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Unfruchtbarkeit bei MännernSimon (28) ist unfruchtbar und will Vater werden

Simon und Julia studieren, heiraten, sparen Geld und wollen eine Familie gründen. Dann die Schocknachricht: Simon ist unfruchtbar. Ein Porträt über einen Mann mit einem tabuisierten Schicksal.

von
Remo Schraner
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Dass er Kinder haben will, ist für Simon (28, Name geändert) schon lange klar. (Symbolbild)

Dass er Kinder haben will, ist für Simon (28, Name geändert) schon lange klar. (Symbolbild)

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Auch seine Frau Julia (Name geändert) wünscht sich Kinder: Seit 2018 hat das Paar nur noch ungeschützten Sex. (Symbolbild)

Auch seine Frau Julia (Name geändert) wünscht sich Kinder: Seit 2018 hat das Paar nur noch ungeschützten Sex. (Symbolbild)

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Die Wochen vergehen, und Julia wird nicht schwanger. Nach fünf Monaten kauft sich das Paar einen Fertilitäts-Tracker, der Julia zeigt, wann ihre fruchtbarsten Tagen sind. (Symbolbild)

Die Wochen vergehen, und Julia wird nicht schwanger. Nach fünf Monaten kauft sich das Paar einen Fertilitäts-Tracker, der Julia zeigt, wann ihre fruchtbarsten Tagen sind. (Symbolbild)

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Darum gehts

  • Seit seiner Jugend will Simon (28) Vater werden.

  • Obwohl er und seine Frau Julia ungeschützten Sex haben, wird sie nicht schwanger.

  • Im Januar 2020 die Gewissheit: Simon ist unfruchtbar.

  • Das Paar lässt sich nicht unterkriegen und sucht Wege, trotzdem Eltern zu werden.

  • Psychologin Christa Dold über das Tabuthema «unfruchtbare Männer».

Simon* ist 28 Jahre alt. «Mein Lebenstraum? Kinder zu haben.» Im Januar dieses Jahres kommt dann die Nachricht: Simon ist unfruchtbar. Er steht unter Schock: «Ich soll nie Kinder haben? Nie Grossvater werden?» Tausend Gedanken gehen ihm durch den Kopf. Seiner Familie verschweigt er diese Information. Doch von Anfang an.

20 Minuten trifft Simon und seine Frau Julia* im August. Dass Simon Vater werden will, wusste er schon als junger Erwachsener. Er war 19, als er sich in Julia verliebte – und sie sich in ihn. Für Julia war klar, dass es für die Familienplanung noch zu früh war. «Als wir uns kennen lernten, waren wir noch in der Ausbildung, und ich sagte Simon, dass wir frühestens nach dem Studium damit beginnen», sagt Julia und lacht. Simon hält ihre Hand und schmunzelt.

Statt Sex gabs Kuchen

Dann, vor zwei Jahren, ist es so weit. Beide haben einen festen Job, können etwas Geld ansparen, und sie heiraten. «Wir waren bereit für ein Kind. Seit Herbst 2018 haben wir nur noch ungeschützten Sex», sagt Simon.

Die Wochen vergehen, und Julia wird nicht schwanger. Nach fünf Monaten kauft sich das Paar einen Fertilitäts-Tracker, der Julia zeigt, wann ihre fruchtbarsten Tage sind. «Ich fand das völlig okay, dass uns der Tracker sagte, wann wir Sex haben sollten. An meiner Lust hat es auf jeden Fall nie gemangelt», sagt Simon, Julia nickt. Um die Spermienqualität zu optimieren, muss Simon seinen Samen «ansammeln» und darf nur noch dann Sex haben, wenn es der Tracker erlaubt. «Den Sex zu reduzieren, war schwierig. Ich musste mich irgendwie ablenken. Statt Sex zu haben, haben wir jeweils Kuchen gebacken.»

«Ich schaute einen Porno. Und noch einen»

Ein Jahr vergeht, und Julia ist noch immer nicht schwanger. «Ich googelte und schaute mir Wahrscheinlichkeits-Berechnungen an: Die Möglichkeit einer Schwangerschaft sollte in unserem Alter und nach einem Jahr ungeschütztem Sex bei 90 Prozent liegen. Mir wurde klar, dass wir ein Problem haben könnten», sagt Simon. Allzu grosse Sorgen macht er sich aber nicht. Er will seine Fruchtbarkeit testen lassen und geht nach der Arbeit ins Spital, um eine Spermaprobe abzugeben. Julia weiss davon, aber auch sie nimmt es locker.

