Aktualisiert 14.11.2011 12:16

Deutschland-CupSimpson und die «Eisfrage» von München

Das Eis war diesmal besser – und die Schweiz auch: Die Mannschaft von Sean Simpson besiegt die USA 3:2 nach Penaltys.

von
Klaus Zaugg
München
Sean Simpson ärgerte sich über die Unterlage am Deutschland-Cup.

Sean Simpson ärgerte sich über die Unterlage am Deutschland-Cup.

Welche Rolle spielt die Qualität des Eises in der Münchner Olympiahalle? Diese Frage spielt bei der Beurteilung der Leistungen der Schweizer eine Rolle. Erst recht seit Sean Simpson im Frust über die 2:4-Pleite gegen Deutschland die Eisqualität thematisiert und die Frage provoziert hat, ob das Eis die Ursache dieser Niederlage war (20 Minuten Online berichtete).

So ist es nur logisch, dass dem Schweizer Nationaltrainer die «Eisfrage» auch nach dem Sieg über die USA gestellt wurde. «Die Eisqualität ist besser geworden» sagte Simpson unwirsch. «Ob meine Reklamation damit etwas zu tun hat, bleibe dahingestellt. Ich war so sauer, weil ich sicher bin, dass sich Simon Moser wegen des schlechten Eises verletzt hat: Er ist ohne Fremdeinwirkung bei einer Drehbewegung rückwärts in die Bande gestürzt.»

Simpson rechtfertigt sich

Wäre Simpson diese Begründung schon nach dem Deutschland-Spiel eingefallen und nicht erst fast 24 Stunden später nach der Partie gegen die USA, wäre er nicht als schlechter Verlierer dagestanden. Er rechtfertigt sich: «Ich wollte nicht darüber reden, weil ich noch nicht in allen Einzelheiten über die Verletzung von Moser informiert war.»

Die «Eisfrage» ist in München gestellt. Sie dürfte tatsächlich nicht ganz ohne Einfluss auf das Spiel der Schweizer sein. Julien Sprunger, Andrej Bykow und Beni Plüss bilden die beste Sturmlinie der laufenden Meisterschaft. Sprunger und Bykow liegen gemeinsam mit Damien Brunner (alle 27 Skorerpunkte) an der Spitze der NLA-Skorerliste. Plüss folgt mit 22 Punkten auf Position zehn. Das Trio des HC Fribourg-Gottéron hat in der laufenden Saison bereits 29 Tore produziert.

Plüss erklärt die magere Ausbeute

Nun sind Sprunger, Bykow und Plüss erstmals gemeinsam ins Nationalteam aufgeboten worden. Der Ertrag ist in den zwei Partien gegen Deutschland und die USA mit einem einzigen Tor unter den Erwartungen geblieben. Benjamin Plüss hat dafür eine Erklärung: «Die Schnelligkeit unseres Spiels ist entscheidend. Dazu gehört die schnelle Angriffsauslösung und die hat hier beim Deutschland Cup nicht ganz so funktioniert wie im Klub. Tatsächlich erlaubt das Eis hier auch nicht das gleich schnelle Spiel wie in der Meisterschaft.» Der Bruder von Berns Martin Plüss sagt gegenüber 20 Minuten Online, es spiele auch eine Rolle, dass Nationalteams ausgeglichenere Mannschaften seien. «In der Meisterschaft ist das Gefälle zwischen der ersten und vierten Linie beim Gegner grösser als bei Länderspielen und wir haben etwas mehr Zeit und Platz.» Schliesslich gebe es halt gute und weniger gute Tage, und man könne nicht in jeder Partie auf dem gleich hohen Niveau spielen.

Besseres Eis macht die Schweizer besser: Dies Behauptung ist beim Deutschland Cup nicht ganz falsch: Das Spiel der Schweizer lebt ja mehr noch als jenes der robusten, rauen Deutschen und Amerikaner von Tempo, Präzision und Disziplin. Auf gutem Eis ist es einfacher, schnell, diszipliniert und präzise zu spielen. Allerdings spielt auch eine Rolle, dass Präzision und Disziplin im Schweizer Spiel heute etwa so weit von der «Ära Krueger» entfernt sind wie die Romane von Heinz G. Konsaliks von der echten Weltliteratur eines Friedrich Dürrenmatt. Unter Krueger hatten wir in diesem Bereich auch in bedeutungslosen Partien ein höheres Niveau.

