Analyse: Sind wir ein Volk von Rassisten?
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AnalyseSind wir ein Volk von Rassisten?

Ausländerfeindlich und nationalistisch: So beurteilten Aussenstehende und Unterlegene das Schweizer Ja zur Zuwanderungsinitiative. Ist es das tatsächlich?

von
J. Büchi
Rechtsextreme feiern auf dem Rütli den Nationalfeiertag. Ist Rassismus in der Schweiz gesellschaftsfähig geworden?

Rechtsextreme feiern auf dem Rütli den Nationalfeiertag. Ist Rassismus in der Schweiz gesellschaftsfähig geworden?

Der Aufschrei war gross, als am Sonntag die Masseneinwanderungsinitiative der SVP angenommen wurde. «Rassismus!», schrien linke Demonstranten an nächtlichen Kundgebungenüber ausländerfeindliche Bergvölker und braune Gesinnungen schimpften enttäuschte Stimmbürger auf Twitter.

Auch im Ausland sprach man teilweise von einem nationalistischen Signal: So schrieben spanische Medien von einer «populistischen und fremdenfeindlichen Hetze», ein Rechtspopulismus-Experte warnte im deutschen «Handelsblatt» gar, das Schweizer Votum drohe «eine Art von basisdemokratischem Persilschein für rassistische Kampagnen zu werden».

Ist also tatsächlich über die Hälfte unserer Bevölkerung rassistisch? Oder welche Befindlichkeiten in der Schweizer Gesellschaft waren es, die der SVP-Initiative zum Durchbruch verhalfen?

Verlust der Souveränität befürchtet

«Nein, der Entscheid ist kein Ausdruck von Rassismus», stellt Wirtschaftshistoriker Thomas Gees von der Berner Fachhochschule klar. Der Anteil fremdenfeindlicher Menschen sei heute in der Schweiz wohl nicht höher als früher. Die Gründe für das Ja zur Zuwanderungsinitiative lägen anderswo.

«Das Votum ist als Denkzettel für den Bundesrat und die Wirtschaftselite zu verstehen», so Gees. Die Bevölkerung habe gemerkt, dass ihr die Kontrolle über die Ausländerpolitik entgleite. «Heute haben fast alle politischen Entscheide eine internationale Dimension – das passt europaskeptischen Bürgern natürlich gar nicht.» Viele Leute ärgerten sich darüber, dass die Schweiz ihre nationale Souveränität verliere – und der Bundesrat unternehme in deren Augen zu wenig gegen diese Entwicklung. Es seien die Stimmen von EU-Kritikern gewesen, die am Sonntag den Ausschlag an der Urne gegeben hätten, vermutet er.

Regisseur Rolf Lyssy, der den Schweizer Blick auf ausländische Zuwanderer 1978 in seinem Film «Die Schweizermacher» thematisierte, bestätigt: «Die Angst, die nationale Identität und Souveränität zu verlieren, ist in der Schweiz besonders ausgeprägt.» Dies liege einerseits daran, dass sich die Schweiz seit jeher als unabhängiges Land verstehe: «Die Idee eines Wilhelm Tell, der gegen fremde Herrscher kämpft, ist bei uns stark verankert.» Andererseits würden die Kleinheit der Schweiz sowie ihr vergleichweise sehr hoher Lebensstandard diese Tendenz verstärken.

Mittelstand fühlt sich bedroht

Wirtschaftshistoriker Thomas Gees ergänzt, die Zuwanderungskritik sei im letzten Jahrzehnt in der Schweiz salonfähiger geworden. «Mittlerweile reicht sie bis weit in die liberalen Mittelschichten hinein.» Grund dafür sei, dass heute zunehmend gut qualifizierte Ausländer in die Schweiz kommen. Dies werde vor allem vom Mittelstand in Agglomerationen und ländlichen Gebieten als Bedrohung wahrgenommen.

Dass die Schweizer zuwanderungskritischer geworden sind, beobachtet auch Rolf Lyssy. In seinem Film waren es der italienische Konditor und die jugoslawische Tänzerin, die in die Schweiz kamen. Heute seien es Spitzenkräfte mit höherer Ausbildung: «Es ist bis zu einem gewissen Grad nachvollziehbar, wenn das bei gewissen Leuten Existenzängste hervorruft.» Mit Rassismus habe das grundsätzlich nichts zu tun, meint auch er. Es sei gut, dass die Zuwanderungsdebatte jetzt geführt werde. «Es ist ein Vorteil, dass wir im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern darüber abstimmen konnten – nun muss die Diskussion aber differenziert weitergeführt werden.»

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