Migros und Raiffeisen: Sind Genossenschaften für Mauscheleien anfälliger?
Aktualisiert

Migros und RaiffeisenSind Genossenschaften für Mauscheleien anfälliger?

Erst Raiffeisen, jetzt Migros: Gibt es bei Genossenschaften ein Kontrollproblem? 20 Minuten klärt wichtige Fragen.

von
Isabel Strassheim

«Wir vermeiden Interessenkonflikte oder legen diese rechtzeitig offen»: Das steht im Verhaltenskodex der Migros. (Video: Migros)

Migros und Raiffeisen sind Genossenschaften, die sich aus vielen regionalen Einheiten zusammensetzen. Bei der Bank Raiffeisen kam es unter CEO Pierin Vincenz in der Zentrale zu mutmasslich ungetreuem Geschäftsgebaren. Auch Migros hat den Präsidenten der Regio-Genossenschaft Neuenburg-Freiburg, Damien Piller, wegen ungetreuem Geschäftsgebaren angeklagt. Für ihn wie auch für Vincenz gilt die Unschuldsvermutung. Doch die Frage stellt sich: Sind Genossenschaften für Mauscheleien anfälliger?

Kulturfrage

«Bei Genossenschaften herrscht eine besondere Kultur: ‹Man kennt sich eben›», sagt Peter V. Kunz zu 20 Minuten. Deswegen werde allenfalls etwas weniger kritisch hingeschaut als bei Aktiengesellschaften, so der Professor für Wirtschaftsrecht an der Universität Bern. Die Gremien der Zentrale wiederum sind von den regionalen Genossenschaften gewählt. Bei Raiffeisen attestierte der Gehrig-Untersuchungsbericht im Zuge der Vincenz-Affäre eine laxe Überwachung und «personenzentrierte Kultur».

Schwierige Kontrolle

Die regionalen Genossenschaften arbeiten autonom, mit eigenem Geschäftsbericht, eigener Direktion und eigenem Verwaltungsrat, als dessen Präsident Piller fungiert. Der Migros-Genossenschaftsbund hat aber Informations- und Einsichtsrecht über die Geschäftsführung. Das liess die Zentrale durch den renommierten Rechtsexperten Peter Forstmoser in einem Gutachten klarstellen. Die Hauptverantwortung für die Überwachung der Rechtsmässigkeit (Compliance) liegt Peter V. Kunz zufolge so auch bei der Zentrale. «Das Compliance-Bewusstsein bei Migros ist jedoch möglicherweise nicht so gross wie bei einer Bank», so Kunz. Das liege aber nicht an der Genossenschaftsstruktur, sondern daran, dass Migros nicht von einer Behörde beaufsichtigt werde. Banken unterstehen der Finanzmarktaufsicht, Detailhändler brauchen jedoch keine staatliche Bewilligung und werden nicht überwacht. Aber auch bei Raiffeisen hatten die Kontrollmechanismen versagt. Nach dem rasanten Wachstum der Genossenschaftsbank unter Pierin Vincenz war die Gruppenstruktur nicht vergrössert worden.

Demokratie

In einer Genossenschaft gilt der Grundsatz: Eine Stimme pro Mitglied. In einer Aktiengesellschaft entsprechen die Stimmen dagegen dem Kapital. Ein Mehrheitsaktionär kann so auch stärker Einfluss ausüben und auf Compliance pochen. Das Druckmittel eines Einzelnen ist stärker, wie ein Rechtsexperte sagt, der namentlich nicht genannt werden möchte.

Ausrichtung

Bei einer Genossenschaft geht es nicht allein um den Gewinn, sondern auch um Gemeinschaftsanliegen: Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler wollte mit der Genossenschaftsstruktur günstige Lebensmittel für alle anbieten. Auch durch das Kulturprozent zeichnet sich Migros aus. Bei Migros wie bei Raiffeisen können Kunden Genossenschafter werden und mitbestimmen.

Reputationsfrage

Gerade auch als Genossenschaft haben Migros und Raffeisen eine hohe Reputation. Nun droht nach Raiffeisen auch Migros ein Reputationsschaden, wenn sich herausstellen sollte, dass bei der Kontrolle der eigenen Chefs zu wenig getan wurde, sagt Peter V. Kunz. Die Überwachung sei jedoch nicht nur eine präventive Frage, sondern bestehe auch in der Reaktion nach Bekanntwerden eines Falls.

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