Grosse Debatte: Sind Studenten fauler und dümmer als früher?
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Grosse DebatteSind Studenten fauler und dümmer als früher?

Ein Professor der Uni Konstanz kritisiert die heutige Studentengeneration. Sie sei verwöhnt, faul und inkompetent. Auch an Schweizer Unis bemerken Professoren Veränderungen.

von
ced
Während des Semesters hat das Engagement der Studenten laut Dozent Reiner Eichenberger abgenommen.

Während des Semesters hat das Engagement der Studenten laut Dozent Reiner Eichenberger abgenommen.

Axel Meyer, Professor für Zoologie und Evolutionsbiologie an der Universität Konstanz, beschwert sich über Studenten an deutschen Hochschulen. «Bei den Prüfungen wird skrupellos betrogen und stolz auf das Erlernte ist eh keiner mehr», schreibt der Dozent in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung». Viele Studenten seien verwöhnt, faul und inkompetent. Mit seinen Aussagen hat Meyer in Deutschland eine heftige Debatte ausgelöst.

Auch an Schweizer Unis haben Professoren in den letzten Jahren Veränderungen beobachtet: Heutzutage gingen die Studenten mit einer anderen Einstellung zur Uni als noch vor zehn Jahren.

Reiner Eichenberger, Professor für Finanz- und Wirtschaftspolitik an der Universität Freiburg, sagt, einige von Meyers Aussagen würden auch auf die Schweiz zutreffen. Zum Beispiel in puncto Arbeitsmoral: «Während des Semesters hat das Engagement der Studenten abgenommen, etwa beim Verfassen von Arbeiten oder der Lektüre. Sie sind kurzfristig orientiert und werden erst vor den Prüfungen aktiv. Das ist nicht sinnvoll und erschwert das akademische Arbeiten.»

Diese Entwicklung auf Faulheit zurückzuführen, hält Beda Stadler, emeritierter Professor für Immunologie an der Universität Bern, aber nicht für richtig. «Studenten stellen sich bloss die Frage nach dem Sinn des Studiums früher – und setzen ihre Zeit anders ein.» Auch verwöhnt seien sie nicht: «Der moderne Student hinterfragt und denkt kritisch. Verwöhntheit darf nicht mit Selbstsicherheit verwechselt werden.»

Veränderter Zeitgeist

Verändert habe sich aber die grundlegende Einstellung dem Studium gegenüber. «Früher hat man freiwillig, aus eigener Motivation, ein Studium gemacht. Man sah darin eine Berufung. Heute wird die Uni nur noch als Zwischenstufe zum Job angesehen», so Stadler. Mittlerweile gebe es zudem mehr Möglichkeiten und Angebote, der Zeitgeist habe sich geändert. «Die Studenten sind zu Konsumenten geworden, das Studium zum Konsumprodukt. Man sitzt in die Vorlesung, konsumiert und geht wieder.»

Dass Dozenten der Meinung sind, Studenten werden immer schlechter oder dümmer, sei ein alter Hut. Stadler: «Ich glaube aber nicht daran. Dass sich Studenten heutzutage anders verhalten, ist auf das neue Bildungssystem, die veränderte Mentalität und den Zeitgeist zurückzuführen. Das Studium ist für viele – im Vergleich zu früher – nicht mehr das Einzige, das zählt.»

Studenten wehren sich

In Deutschland übt die Studentenschaft Kritik an Meyers Vorwürfen. Sie hinterfragt das Lehrengagement des Dozenten. Es könne ja zum Beispiel auch sein, dass die schlechteren Leistungen der Studenten auf die mangelnde Wissensvermittlungsfähigkeit von Professoren zurückzuführen seien, so der Vorsitzende des Allgemeinen Studierenden Ausschusses zum «Südkurier».

In der Schweiz sind die Reaktionen ähnlich: Die Anschuldigung, Studenten würden während des Semesters zu wenig Engagement zeigen, weist Luisa Jakob von der StudentInnenschaft der Universität Bern zurück: «90 Prozent der Berner Studierenden arbeiten heute neben dem Studium, teilweise mit einem hohen Beschäftigungsgrad. Dieser Doppelbelastung gilt es Rechnung zu tragen. Wer von den Studierenden mehr Aufmerksamkeit fordert, muss sich auch für bessere Rahmenbedingungen einsetzen.»

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