«Time-out»: Simpson ist wichtiger als eine Medaille

Aktualisiert

«Time-out»Simpson ist wichtiger als eine Medaille

Die Diskussionen um die Position von Sean Simpson sind mit der Halbfinal-Qualifikation beendet. Das ist für unser Hockey noch wichtiger als eine Medaille.

von
Klaus Zaugg
Stockholm

Zum erfolgreichen «Modell Schweiz» gehört die Kontinuität an der nationalen Bande. Die Schweiz und Norwegen sind die einzigen zwei «Hockey-Schwellenländer», die in den letzten 15 Jahren den Aufstieg aus der internationalen Bedeutungslosigkeit in die Weltspitze geschafft haben. Zwischen beiden Ländern gibt es eine erstaunliche Parallele: Beide haben in diesem Jahrhundert nur zwei Nationaltrainer beschäftigt.

Diese Beständigkeit auf der Position des Nationaltrainers ist ein Teil des Erfolgs-Modells Schweiz. Grosse Nationen wie Kanada, Russland, Tschechien, Schweden, Finnland, die USA oder sogar die Slowakei können jedes Jahr den Nationaltrainer wechseln. Und nichts passiert. Der «Talent-Pool» ist in diesen Ländern so gross, dass es keine entscheidende Rolle spielt, wer an der Bande steht.

«Mach mit dem, was du hast, dort wo du bist, das, was du kannst»

Anders ist es in den sogenannten «Hockey-Schwellenländern» wie Norwegen, Dänemark, Weissrussland, Österreich, Deutschland, Frankreich oder der Schweiz. Keines dieser Länder hat einen so grossen Talentpool, dass es genügt, einfach die besten Spieler Jahr für Jahr für die WM «zusammenzutrommeln». Es braucht ein tragendes taktisches Konzept, eine Philosophie, ein Programm für die Nationalmannschaft, das es möglich macht, im Kollektiv besser zu sein als die Gesamtsumme des Talentes. Die Auswahl der Spieler ist viel schwieriger als in den grossen Ländern. Weil nicht nur das Talent beurteilt werden muss. Sondern noch viel stärker die Eignung für eine bestimmte Rolle.

Der Nationaltrainer bekommt so eine Schlüsselposition: Er hat ein Konzept zu entwickeln, das dem beschränkten Talentpool entspricht und auch schwächeren Spielern erlaubt, auf Weltniveau mitzuhalten. Er muss ein Manager der beschränkten Ressourcen sein. Oder wie es einmal Nationaltrainer Simon Schenk sagte: «Mach mit dem, was du hast, dort wo du bist, das, was du kannst.» Schenk war mit dieser Philosophie der erste Nationaltrainer der Neuzeit, der die Schweiz entscheidend voranbrachte, 1986 in die A-WM aufstieg, 1988 bei den Olympischen Spielen Finnland besiegte. In den wilden 1990er-Jahren ging diese klare Linie vorübergehend verloren.

Der «verrückte» 6-Jahres-Vertrag ins Glück

Die Rückkehr auf den rechten Weg kam 1997. Verbandsboss Werner Kohler suchte einen Nationalcoach, der die WM 1998 in Zürich und Basel «verkaufen» und im Lande eine Eishockeybegeisterung wecken konnte. Und fand in Feldkirch Ralph Krueger. Nach der grossartigen WM 2000 in Russland mit dem 6. Schlussrang und dem märchenhaften Sieg über Gastgeber Russland (3:2) verlängerte Kohler den Vertrag mit Krueger bis 2006. Chronisten bezeichneten damals diesen Kontrakt als wahnwitzig. Doch letztlich hat uns dieser Vertrag zum Glück verholfen: Krueger wurde aus wirtschaftlichen Gründen unentlassbar und überstand die Krise von 2002. Der charismatische deutsch-kanadische Doppelbürger hat dem «Modell Schweiz» schliesslich ab 2003 zum internationalen Durchbruch verholfen.

Norwegen ist mit Roy Johansen einen ganz ähnlichen Weg gegangen. Er stieg mit den Norwegern erst im vierten Anlauf endlich in die A-WM auf. Nun ist es ihm gelungen, die Norweger in der Weltspitze zu etablieren. Seit dem Aufstieg von 2005 haben die Norweger inzwischen dreimal die Viertelfinals erreicht, Titanen wie Schweden und Tschechien besiegt und in Stockholm die Viertelfinals erst im letzten Vorrundenspiel gegen Tschechien verpasst. Die Norweger stehen in ihrer Entwicklung ungefähr dort, wo die Schweiz 2006 war.

Weissrussland und Deutschland als Gegenbeispiel

Das Gegenbeispiel zur Schweiz und Norwegen liefern die Weissrussen und die Deutschen. Im Reich von Diktator Alexander Lukaschenko, der zwischendurch in die Ausrüstung steigt und mit dem Nationalteam mittrainiert, wird Misserfolg – ähnlich wie beim FC Sion – mit der Absetzung der Trainer bestraft. Eine konstante Weiterentwicklung ist so sehr schwierig. Und die Deutschen bringen es immer wieder fertig, mit Nationaltrainer-Operetten ihre Chancen zu ruinieren. Höhepunkt war die Berufung des Schweizers Jakob Kölliker als Nachfolger des erfolgreichen Uwe Krupp.

Diese Fehlbesetzung kostete die Deutschen letztlich die Olympia-Teilnahme 2014. Mit einem «Modell Schweiz» hätten sie in den letzten zehn Jahren mindestens zwei Medaillen gewonnen. Hier der Überblick über den Verschliess der Nationaltrainer in den Hockey-Schwellenländern. Die Anzahl der Nationaltrainer seit 2000: Schweiz und Norwegen je zwei, Frankreich drei, Deutschland und Dänemark je fünf, Österreich und Lettland je sechs und Weissrussland neun.

Diskussion um Simpson auf Jahre hinaus beendet

Die Halbfinal-Qualifikation ist so wichtig, weil mit diesem Erfolg jede Diskussion um die Position von Nationaltrainer Sean Simpson auf Jahre hinaus beendet ist. Das Erfolgsmodell Schweiz geht weiter. Der nach dem Olympischen Turnier von 2014 auslaufende Vertrag von Sean Simpson dürfte vorzeitig verlängert werden.

Deine Meinung