Mässige Qualität

Den Schweizern ist die Rehabilitation für das missglückte Spiel gegen Deutschland durch mutiges, selbstsicheres Auftreten zumindest teilweise gelungen. Die Amerikaner (mit Spielern aus den europäischen Ligen inkl. Zugs Wozniewski und Oltens Sertich) versuchten die schnelleren, wendigeren Schweizer durch Härte einzuschüchtern. Diese Taktik hatte zwar auf spielerischer Ebene teilweise Erfolg: Das Spiel kam nie richtig in die Gänge. Es war unterhaltsam, intensiv und spannend. Aber von mässiger Qualität. Die Schweizer liessen sich nie einschüchtern und wurden diesmal in den Zweikämpfen nicht mehr dominiert wie am Abend zuvor von den Deutschen. Noch vor 15 Jahren vermochten die Kanadier und die Amerikaner jede Schweizer Nationalmannschaft durch Härte kleinzukriegen. Das gelingt heute nicht mehr. Ein grosser Fortschritt.

Ganz am Schluss triumphierte helvetische Spielkunst doch noch über das Rüppel-Amerika: Damian Brunner zwickt im Penaltyschiessen die Scheibe halbhoch über den Schoner des Torhüters zum alles entscheidenden Treffer in Netz. Die Schweiz gewinnt gegen die USA 3:2 nach Penaltys. Nur Brunner trifft im Penaltyschiessen.

Eigensinniger Damien Brunner

In gewisser Weise personifiziert Damien Brunner Glanz und Elend der Schweizer bei diesem kuriosen Turnier. Schon gegen Deutschland und erst recht gegen die USA spielt er eigensinnig. Erst ganz am Schluss, als die «Tanzfläche» geräumt wird fürs Penaltyschiessen, fürs einsame Duell Stürmer gegen Goalie, da machen Brunners Eleganz und Technik doch noch die Differenz.

Er hat allerdings eine gute Erklärung für seine Eigensinnigkeit. «Wir hatten gegen Deutschland zu wenig Scheiben vors Tor gebracht. Wir wollten es gegen die Amerikaner unbedingt besser machen und ich habe immer wieder versucht, etwas zu kreieren. Im Spiel hatte ich im Vergleich zur NLA recht viel Zeit und Platz, um etwas zu probieren.» Oder anders gesagt: Brunner wollte zu viel und im Eishockey führt diese gute und löbliche Absicht nicht zum gewünschten Erfolg. Aber immerhin gelang ihm nebst dem entscheidenden Penaltytreffer gegen die USA auch das 1:1. Brunner und Torhüter Reto Berra (er hielt 35 Schüsse plus drei Penaltys) waren die besten Einzelspieler.

Zahlreiche Verletzte

Bereits nach zwei Spielen ist klar, dass wir den Deutschland Cup 2011 nicht mehr gewinnen können. Die Partie heute gegen die Slowakei (13.30 Uhr) hat keine Bedeutung mehr – die Slowaken stehen bereits als Turniersieger fest. Sechs Spieler können nicht mehr eingesetzt werden: Simon Moser (Gehirnerschütterung) Kevin Romy (Schulter), Eric Blum (Hüftprellung), John Gobbi (Knie), Simon Lüthi (Rücken) und Janick Steinmann (Leiste). Moser, Lüthi und Steinmann sind bereits gestern mit der Eisenbahn wieder in die Schweiz zurückgekehrt. Romy, Blum und Gobbi haben sich gegen die Amerikaner verletzt. Gemäss ersten ärztlichen Informationen sollten Moser, Lüthi und Steinmann in der Meisterschaft wieder spielen können. Die genaue Diagnose der Blessuren von Romy, Blum und Gobbi steht noch aus.

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