Psychiater Thomas Knecht: «Simon S. war ein Terrorist in eigener Sache»
Aktualisiert

Psychiater Thomas Knecht«Simon S. war ein Terrorist in eigener Sache»

Was hat Simon S. dazu getrieben, in einem Zug Amok zu laufen? Der forensische Psychiater Thomas Knecht sagt, er habe sich an der Menschheit rächen wollen.

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Der 27-jährige Simon S. hat am Samstagnachmittag in einem fahrenden Zug kurz vor Salez SG mehrere Passagiere mit einer brennbaren Flüssigkeit und einem Messer attackiert. Er und ein Opfer erlagen am Sonntag ihren Verletzungen.

Der 27-jährige Simon S. hat am Samstagnachmittag in einem fahrenden Zug kurz vor Salez SG mehrere Passagiere mit einer brennbaren Flüssigkeit und einem Messer attackiert. Er und ein Opfer erlagen am Sonntag ihren Verletzungen.

Tatort Salez SG: Blick in das verkohlte und beschädigte Abteil, in dem ein 27-jähriger Schweizer Zugpassagiere mit einer brennbaren Flüssigkeit attackiert hat. (13. August 2016)

Tatort Salez SG: Blick in das verkohlte und beschädigte Abteil, in dem ein 27-jähriger Schweizer Zugpassagiere mit einer brennbaren Flüssigkeit attackiert hat. (13. August 2016)

Reporter 20 Minuten
Eine Nahaufnahme des Abteils.

Eine Nahaufnahme des Abteils.

Reporter 20 Minuten

Herr Knecht, haben Sie eine Theorie, welches Motiv Simon S.* hatte, als er am Samstag in einem Zug bei Salez mehrere Menschen attackierte?

Thomas Knecht: Wenn ich dieses Tatgeschehen in eine fachliche Kategorie stecken müsste, würde ich es ein autogenes Massaker nennen. Das heisst, die Tat ist aus der eigenen Psyche heraus geboren. Im Gegensatz zu einem Terrorakt hat nicht eine Ideologie den Weg gewiesen, sondern die eigene negative Entwicklung.

Eine Theorie baut darauf, dass er sein Leben lang gemobbt wurde. Ist es möglich, dass er sich bei seiner Tat an der Menschheit rächen wollte?

Das ist sogar wahrscheinlich. Menschen, die solche Taten begehen, haben oft über längere Zeit extreme Ressentiments gegenüber ihrer Mitmenschen aufgebaut, sie fühlen sich isoliert und ausgegrenzt. Vor allem bei jungen Menschen, die zu solchen amokartigen Taten schreiten, sind oft Mobbing und Hänseleien in ihrer Vorgeschichte zu finden. Dazu kommt, dass viele auch aufgrund von Äusserlichkeiten oder inneren Problemen an Selbstwertstörungen leiden.

Ist es Zufall, dass S. diese Tat jetzt beging – kurz nach München, Würzburg, Ansbach?

Wohl kaum. Es ist bekannt, dass sowohl Selbstmorde als auch Amokläufe eine Art Epidemie auslösen könne. Das kennt man bereits von den sogenannten School Shootings in den USA. Deswegen spricht man hier auch vom Columbine-Effekt. Der Mensch ist von Natur aus der geborene Nachahmer – im Positiven wie auch im Negativen. Wer dazu noch in einer kritischen psychischen Verfassung ist, orientiert sich eher an Vorbildern. Es ist gut vorstellbar, dass sich Simon S. vom Täter in Würzburg dazu inspirieren liess, ebenfalls einen Zug als Tatort zu wählen: geschlossenen Türen, der Zug fährt, die Opfer sitzen in der Falle.

Eine zweite Theorie geht von einem Beziehungsdelikt aus. Laut Polizei ging der Mann unvermittelt auf eine Frau zu und übergoss sie mit der brennbaren Flüssigkeit. Könnte es sein, dass er bewusst diese Frau attackieren wollte und die anderen Verletzten schlicht zum Kollateralschaden wurden?

Das ist eine kühne Theorie. Es stimmt, solche Männer wie S. haben oft schwierige Beziehungen mit Frauen. Doch die Art und Weise, wie er vorging, deutet meiner Meinung nach nicht auf ein Beziehungsdelikt hin. Wenn man nur eine Person angreifen will, braucht man sich nicht doppelt zu bewaffnen. Bei dieser Art von Amoklauf sind die Opfer eher zufällig.

Gehen Sie davon aus, dass der Mann psychisch krank war?

Das ist schwierig zu beurteilen. Ich glaube, bei diesem Mann war eine Aggression vorhanden, die er sowohl nach aussen als auch nach innen richtete. Er wollte nicht mehr leben, aber zuerst musste er der Welt noch zeigen, wie sehr er gelitten hatte und sie dafür bestrafen.

Sie glauben also, dass sich der Täter selbst töten wollte?

Ich kann es mir gut vorstellen. Er sah sich als schwarzen Rächer, der zuerst noch mit allen abrechnet. Entweder nahm er den Tod dabei in Kauf oder er wusste von Anfang an, dass er danach nicht für das Massaker geradestehen will.

Offenbar brannte S. selbst, als ihn die Polizei überwältigte. Ist es vorstellbar, dass er sich mit Feuer töten wollte?

Das geschieht öfter als man denkt. Aktivisten machen damit auf eine politische Misere aufmerksam. Feuer generiert Aufmerksamkeit und man wirkt als Märtyrer. Er war quasi ein Terrorist in eigener Sache. Er hat gegen sein Mobbing und seine Isolation protestiert. Mit dem Feuer konnte er ein ganz krasses Zeichen setzen.

Könnte die Tatsache, dass er Feuer als Waffe benutzte, nicht auch auf eine pyromanische Veranlagung hindeuten?

Das glaube ich nicht. Der Pyromane handelt im Versteckten, schaut zu, wie sein Brand gelöscht wird und geniesst es. Diese Tat hatte eine ganz andere Dynamik. Ich denke hier eher an die extreme Symbolträchtigkeit des Feuers: Hexenjagd, Scheiterhaufen, Märtyrertum.

Es gibt viele Menschen auf der Welt, die gemobbt und isoliert werden, die leiden, weil sie von der Gesellschaft nicht akzeptiert werden. Nicht jeder wird zum Amokläufer.

Das stimmt. Die meisten Menschen verfallen in einer solchen Situation in eine Depression. Dieser Mann wählte quasi die Alternativroute: Aggression. Er lehnte sich dagegen auf und geriet in eine besinnungslose Rachelust.

*Name der Redaktion bekannt

Thomas Knecht ist leitender Arzt forensische Psychiatrie des Kantons Appenzell Ausserrhoden. (Bild: ZVG)

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