit» des Angriffs auf Kinder und Teenager und lobte die Einsatzkräfte sowie «die normalen Männer und Frauen, die Sorgen um ihre eigene Sicherheit beiseite liessen und zu Hilfe eilten».

«Dem Versuch, uns zu spalten, wurden zahllose Handlungen der Güte entgegengesetzt, die Menschen einander näher brachten. Und das sind die Dinge, an die wir uns in den kommenden Tagen erinnern müssen», fuhr May fort. «Absolut perfekt», urteilte Tom Peck, ein Korrespondent des «Independent» und häufiger Kritiker der Konservativen, zu dieser Wortwahl.

Am Dienstag musste May dann weitere schlechte Nachrichten verkünden, nämlich dass die Terrorwarnstufe im Land das erste Mal seit 2007 auf das höchste Niveau «kritisch» hochgestuft worden sei. Dies bedeutet, dass ein Anschlag unmittelbar bevorstehen kann. May traf diese Entscheidung nicht selbst, zuständig dafür ist ein beim Sicherheitsdienst M15 angesiedeltes Zentrum zur Analyse der Terrorbedrohung. Aber in den Augen der Öffentlichkeit trägt die Premierministerin die Verantwortung für den Schritt, der mit der Stationierung von Soldaten anstelle von Polizisten an bestimmten öffentlichen Plätzen und Einrichtungen verbunden ist.

Terrorismus verdrängt Brexit

May war von 2010 bis 2016 Innenministerin und damit zuständig für Grenzschutz, Polizei und Terrorabwehr. Sie ist mit der Bedrohung durch Extremismus vertraut – und wohl gut gerüstet, den derzeitigen Test zu bestehen. Aber während ihrer Ministerzeit gab es im Zuge von Sparmassnahmen auch starke Kürzungen bei den Ausgaben für die Polizei. Die Zahl der Polizisten in England und Wales ging um fast 20'000 zurück. Ohne diese Entlassungen hätte May jetzt keine Soldaten auf die Strassen schicken müssen, sagen Kritiker.

Der durch die Attacke unterbrochene Wahlkampf wurde auf lokaler Ebene am Donnerstag wiederaufgenommen, auf nationaler geht es am Freitag weiter. Vor dem Anschlag war das Rennen Umfragen zufolge enger geworden.

Aber viele Experten meinen, dass ihr jetzt das stete Auftreten nach dem Anschlag nutzen wird. Das Thema Terrorismus ist in den Vordergrund gerückt, hat den Brexit verdrängt. Die Konservativen hatten Mays Gegner, Labour-Führer Jeremy Corbyn, schon vor dem Anschlag als zu weich im Kampf gegen den Terrorismus porträtiert. Und die Frage, wer am besten mit der Terrorbedrohung fertig wird, erhält nach Manchester noch stärkeres Gewicht.

Aber manche in Manchester, einer traditionellen Labour-Hochburg, meinen, dass May die Stadt nach dem Anschlag nicht genügend unterstützt habe. Sie kam am Tag nach der Attacke zwar, traf mit der Polizei und Rettungsmannschaften zusammen und besuchte Verletzte in Spitälern. Aber im Gegensatz zu anderen Regierungsmitgliedern und Corbyn blieb sie einer öffentlichen Gedenkveranstaltung fern. (G. Chwallek/dapd)

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