Tschetschenen im Ukraine-Krieg  – Sind die Milizen von «Putins Bluthund» in der Ukraine auf Menschenjagd?

Aktualisiert

Tschetschenen im Ukraine-Krieg Sind die Milizen von «Putins Bluthund» in der Ukraine auf Menschenjagd?

Die ukrainische Armee hat nach eigener Darstellung eine Sondereinheit aus Tschetschenien zerschlagen. Dort herrscht mit Ramsan Kadyrow ein enger Verbündeter von Wladimir Putin. Sein Regime gilt als äusserst brutal.

von
Jonas Bucher
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Tschetschenien-Machthaber Ramsan Kadyrow bei seiner Rede am 25. Februar vor seinen Milizen in der Hauptstadt Grosny.

Tschetschenien-Machthaber Ramsan Kadyrow bei seiner Rede am 25. Februar vor seinen Milizen in der Hauptstadt Grosny.

imago images/SNA
Formal hat Tschetschenien keine eigenen Milizen, faktisch sieht es anders aus. 

Formal hat Tschetschenien keine eigenen Milizen, faktisch sieht es anders aus. 

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Von Grosny aus sollen sie in den Kampf in die Ukraine geschickt worden sein.

Von Grosny aus sollen sie in den Kampf in die Ukraine geschickt worden sein.

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Darum gehts

Bei heftigen Kämpfen in der Umgebung von Hostomel haben ukrainische Truppen nach eigener Darstellung eine aus Russland kommende tschetschenische Sondereinheit zerschlagen. Dabei sei auch der Kommandeur, General Magomed Tuschajew, getötet worden, wie ein Gefangener später verraten hat. Wie die «Ukrainska Pravda» am frühen Sonntagmorgen weiter berichtet, erbeuteten die ukrainischen Soldaten bei diesen Kämpfen grössere Mengen an Waffen. Die Angaben liessen sich von unabhängiger Seite nicht überprüfen. Bei der Sondereinheit der Tschetschenen soll es sich um die Kadyrowzy handeln – also um die 80’000 Mann starke Privatarmee des tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow (45). Formal hat Tschetschenien keine eigenen Milizen, faktisch sieht es anders aus. 

Putin hat Kadyrow an die Macht gehievt

Die im Nordkaukasus gelegene und aus der Tschetscheno-Inguschischen ASSR hervorgegangene autonome russische Republik Tschetechienen war nach der Auflösung der Sowjetunion Schauplatz von zwei Kriegen zwischen teils islamistischen Separatisten und der russischen Zentralregierung, die zu schweren Zerstörungen führten. Seit dem 1. März 2007 ist Ramsan Kadyrow, der Sohn des getöteten Präsidenten Achmad Kadyrow, Präsident Tschetscheniens. Sein Vater und er hatten einst selbst mit eigener Miliz gegen den Kreml gekämpft, doch schliesslich gewann Wladimir Putin den Krieg mit ihrer Hilfe und konnte sich so vollends an der Macht im Kreml etablieren. Die wahrscheinliche Schlussfolgerung des russischen Präsidenten: Man muss seinen gefährlichsten Gegner bestechen und ihn auf seine eigene Seite ziehen. Damit ebnete er Kadyrow den Weg zu einer Alleinherrschaft in Tschetschenien. Sanktionen muss Kadyrow, der Putin loyal zur Seite steht, aus Moskau nicht befürchten.

Kadyrow bezeichnet sich selbst als «Oberhaupt», denn es gebe nur einen Präsidenten in der russischen Föderation. Er regiert Tschetschenien mit eiserner Hand und wird in den Medien als «Putins Bluthund» bezeichnet, der immer mehr einen Personenkult um sich betreiben lässt. Insbesondere Menschenrechtler sind in Tschetschenien regelmässig Opfer von Anschlägen geworden. Berichte von Folterungen, Morden und Verfolgungen sorgen immer wieder international für Aufsehen. Die sexuellen Minderheiten Tschetscheniens sind besonderen Gefahren ausgesetzt, insbesondere schwule Männer und trans Menschen gar akuter Lebensgefahr. Reporter David Scott sprach Kadyrow auf diese Berichte an. Das sei Unsinn, sagte er – und fügte hinzu: «Bei uns gibt es solche Leute gar nicht. Wir haben keine Schwulen. Und wenn es sie gibt, nehmt sie mit nach Kanada, weit weg von uns, damit unser Blut gesäubert wird.» 

Milizen sollen eine Todesliste haben

Und nun sollen Truppen aus Tschetschenien in der Ukraine kämpfen. Wie sie das bereits bei den Kriegen in der Ostukraine 2014 und 2015 getan haben. Schon damals tauchten die «bärtigen Krieger aus dem Kaukasus», wie der «Spiegel» sie nennt, an der Seite der pro-russischen Separatisten in Erscheinung. Selbst als Russland eine direkte Beteiligung am Konflikt in der Ostukraine abgestritten hatte, haben sich die Tschetschenen nicht versteckt. Kadyrows Männer liessen sich von der Menge feiern und feuerten mit ihren Kalaschnikows in den Himmel. Auch in Syrien soll die Sondereinheit, die aus sunnitischen Muslimen besteht, die russischen Interessen auf dem Schlachtfeld verteidigt haben. 

Nun soll die Kadyrowzy in der Ukraine angeblich Jagd auf die prominentesten Putin-Gegner machen. Jeder Kämpfer soll eine Liste mit Namen von den 500 wichtigsten Zielpersonen in der Ukraine erhalten haben. Die Existenz dieser Liste bestätigt auch Ukraine-Präsident Wolodimir Selenski. Er selbst sei die Nummer eins darauf.  Laut «Bild» stehen auch die Klitschko-Brüder auf dieser Liste. Die tschetschenischen Milizen stellen Truppen mit echter Kampferfahrung. Für Putin seien sie laut «Stern» besonders wertvoll, weil ihre Verluste «die russische Gesellschaft wenig berühren und die archaische Gesellschaft im Kaukasus bei Weitem nicht so sensibel auf Tote reagiert».

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