Aktualisiert 22.08.2008 12:56

«Peking direkt» mit Klaus ZauggSilber für Viktor Röthlin beim Disziplinentreffen

Am Sonntagmorgenfrüh bestreitet mit Viktor Röthlin die letzte Schweizer Medaillenhoffnung in Peking bei den Olympischen Spielen. 20-Minuten-Online-Kolumnist Klaus Zaugg gibt dem Marathonläufer Silber.

Wie gut ist ein Sportler drauf? Wird er sich durchsetzen? Um das herauszufinden, konnte im alten Griechenland vor den Olympischen Spielen das Orakel zu Delphi befragt werden. Diese Möglichkeit ist uns heute verwehrt. Aber wir können beispielsweise alle möglichen Statistiken auswerten. Experten befragen. Oder einfach raten.

Bei Olympischen Spielen gibt es ein ganz besonderes Ereignis, das uns recht zuverlässig hilft, einen Athleten einzuschätzen:

Das sogenannte Disziplinentreffen. Die Delegationsleitung organisiert so knapp wie möglich vor dem ersten Wettkampfeinsatz noch einmal eine Medienkonferenz. Die oder der Sportler sitzt dann im Konferenzraum des Medienzentrums oder des olympischen Dorfes vorne auf der kleinen Bühne und stellt sich den Fragen der Reporter.

Natürlich spielt es eine Rolle, ob ein Athlet oder eine Athletin viel in der Öffentlichkeit steht oder nicht. Ob er oder sie Erfahrung mit solchen Auftritten hat. Und doch: Da vorne ist er (oder sie) ganz alleine auf sich gestellt. Sozusagen gläsern. Wenn er (oder sie) nicht gut drauf ist, dann wird es hier sicht-, dann spürbar.

Federer vor Röthlin

Wenn wir ein Ranking aus dem Disziplinentreffen erstellen, so ergeben sich folgende Medaillenränge.

Gold: Roger Federer.

Silber: Viktor Röthlin.

Bronze: Fabian Cancellara

Federer hat von allen am meisten Charisma bei solchen Auftritten. Vor allem auch, weil er perfekt in Schweizerdeutsch, Hochdeutsch, Englisch und Französisch Fragen souverän beantwortet.

Viktor Röthlin kam sehr stark an Roger Federer heran. Auch er hat diese Eigenheit der grossen Champions, alles was er tut, nach bestem Wissen und Gewissen zu machen. Aufmerksam einem Fragesteller zuzuhören. Eine Frage ausführlich und höflich zu beantworten, keine angelernt wirkenden Platitüden von sich zu geben. Und ruhig uind gelassen zu bleiben.

Das alles gilt auch für Fabian Cancellara. Nur wirkt er eine Spur schwerblütiger (er ist Berner) als Federer und Röthlin. Deshalb für ihn «nur» Bronze.

Mount Everest statt Kilimandscharo

Federer und Cancellara haben Gold geholt. Nach der Disziplin Disziplinentreff gibt es keinen Grund, warum nicht auch Viktor Röthlin sein grosses Ziel erreichen sollte.

Wobei es einzuschränken gilt: Die Aufgabe für Röthlin ist schwieriger als für Federer und Cancellara. Den olympischen Marathon gegen 20 Mitfavoriten zu gewinnen ist wie die Besteigung des Mount Everests (8848 Meter). Für Cancellara und Federer war es die Besteigung des Kilimandscharo (5895 Meter).

Nun stellt sich die unangenehme Frage: Gab es nach dem Disziplinentreffen auch Anzeichen, dass sich ein Athlet oder eine Athletin nicht durchsetzen wird? Nun, das ist ein wenig bösartig gefragt, zumal im Rückblick jeder Soldat ein General wird.

Und doch fällt mir spontan eine grosse Sportlerin ein, der ich nach dem finalen Auftritt vor den Medien keine Chance eingeräumt habe: Patty Schnyder. Sie war zu aufgedreht, ihre Antworten waren zu aufgeregt und zu nichtssagend.

Und gibt es einen Athleten, dem ich nach dem Disziplinentreff Gold, Silber oder Bronze zugetraut hätte und der dann doch versagt hat?

Ja, Bruno Risi. Der hatte die Gelassenheit eines Champions, die an Federer, Röthlin oder Cancellara erinnerte.

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