Aktualisiert 18.07.2014 12:44

Sex-Expertinnen uneinigSind Sexbeichten auf Facebook gefährlich?

Schweizerinnen und Schweizer schreiben auf sozialen Netzwerken offen über ihre sexuellen Abenteuer. Ist das eine gute Idee? Zwei Sexualberaterinnen analysieren den neuen Trend.

von
G. Brönnimann
Dania Schiftan, Sexologin mit Doktortitel und Psychotherapeutin, ist von Facebook-Sexbeichten nicht überrascht, warnt aber auch vor gewissen Aspekten.

Dania Schiftan, Sexologin mit Doktortitel und Psychotherapeutin, ist von Facebook-Sexbeichten nicht überrascht, warnt aber auch vor gewissen Aspekten.

Der Trend scheint nicht aufzuhalten zu sein: Die Gruppe «Sexbeichte Ostschweiz» hat schon über 3000 Mitglieder, und die neu gegründete Gruppe «Sexbeichte Zürich» erfreut sich regen Zuwachses.

Doch ist das überhaupt eine gute Idee? Oder kann es die Beichtenden - oder die, die solche Geschichten, ob real oder erfunden, täglich lesen - auch negativ beeinflussen? 20 Minuten befragte zwei Expertinnen, die sich in der Materie auskennen: Dania Schiftan, Doktor in Sexologie und Psychotherapeutin, und die Sexualberaterin Rita Schriber.

Einig sind sich beide Expertinnen darin, dass im Internet generell Vorsicht geboten ist mit persönlichen Angaben - auch wenn die Administratoren dieser Seiten angeben, dass alles anonym bleibe. Dafür gebe es nie eine hundertprozentige Garantie - es kenne ja niemand die Identität der Administratoren. Und sobald man die anonymisierten Beichten kommentiere, gebe man seinen Namen preis - das könne auch zu unangenehmen Kontakten führen.

«Druck» und «Verletzungen» möglich

Die Zuger Sexualberaterin Rita Schriber beobachtet Entwicklungen wie die Facebook-Sexbeichte-Gruppen nicht ohne Sorgen. Trotz Anonymität: «Es besteht die Möglichkeit, dass sich die zweite Person darin erkennt oder dass sie von anderen erkannt wird. So kann eine Person verletzt werden, die nicht will, dass ihr Intimleben öffentlich wird.»

Überhaupt ist das Veröffentlichen solch intimer Erlebnisse laut Schriber «nicht unbedingt förderlich für den Menschen». Das Lesen dieser Geschichten - womöglich übertrieben oder frei erfunden - könne viel Druck ausüben, dass sie sich gemäss den vermittelten Werten verhalten müssten. «Sex wird als Ware dargestellt. Der Bezug zum Menschen als Ganzes geht verloren, was für viele nicht zur Zufriedenheit führt.»

Grundsätzlich «vollkommen normal»

Sexologin Dania Schiftan sagt: «So eine Sammlung von Sexbeichten kann auch Druck erzeugen. Aber ob das jetzt wahnsinnig viel schlimmer ist als der Druck, der auf dem Pausenplatz aufgebaut werden kann, das wage ich zu bezweifeln. Es kann genauso belastend sein, zusehen zu müssen, wenn manche in der Wirklichkeit herumprahlen und sexuell erfolgreicher sind als andere. Ob das jemanden belastet oder nicht, hängt - wie immer - vom Individuum ab. Die einen können besser auf sich hören, andere weniger.»

Laut Schiftan ist es grundsätzlich «vollkommen normal», dass junge Menschen zum Erkunden ihrer Sexualität «alle Quellen, alle Möglichkeiten, bei denen man sich zu diesem Thema austauschen kann», auch nutzen: «Früher hatte man dazu viel weniger Möglichkeiten. Es gab ?Bravo?. Oder vielleicht Unterwäsche-Kataloge. Von daher ist das gut und normal, wenn junge Menschen sich heute auf Facebook über Sexualität austauschen.»

Auch Schiftan sieht aber potenzielle Probleme mit dem Beichten auf Facebook: «Aufpassen muss man, weil Facebook eine Schein-Anonymität bietet: Man fühlt sich verbunden mit seinen ?Freunden?, kennt sie in Wirklichkeit aber gar nicht richtig. Sich auf diesem Weg Rat oder Bestätigung zu holen - auch in Form einer anonymen ?Beichte? - kann zu Verunsicherung führen. Nicht alles, was da so prahlerisch daherkommt, ist auch wirklich so - viele Junge sind noch fragil.»

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