«Das war merkwürdig», erinnert sich Simon. Beim Empfang erhält er einen Becher und wird in einen Raum geführt. «In der Mitte des Zimmers stand eine Liege. Mit Papier bedeckt. An der Wand hing ein riesiger Flatscreen, daneben lagen drei DVDs, und die Fernbedienung war in Plastikfolie eingepackt.» Für ihn ist klar, dass er so wenig Dinge wie möglich anfassen will. Also zückt er sein Handy aus der Hosentasche. «Ich legte mich auf die Liege und schaute einen Porno. Und noch einen. Denn so richtig in Stimmung kam ich nicht. Ich fragte mich immer wieder, wer vor mir hier lag. Drum dauerte es länger als sonst.»

Nach dem Orgasmus verschliesst er den Becher und stellt ihn in die Durchreiche. Dann verlässt Simon den Raum und das Spital. «Es war komisch, nicht zu wissen, wie es nun weitergeht.» Das war im Dezember 2019.

Die Botschaft kam per Post

Simon geht davon aus, dass mit seinen Spermien alles in Ordnung ist, und verzichtet auf eine ärztliche Besprechung. So wird ihm die Auswertung im Januar 2020 via Post nach Hause geschickt.

Simon öffnet den Brief im Beisein von Julia. Gemeinsam gehen sie die im Spermiogramm aufgeführten Zahlenwerte durch. «Mein Sperma unterschritt alle Normwerte.» Simon ist geschockt. Sein Lebenstraum, Vater zu werden, soll sich nicht erfüllen? «Trotz der Schwere des Resultats hatte es auch etwas Erleichterndes», sagt Julia, «endlich wussten wir, was los ist. Wir konnten aufhören, uns jeden Monat Hoffnungen zu machen.»

Simon dagegen wird depressiv. «Ich überlegte mir, Julia zu verlassen. Mit einem anderen Mann hätte sie die Chance auf ein leibliches Kind, sagte ich mir. Ich wollte ihr diesen Traum nicht zerstören.» Drei Wochen lang trägt er diese Gedanken allein mit sich rum. Dann redet er mit Julia darüber. «Für mich war das völlig aus der Luft gegriffen», erzählt sie. «Mir ist es wichtiger, mit ihm zusammenbleiben zu können, als mit einem anderen Mann ein Kind zu haben.» Die beiden schauen sich an und umarmen sich.

Fremdsperma? Adoption?

«Wir probierten, uns gegenseitig Trost zu spenden. Aber wenn beide trauern, ist das schwierig», erzählt Simon. Das Paar geht in dieser Zeit oft zusammen spazieren. Simon: «Sah ich auf dem Weg eine Geburtstafel oder ein Paar mit einem Kinderwagen, versetzte mir das einen Stich ins Herz.» Sie reden über Fremdsperma und Adoption. Denn beiden wird klar: Sie müssen einen Weg finden, um Eltern zu werden.

Simons Unfruchtbarkeit hält das Paar geheim. «Wüssten meine Eltern davon, würden sie wohl sagen, dass es Gottes Wille sei», so Simon. Das Paar befürchtet zudem, dass seine christlich-konservativen Eltern ein adoptiertes Kind nicht akzeptieren würden. «Ihnen ist die Blutsverwandtschaft sehr wichtig», so Julia. «Selbst wenn wir einen optisch ähnlichen Mann für das Fremdsperma aussuchen würden: Was, wenn das Kind eine ganz andere Haarfarbe hätte? Dann würde ich vielleicht im Verdacht stehen, Simon betrogen zu haben.»

Doch warum verheimlicht das Paar Simons Unfruchtbarkeit auch vor seinen Freunden? «Was würde es denn ändern? Niemand kann uns helfen. Wir würden die anderen lediglich damit belasten», erklärt Simon. Lieber nimmt er hin, dass er zu zittern beginnt und Schweissausbrüche hat, wenn seine Freunde über ihre Familienplanung sprechen. «In diesen Momenten spüre ich die Trauer darüber, was mir entgeht.» Inzwischen hat Simon doch noch zwei Freunde in sein Geheimnis eingeweiht. Das macht die Treffen im Freundeskreis leichter, da Simon so jemand dabei hat, der das Thema wechseln kann, wenn wieder mal über Familienplanung gesprochen wird.

