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«London Calling»Sind wir ein Volk von olympischen Verlierern?

Kein sportliches Feuerwerk am 1. August. Nur eine olympische Tischbombe. Nach dem «Black Wednesday» stellt sich die Frage: Sind wir ein Volk von olympischen Verlierern?

von
Klaus Zaugg
London

Vier Medaillenanwärter (Heinzer, Kauter, Kurt, Cancellara) gescheitert, die olympischen Titelverteidiger Roger Federer und Stan Wawrinka im Doppel ausgeschieden – der 1. August 2012 ist einer der sportlich schwärzesten Tage unserer olympischen Geschichte. «Black Wednesday».

Analysen von grossen sportlichen Dramen und Triumphen sind immer unfair: Sie werden hinterher geschrieben. Und nach dem Kriege ist bekanntlich jede Büroordonnanz ein General. Alles, was getan und unterlassen worden ist, wird im Lichte der Erkenntnis interpretiert. Beispiel: Wenn einer den Bus verpasst und scheitert, dann sind die Funktionäre Idioten. Wenn einer den Bus verpasst und triumphiert, sind die Funktionäre schlaue Psychologen, die genau wissen, dass man eben einen Athleten vor Herausforderungen stellen muss.

Das (bisherige) Versagen von London hat in unserer olympischen Geschichte einen ganz besonderen Platz und ist nicht keiner der früheren Pleiten vergleichbar.

Bisher führten Fehler zweimal zu olympischen Pleiten und anschliessend zu einer erfolgreichen Neuausrichtung.

1964: In Innsbruck blieben wir zum ersten und bisher einzigen Mal bei Winterspielen ohne Medaille. Weil die Organisation unseres Sportes nicht mehr der neuen Zeit entsprach: In den 1960er Jahren konnten reine Amateure keine Spitzensportler mehr sein. Wer olympische Medaillen wollte, brauchte finanziellen Support und eine professionelle Organisation. Das Debakel von Innsbruck führte zur bis heute gründlichsten Reorganisation unseres Sportes und unter anderem zur Gründung der Sporthilfe.

1992: Tennis-Titan Marc Rosset rettete uns mit olympischem Gold vor den ersten medaillenlosen Sommerspielen seit 1912. Zu den Ursachen des Debakels gehörte eine ungenügende Organisationstruktur der Delegation. Die Folge war eine Professionalisierung von Swiss Olympic auf allen Stufen und eine Rückkehr zu winterlichem und sommerlichem olympischen Ruhm.

Spiele in London unter keinem guten Stern?

London 2012 ist weder Innsbruck 1964 und noch Barcelona 1992. Gewiss: In unserem Land wird, gemessen am Reichtum, nach wie vor zu wenig Geld in die Sportförderung investiert. Doch der «Black Wednesday» hat rein gar nichts mit Geldmangel zu tun. Es gibt auch keine mit 1964 vergleichbare Strukturkrise und auch kein organisatorisches Versagen von Swiss Olympic wie 1992. Wir sind auch nicht ein Volk von olympischen Versagern geworden. Analysen über den Zusammenhang zwischen Wohlstand und sportlichem Misserfolg sind wohlfeil und tönen gut. Aber sie erklären den «Black Wednesday» nicht

Die Erklärung ist nämlich ganz einfach: Unsere Olympia-Delegation ist zu einem Shakespeare-Drama geworden. Der erste Tag mit dem Unfall von Fabian Cancellara hat eine fatale Eigendynamik in Gang gesetzt: Auch wenn jeder Sportler ein Individualist und das Olympiateam keine Mannschaft im eigentlichen Sinne ist: In einer Olympiadelegation werden Stimmungen einzelner Sportler wie durch einen Resonanzboden verstärkt und breiten sich aus wie Wellen im Wasser nach einem Steinwurf (20 Minuten Online berichtete). Dass so viele Entscheidungen ausgerechnet am 1. August auf dem Programm standen, hat die ohnehin angespannte sportliche Wetterlage noch verstärkt. Es passt zu diesem sportlichen Shakespeare-Drama, dass bisher erst ein Skandal («Fall Morganella») der ebenfalls am «Black Wednesday» aus dem Turnier ausgeschiedenen Fussballer für landesweites Aufsehen gesorgt hat.

Es hätte auch anders kommen können

So wie ein überraschender Erfolg zum Auftakt jeden ein bisschen lockerer, selbstsicherer und besser macht, so kommen nach einem missglückten Start leise Zweifel auf. Hätte Fabian Cancellara das Strassenrennen gewonnen (was durchaus möglich gewesen wäre), dann hätten wir mit ziemlicher Sicherheit einen «Big Wednesday» erlebt.

Jeder Sportler ist seines Glückes Schmied. Nur Verlierer reden von Glück und Pech. Aber das, was unseren Olympiahelden widerfahren ist (Cancellaras Sturz und vor allem Kurts Paddelbruch), hat auch mit Glück und Pech zu tun. Nur das Versagen der Fechter nicht. Die beiden Jungs waren ganz einfach mental nicht robust genug fürs olympische Abenteuer. Doch deswegen muss nicht gleich der ganze Schweizer Sport in Frage gestellt werden.

Dramen gehören zum Sport

«Black Wednesday» ist ein Drama, wie es der Sport immer wieder schreibt. Bedarf an einer Neuorganisation unseres Sportes gibt es jedoch nicht. Auch Olympiageneral Gian Gilli muss nicht abgesetzt werden. Wir sind kein Volk von olympischen Verlierern.

Zu den ewigen Gesetzen des Sportes gehört auch die Weisheit: «There's always next season.» Es gibt immer und immer wieder eine neue Chance. Es ist sogar möglich, dass wir hier in London noch Medaillen feiern können. Ein Medaillentipp neben Roger Federer? Ja, den gibt es: Die Springreiter. Weil Pferde keine Zeitungen lesen können und keine elektronischen Medien konsumieren. Sie wissen deshalb nicht, dass jetzt der Druck schon ein bisschen grösser geworden ist.

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