Aktualisiert 05.10.2016 13:58

SchweizSind minderjährige Flüchtlinge gefährlich?

Der Amoklauf in Würzburg hat eine Debatte über unbegleitete Minderjährige entfacht. Die wichtigsten Fragen und Antworten zur Situation in der Schweiz.

von
J. Büchi
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Der Messerstecher von Würzburg (17) war ohne seine Eltern nach Deutschland gekommen.

Der Messerstecher von Würzburg (17) war ohne seine Eltern nach Deutschland gekommen.

Twitter / Azz Dine
In der Schweiz wurden vergangenes Jahr 2736 unbegleitete minderjährige Asylsuchende registriert. Flüchtlingsorganisationen warnen davor, diese besonders verletzliche Gruppe nun unter Generalverdacht zu stellen.

In der Schweiz wurden vergangenes Jahr 2736 unbegleitete minderjährige Asylsuchende registriert. Flüchtlingsorganisationen warnen davor, diese besonders verletzliche Gruppe nun unter Generalverdacht zu stellen.

Keystone/Gian Ehrenzeller
Der Täter von Würzburg wurde auf der Flucht erschossen: Polizeibeamte tragen den Leichnam des 17-jährigen weg.

Der Täter von Würzburg wurde auf der Flucht erschossen: Polizeibeamte tragen den Leichnam des 17-jährigen weg.

Keystone

Jung. Allein. Gefährdet? Mit diesen drei Worten umschreibt der «Spiegel» die Diskussion, die nach der Axt-Attacke in Würzburg in Gang geraten ist. Denn der 17-jährige Afghane, der in einem Zug mehrere Menschen mit Axt und Messer angegriffen hat, war ohne seine Eltern nach Deutschland gekommen. Auch in der Schweiz stellen immer mehr Flüchtlingskinder ohne ihre Eltern einen Asylantrag. 20 Minuten kennt die Fakten.

Wie viele unbegleitete Minderjährige gibt es in der Schweiz?

Vergangenes Jahr registrierte der Bund 2736 unbegleitete minderjährige Asylsuchende, im Fachjargon UMA genannt. Das sind fast achtmal so viele wie noch 2013. Ihr Anteil ist auch prozentual gestiegen: Wurde vor drei Jahren noch jedes 62. Asylgesuch von einem unbegleiteten Kind gestellt, war es letztes Jahr schon jedes 14. Im laufenden Jahr haben bisher 791 alleinreisende Kinder um Asyl ersucht – deutlich mehr als in derselben Periode im Vorjahr.

Woher kommen die Minderjährigen und was weiss man über sie?

Im ersten Halbjahr 2016 kamen erstmals am meisten UMA aus Afghanistan. Davor war jahrelang Eritrea das Herkunftsland Nummer eins. Der Grossteil ist 16 oder 17 Jahre alt. Manchmal reisen aber auch bereits 6-Jährige ohne Mutter oder Vater ein. Nur knapp jeder fünfte Antrag stammt von einem Mädchen. Manche Kinder haben ihre Eltern im Krieg oder auf der Flucht verloren, teilweise versuchen die Familien laut Fachleuten aber auch, zumindest ein Kind nach Europa zu schicken, weil das Geld nicht für mehrere Personen reicht.

Werden Jugendliche, die auf sich allein gestellt sind, besonders oft straffällig?

Laut Kriminalstatistik gingen letztes Jahr 0,4 Prozent der Straftaten in der Schweiz auf das Konto von minderjährigen Personen im Asylbereich (336). Wie viele davon unbegleitet in die Schweiz kamen, ist nicht bekannt. Laut Sozialdirektorenkonferenz zeigen die Erfahrungen jedoch, dass UMA besonders gefährdet sind, in die organisierte Kriminalität und oder andere illegale Tätigkeiten abzurutschen. Wie der deutsche Psychiater Franz Joseph Freisleder in der «Welt» sagt, machen die Vereinsamung und das Gefühl der Vernachlässigung die Jugendlichen leichter verführbar – auch für Islamisten. Flüchtlingsorganisationen warnen davor, UMA nach der Attacke in Würzburg unter Generalverdacht zu stellen.

Wie geht die Schweiz mit diesen Kindern um?

Seit Februar 2014 werden die Gesuche von unbegleiteten Minderjährigen vom Bund prioritär behandelt. Für die Unterbringung sind die Kantone zuständig. Wegen der hohen Gesuchszahlen mussten letztes Jahr Pfadiheime und Motels zu Notunterkünften umfunktioniert werden. Nachdem Kritik laut geworden war, wonach dem Schutzbedürfnis der Kinder in gewissen Kantonen zu wenig Rechnung getragen worden sei, hat die Konferenz der Sozialdirektoren reagiert und Empfehlungen zur Unterbringung und Betreuung erarbeitet.

Wie sehen diese aus? Wie werden die Jugendlichen integriert?

Die Sozialdirektorenkonferenz empfiehlt, die Kinder je nach Alter und Situation bei Verwandten, in Pflegefamilien oder in speziellen Zentren oder Wohngruppen unterzubringen. Dabei sollen sie auch sozialpädagogisch betreut werden. Zudem soll jeder Minderjährige einen Beistand, einen Vormund oder temporär zumindest eine «Vertrauensperson» bekommen. Die Richtlinien sehen vor, dass Flüchtlingskinder so rasch als möglich eingeschult und später bei der Suche einer Lehrstelle unterstützt werden. Wie mit schwierigen Fällen umgegangen wird, liegt im Ermessen der Kantone.

Der ursprüngliche Titel dieses Artikels lautete «Wie gefährlich sind minderjährige Flüchtlinge?». Da dies als suggestiv aufgefasst werden kann, wurde er aufgrund von Publikumsreaktionen geändert.

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