Und dann kam der Lockdown

Im März haben Simon und Julia ihren ersten Termin in einer Kinderwunschklinik. Die Ärzte entscheiden, dass nicht nur Simon, sondern auch Julia ihre Fruchtbarkeit testen lassen soll.

Anders als bei Simon, der wiederum in einen Becher ejakulieren muss, braucht es bei Julia mehrere Termine. «Das ist bei Frauen üblich. Vor, während und nach der Periode werden Blutproben genommen und Ultraschallbilder gemacht», erklärt sie. Doch mitten in der Untersuchungsreihe kommt der Lockdown.

«Das war unglaublich frustrierend», so Simon. Nach dem Lockdown werden die Untersuchungen weitergeführt. Das Ergebnis: Julia ist fruchtbar. Für beide wenig überraschend.

Simons Spermiogramm fällt etwas besser aus als das erste. «Die Qualität war aber nach wie vor himmeltraurig.» Eine Ursache für seine Unfruchtbarkeit wird nicht gefunden.

Maximal 25’000 Franken für eine Schwangerschaft

Anfang Mai, beim zweiten Termin in der Kinderwunschklinik, entscheiden sich Julia und Simon für eine Insemination. Dabei nimmt man das Ejakulat, bereitet es auf und spritzt es in die Gebärmutter. «Die aufbereiteten Spermien werden sozusagen kurz vor dem Ziel abgesetzt», sagt Simon und lacht.

Es komme ihnen nun entgegen, dass sie die letzten Jahre sparsam lebten. Rund 6000 Franken haben sie bereits für die Abklärungen und die Inseminationen ausgegeben. «Wir klären noch ab, ob die Krankenkasse einen Teil übernimmt», sagt Simon. Das Paar rechnet mit Ausgaben von bis zu 25’000 Franken.

Um Julias Körper optimal auf die Spermien vorzubereiten, muss sie sich in der ersten Zyklushälfte täglich Hormone spritzen. Zudem muss sie mehrmals in die Kinderwunschklinik gehen, um das Wachstum des Eibläschens zu überwachen. Unmittelbar vor dem Eisprung findet die Insemination statt – exakt planbar ist das nicht. «Obwohl ich in Teilzeit arbeite, überlegte ich mir, zu kündigen. Ich wollte meinem Arbeitgeber nicht erklären, warum ich so oft fehlte», so Julia. Doch finanziell kommt eine Kündigung nicht infrage. «Mein Lohn geht für die Behandlungen drauf.»

«Ich muss mir lediglich einen runterholen»

Die Behandlung ist für Julia psychisch und physisch belastend. Simon hat deswegen ein schlechtes Gewissen: «Julia hat all die Termine und muss sich Hormone spritzen – und mein Beitrag ist lediglich, mir einen runterzuholen. Dabei bin ich es doch, der das Problem hat!» Bis Ende August hatte Julia insgesamt zwanzig Arzttermine – Simon acht.

Die ersten beiden Inseminationen klappen nicht. Die Hoffnung, irgendwann das eigene Kind in den Armen zu halten, platzt. Am Tag, als das Paar von der zweiten missglückten Befruchtung erfährt, gehen die beiden in ihr Lieblingsrestaurant und essen indisch. «Das half ein wenig», so Simon.

Das Foto der Eizelle hängt in der Küche

Nach den Fehlschlägen wechselt Julia die Behandlungsmethode. Bei der sogenannten intrazytoplasmatischen Spermieninjektion (ICSI-naturelle) wird die Eizelle, anders als bei der Insemination, ausserhalb des Körpers mit einem einzigen, besonders starken Spermium befruchtet. Dadurch verringern sich Julias Termine auf drei bis vier pro Monat.

Anfang August werden drei von Julias Eizellen befruchtet. Eine wird in ihre Gebärmutter eingesetzt, die restlichen zwei eingefroren. «Es ist komisch, zu wissen, dass ein Teil meines Erbguts nun ausserhalb meines Körpers ist.»

Bevor die Ärzte die befruchtete Eizelle einpflanzen, wird sie unter dem Mikroskop fotografiert. «Wahrscheinlich hat niemand ein so frühes Babyfoto», sagt Simon und freut sich. Die Bilder hängen zu Hause in der Küche.

 «Wahrscheinlich hat niemand ein so frühes Babyfoto», sagt Simon und freut sich.

«Wahrscheinlich hat niemand ein so frühes Babyfoto», sagt Simon und freut sich.

