Unglücksflug in Interlaken: Sind die Regeln beim Deltasegeln zu lasch?
Aktualisiert

Unglücksflug in InterlakenSind die Regeln beim Deltasegeln zu lasch?

Nachdem ein Tourist bei einem Delta-Flug in Interlaken beinahe in den Tod gestürzt ist, wird Kritik an den Schweizer Sicherheitsvorschriften laut.

von
Noah Zygmont
1 / 8
Der amerikanische Autohändler Chris Gursky drohte bei einem Deltasegelflug in Interlaken abzustürzen. Jared Bibler sagt, die Schweiz habe ein Sicherheitsproblem, weil klare Regeln fehlten.

Der amerikanische Autohändler Chris Gursky drohte bei einem Deltasegelflug in Interlaken abzustürzen. Jared Bibler sagt, die Schweiz habe ein Sicherheitsproblem, weil klare Regeln fehlten.

Keystone/Valentin Flauraud
Jared Biblers Frau Hulda starb vor fünf Jahren auf einem Gleitschirmflug. Das Ehepaar trainierte einen Wingover, also einen extremen Kurswechsel. Im Bild: Jared Bibler.

Jared Biblers Frau Hulda starb vor fünf Jahren auf einem Gleitschirmflug. Das Ehepaar trainierte einen Wingover, also einen extremen Kurswechsel. Im Bild: Jared Bibler.

zvg
«In der Schweiz gibt es einfach keine Regeln für Lehrer und Schulen. Jeder kann trainieren, wie er will», sagt Bibler. Tatsächlich gibt es etwa in Deutschland, das klare Verantwortlichkeiten kennt, weniger Todesopfer.

«In der Schweiz gibt es einfach keine Regeln für Lehrer und Schulen. Jeder kann trainieren, wie er will», sagt Bibler. Tatsächlich gibt es etwa in Deutschland, das klare Verantwortlichkeiten kennt, weniger Todesopfer.

zvg

Der amerikanische Autohändler Chris Gursky drohte bei einem Deltasegelflug in Interlaken abzustürzen. Ungesichert fiel er Mitte Oktober beinahe in den Tod und konnte sich knapp mit aller Kraft am Piloten festhalten (20 Minuten berichtete). Ein solches Manöver endete auch schon tödlich.

Jared Bibler sagt, die Schweiz habe ein Problem. Weil klare Gesetze fehlten, verunglückten hierzulande viel mehr Menschen als anderswo. «In der Schweiz gibt es einfach keine Regeln für Lehrer und Schulen. Jeder kann trainieren, wie er will.» Tatsächlich gibt es etwa in Deutschland, das klare Verantwortlichkeiten kennt, weniger Todesopfer.

«Immer noch zu viele Unfälle»

Letztes Jahr gab es hierzulande sechs tödliche Unfälle, wie es im Jahresbericht des Hängegleiter-Verbands heisst. Dazu gehören nicht nur Deltasegler, sondern auch Gleitschirmflieger und andere vom Verband erfasste Piloten. Dieser erkannte ein Problem: «Leider gibt es immer noch zu viele Unfälle», heisst es im Jahresbericht 2016. Deshalb solle die Weiterbildung gefördert werden.

Im Vergleich zum Ausland verunglücken in der Schweiz mehr Hängegleiterpiloten. Zwischen 2004 und 2014 verzeichnete der Deutsche Gleitschirmverband 28 tödliche Unfälle seiner Mitglieder. In der Schweiz, die nur halb so viele aktive Piloten hat, waren es hingegen 46, wie die «SonntagsZeitung» berichtete. In Deutschland seien etwa gewisse Manöver verboten, die Lande- und Flugplätze müssten vom Verband zertifiziert werden, und Versicherungen seien strenger.

Frau war auf der Stelle tot

Zu den Todesopfern gehört auch Jared Biblers Frau Hulda. Sie starb vor fünf Jahren auf einem Gleitschirmflug. Das Ehepaar trainierte einen Wingover, also einen extremen Kurswechsel. Während der Lehrer vom Boden aus Anweisungen gab, verlor Biblers Frau die Kontrolle und stürzte aus einer Höhe von 180 Metern ab. Mit einer Geschwindigkeit von 60 bis 70 Stundenkilometern schlug sie am Boden auf. Sie war auf der Stelle tot.

Bibler gibt dem Trainer die Schuld: «Hulda ist seinen Anweisungen gefolgt und hatte schon zu Beginn des Fluges Mühe, die Kontrolle zu finden. Er hätte die Übung einfach abbrechen oder eingreifen müssen.» Bibler sagt, dass es bereits einige Jahre zuvor einen beinahe identischen Unfall beim gleichen Lehrer gegeben habe.

«Im Flachland ist es einfacher»

Wenn ein Lehrer für den Tod eines Schülers verantwortlich sei, müsse man ihm die Lizenz entziehen, sagt Bibler. Doch solche Fälle würden von den Trainern für sich behalten und nicht mit Dritten geteilt – wie in einer Art Mafia. Das sei der Grund, warum sie gegen ein Gesetz, das ihre Arbeit regeln würde, seien: «Sie möchten im Todesfall für niemanden Haftung übernehmen», sagt Bibler.

Beim Bundesamt für Zivilluftfahrt heisst es, es sei noch zu früh, um Schlüsse aus dem aktuellen Fall zu ziehen. Der Geschäftsführer des Schweizer Hängegleiter-Verband, Christian Boppart, sagt, die Prüfungen in der Schweiz seien streng, die Sicherheit hoch. Dass in Deutschland die Unfallzahlen tiefer seien, liege auch daran, dass das Gebiet weniger anspruchsvoll sei. «Im Flachland ist es aufgrund der Topographie, die hierzulande mit den Bergen etwa komplexere Winde mit sich bringt, einfacher, zu fliegen.» Zudem flögen Schweizer wahrscheinlich mehr, auch weil die Erreichbarkeit der Fluggebiete besser sei.

Im aktuellen Fall von Interlaken handle es sich um einen elementaren Fehler. «Es ist wie bei anderen Sportarten auch: Überschätzung kann zu fatalen Fehlern fühlen», sagt Boppart. Dazu gehöre etwa, bei viel zu starkem Wind noch zu starten.

Interlaken: US-Tourist in Todesangst

Ein Video auf Youtube soll einen US-Touristen zeigen, der ungesichert im Deltasegler über Interlaken fliegt. (Video: Youtube/Gursk3)

Der Unglücksflug von Interlaken im Video: Hier bangt Chris Gursky um sein Leben.

Deine Meinung