Boris Johnson: «Der britische Impferfolg gründet auf Gier und Kapitalismus, meine Freunde»
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Boris Johnson«Der britische Impferfolg gründet auf Gier und Kapitalismus, meine Freunde»

Bei einem Zoom-Treffen gab sich der britische Premier unverblümt, bevor er ganz schnell zurückruderte. Doch es war zu spät.

von
Ann Guenter
Grossbritannien hat fast die Hälfte seiner erwachsenen Bevölkerung geimpft – dank «Kapitalismus und Gier»? 

Grossbritannien hat fast die Hälfte seiner erwachsenen Bevölkerung geimpft – dank «Kapitalismus und Gier»?

REUTERS

Bei einem Zoom-Treffen mit konservativen Politikern sagte der britische Premier Boris Johnson: «Der Grund, wieso wir den Impf-Erfolg haben, sind Kapitalismus und Gier, meine Freunde.»

Diese Aussage hat dem britischen Premier jetzt einige Unannehmlichkeiten eingebracht – auch wenn mehrere Sitzungs-Teilnehmer berichteten, dass das als Scherz gemeint war und Boris noch während der Sitzung gebeten habe, seinen Kommentar «aus dem kollektiven Gedächtnis zu löschen». Ein frommer Wunsch, wie sich zeigte: Obwohl das Meeting privat war, landete das Zitat in grossen Buchstaben in den britischen Boulevardblättern und löste eine Debatte aus.

«Bei Beschaffung helfen statt dem Kapitalismus zu applaudieren»

Wissenschaftler und Gesundheitsvertreter kritisierten dabei, dass reiche Länder inklusive Grossbritannien Milliarden Impfdosen an sich gerissen hätten, wohingegen ärmere Länder noch bis 2024 warten müssten, bis ihre Bevölkerung geimpft werden könne. Zudem weigerten sie sich, Lizenzrechte aufzugeben, die es Entwicklungsländern erlauben würde, Impfstoffe leichter selbst herzustellen. «Die Regierung sollte Ländern in der Not bei der Impfstoffbeschaffung besser helfen statt dem Kapitalismus zu applaudieren», hiess es etwa. Oder: «Wer stellt sicher, dass grosse Teile der Weltbevölkerung keinen Zugang zu einem sicheren Vakzin hat? Kapitalismus und Gier.»

Auch angesichts der Tatsache, dass die Impf-Rate in der EU so viel tiefer liege als in Grossbritannien, sei Boris’ Spruch eine geschmacklose Prahlerei. Er riskiere mit seiner losen Lippe weitere Spannungen im Impfstoffstreit (siehe unten).

Tenor: Es war nicht gegen die EU gerichtet

Es sei auch nicht so, dass die Impfstoffforscher eher durch Gier und Geld statt durch den Wunsch zu helfen motiviert würden. «Sie haben Nacht und Tag geschuftet, um Leben zu retten», tweetete eine Ärztin. «Freiwillige haben mich geimpft, freundlich, mit Freude und dem Wunsch, die Gemeinschaft zu schützen. Gier? Nein, das ist Liebe.»

Die Teilnehmer des Zoom-Meetings ärgern sich, dass Boris’ Aussage geleakt wurde. Einer stellt gegenüber der BBC klar, dass der Spruch des 56-Jährigen sich auf den Film «Wolf of Wall Street» bezogen habe. Ein anderer Teilnehmer berichtet, der Premier habe sich mit der Erwähnung von «Gier» über einen anwesenden Kollegen lustig gemacht, weil dieser sein Sandwich runtergeschlungen habe. Auf keinen Fall sei der Kommentar gegen die EU oder gegen Pharmafirmen gerichtet gewesen, so der Tenor.

Impfstoffstreit mit AstraZeneca

EU verschärft Exportregeln, Boris warnt

Im Streit um Corona-Impfstofflieferungen des britisch-schwedischen Herstellers AstraZeneca hat die EU-Kommission zuvor die Möglichkeiten für Exportstopps deutlich ausgeweitet. Sie macht so den Weg für Ausfuhrsperren in dem Fall frei, dass ein Zielland selbst Impfstoff produziert, aber nicht exportiert, oder wenn dessen Bevölkerung bereits weitgehend durchgeimpft ist. Dies sei nötig, «um unsere Impfziele gegen das Coronavirus zu erreichen», sagte Kommissionsvize Valdis Dombrovskis.

Hintergrund sind massive Lieferrückstände bei AstraZeneca. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hatte dem Unternehmen deshalb wiederholt mit einem Exportverbot gedroht. Im Fokus steht hier Grossbritannien, das von den Lieferproblemen bislang deutlich weniger betroffen war und zugleich grosse Mengen Impfstoff aus der EU importiert. Brüssel wirft London zudem vor, die Ausfuhr von AstraZeneca-Impfstoff aus britischer Produktion mittels vertraglicher Vereinbarungen de facto zu unterbinden.

Nach der Verschärfung der Exportregeln für Corona-Impfstoffe warnte Regierungschef Johnson vor «beträchtlichen» Schäden durch «willkürliche Blockaden». Unternehmen könnten vor Investitionen in Ländern zurückschrecken, «in denen willkürliche Blockaden verhängt werden», sagte er im britischen Parlament. (AFP)

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