Freudige Smileys

Ein paar Wochen nach dem Gespräch erhält 20 Minuten die Nachricht: Julia ist schwanger! «Julias Periode war überfällig – wir konnten es kaum glauben!», erzählt Simon am Telefon. Der erste Schwangerschaftstest war negativ. Aber: «Ich analysierte den Teststreifen genau, und ich war mir sicher, dass sich darauf ganz schwach eine zweite Linie abzeichnet», so Simon. Am Tag darauf gabs einen erneuten Schwangerschaftstest – diesmal war es eindeutig: zwei Streifen.

In der Kinderwunschklinik wird Julia Blut abgenommen, um die Schwangerschaft «ganz sicher» zu bestätigen. «Weil Julia während der Arbeit nicht telefonieren kann, rief die Klinik mich an und bestätigte, dass sie schwanger ist. Ich schrieb ihr sofort eine Whatsapp-Nachricht!», so Simon. Kurze Zeit später antwortete Julia mit «freudigen Smileys».

«Willkommen auf der Welt»

Simon machte sofort Feierabend, kaufte eine Flasche Rimuss – «schliesslich darf Julia nun keinen Alkohol mehr trinken» – und holte beim gemeinsamen Lieblingsrestaurant das Abendessen. «Es war ein schöner Abend», sagt er.

Auch von Julia ist eine grosse Last abgefallen. «Mittlerweile ist mir, bedingt durch die Schwangerschaft, oft übel. Aber das ist doch ein gutes Zeichen, oder?», sagt sie.
Den geplanten Geburtstermin hat sich Simon bereits in seiner digitalen Agenda eingetragen: «Willkommen auf der Welt» steht da am 15. Mai 2021.

*Name geändert

Fakten zur Unfruchtbarkeit

«Männer leiden still»

Christa Dold ist Psychologin und Psychotherapeutin. Sie führt eine eigene Praxis in Bern. 

Christa Dold ist Psychologin und Psychotherapeutin. Sie führt eine eigene Praxis in Bern.

Foto: zvg

Gehen Männer und Frauen unterschiedlich mit einem unerfüllten Kinderwunsch um?

Mein Eindruck ist klar, dass Männer mehr verdrängen und sich mehr zurückziehen. Sie leiden eher im Stillen. Frauen gehen offener damit um und reden mit ihrem sozialen Umfeld über ihre Gefühle. Frauen holen sich auch eher professionelle Hilfe.

Wo sehen Sie sonst noch Unterschiede?

Bei vielen Männern stelle ich fest, dass bei ihnen die Angst sehr gross ist, dass ihre Partnerin sie verlassen und mit einem anderen Mann eine Familie gründen könnte. Auch ist das Bild von unfruchtbar gleich unmännlich immer noch in vielen (Männer-)Köpfen verankert. Dies ist wohl auch ein Grund, weshalb Männer weniger offen mit dem Thema umgehen.

Ist es für Männer mehr mit Scham verbunden, wenn sie unfruchtbar sind, als für Frauen?

Nein, generell lässt sich sagen, dass es für beide Geschlechter eine Lebenskrise bedeutet, wenn sie keine Kinder zeugen können. Das Vertrauen in den eigenen Körper ist ein Stück weit erschüttert. Aber einige Punkte fallen Frauen tatsächlich einfacher, zum Beispiel medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Viele Männer kostet es schon grosse Überwindung, beim Arzt die Spermien testen zu lassen. Frauen sind medizinischen Abklärungen gegenüber entspannter.

Was raten Sie bei einem unerfüllten Kinderwunsch?

Viele Paare sagen, dass die Krise sie als Paar gestärkt hätte. Aber klar, manchmal kommt es auch zu Trennungen. Es ist ein langer Prozess, das zu akzeptieren, und es erfordert, dass man in seinem Leben etwas anderes findet, das sinnstiftend ist.

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93 Kommentare
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Leees

12.12.2020, 12:22

Kinder sind was schönes und eigene wären toll. Aber wir sind überbevölkert.

Isodor

12.12.2020, 11:03

Gratuliere! Ich kann das gut nachvollziehen da ich selber geschlagene 10 Jahren warten. Wünsche dem jungen Paar alles gute und auch auf ein paar lange schlaflose Nächste. ;)

Jens Bader

12.12.2020, 10:17

und wieder pfuscht der Mensch ins Handwerk der Natur.