Sintflut: «Bundesrat hat komplett versagt»
Aktualisiert

Sintflut: «Bundesrat hat komplett versagt»

Die ganze Schweiz kämpfte gegen die Fluten. Die ganze? Nein. Von den sieben Bundesräten fehlte gestern jede Spur. «Der Bundesrat hat versagt», findet Klaus J. Stöhlker. Und das ausgerechnet im Wahljahr.

Die Schweiz wurde in den letzten zwei Tagen flächendeckend von sintflutartigen Regenfällen erfasst. Zahlreiche Gebiete wurden von den Wassermassen überflutet, Anwohner kämpften um ihr Hab und Gut, unterstützt von lokalen Feuerwehren, Zivilschutzkorps und Armeekräften. Die Bilder zeigten: Die Schweiz kämpft gegen die Fluten.

Und wo war die Landesregierung? Von den sieben Bundesräten fehlte während der Krisensituation jede Spur. Kein Bundesrat schlüpfte in Gummistiefel und unterstützte die zahlreichen Helferinnen und Helfer in den Krisenregionen. Keine Bundesrätin sprach der Bevölkerung Mut und Hilfe zu. Für PR-Berater Klaus J. Stöhlker schlicht unverständlich.

Herr Stöhlker, die Schweiz wird von der grossen Sintflut heimgesucht und kämpft gegen die Fluten. Nur von den Bundesräten hört man in dieser Krisensituation keinen Ton.

Klaus J. Stöhlker: Wo ist unsere Landesmutter? Das habe ich mich gestern auch den ganzen Tag gefragt. Aber niemand hat sich gezeigt. Der Bundesrat hat komplett versagt.

Wieso hat sich niemand gezeigt?

Micheline Calmy-Rey hat es versäumt, weil sie international absorbiert ist. Aber wo war Samuel Schmid? Die Armee stand ja im Einsatz. Und wo war Doris Leuthard? Sie hätte der CVP einige Punkte einfahren können, fliegt aber lieber ins Ausland. Couchepin? Er hätte das als Wahlkämpfer für sich nutzen können, hat es aber ebenfalls versäumt. Merz konnte eben erst gute Budget-Zahlen vorweisen und hat sich darauf wohl ausgeruht. Leuenberger war abgelenkt, weil er gerade einen schweren Stand hatte, die Zusatzmilliarde für den öffentlichen Verkehr zu rechtfertigen. Die Frage: «Wie verkaufe ich die Mehrkosten dem Volk» hat ihn zu sehr absorbiert. Blocher schliesslich hatte es schlicht nicht nötig. Entschuldigend muss ich aber hinzufügen: Das Unwetter war zwar flächendeckend, aber glimpflich verlaufen. Die Bedeutung war doch sehr lokal oder regional.

Stichwort Wahlkampf: Alt-Bundeskanzler Schröder hat das Unwetter in Deutschland von 2002 praktisch die Wiederwahl gesichert, nachdem er in Gummistiefeln durch die Krisenregionen gereist war. Hätte unseren Bundesräten das auch genutzt?

Bestimmt. Calmy-Rey hätte nach ihrem gelungenen Auftritt am 1. August die Möglichkeit gehabt, sich erneut zu profilieren. Das hätte sie im Volk noch stärker verankert. Und Couchepin hätte seinen misslungenen 1. August-Auftritt wieder gutmachen können. Leuenberger hätte es gut zu Gesicht gestanden, in Gummistiefeln durch die Sümpfe in Biel zu waten. Ihm fehlte einfach die Zeit. Leuthard hätte nicht nur ihrer Partei, sondern auch sich selber wieder zu Pluspunkten verhelfen können. Ihre Popularität ist am Sinken und die CVP wird bei den nächsten Wahlen kaum zulegen. Die SP macht sowieso alles falsch und betreibt gar keinen Wahlkampf. Zudem steht ihnen der Parteipräsident im Wege. Einzig von der SVP habe ich gestern einige Vertreter in den Krisengebieten gesichtet. Die Partei macht das ganz geschickt.

Calmy-Rey zeigt sich heute

Der grosse Regen ist mittlerweile vorbei, die Lage entspannt sich. Heute Nachmittag reist auch Bundesrätin Micheline Calmy-Rey in verschiedene Unwettergebiete in der Schweiz. Zuerst wird sie in Delsberg im Kanton Jura erwartet. Vom Helikopter aus will sich die Bundespräsidentin ein Bild über das Ausmass der Schäden machen. In Delsberg wird sie von den Stadtbehörden empfangen, wie das Eidg. Departement für auswärtige Angelegenheiten mitteilte. Der Kanton Jura wurde von den schlimmsten Unwettern seiner Geschichte heimgesucht. Rund 30 Gemeinden sind von Schäden betroffen. Inzwischen hat sich die Situation wieder einigermassen normalisiert.

Später will die Bundespräsidentin auch Olten SO und Littau LU besuchen. An beiden Orten richteten die Unwetter schwere Schäden an. Im Namen des Bundesrates will sie der Bevölkerung ihre Anteilnahme aussprechen und den Einsatzkräften sowie den vielen freiwilligen Helfern danken. Klaus J. Stöhlker hätte sie gestern schon gern gesehen.

(meg)

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