Kommentar: Sisyphus hat keine Lust mehr
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KommentarSisyphus hat keine Lust mehr

5 Spiele, 0 Punkte, Platz 18. Lucien Favre hat bei Borussia Mönchengladbach demissioniert. Er wusste nicht mehr weiter.

von
Sandro Compagno

«Es ist in dieser Situation die beste Entscheidung, mein Amt als Chef-Trainer bei Borussia Mönchengladbach niederzulegen», erklärte sich Favre gegenüber der Agentur «Sportinformation». Mit seiner Demission hat der 57-Jährige alle überrascht, allen voran die Führungsetage von Borussia Mönchengladbach und hier ganz besonders Sportchef Max Eberl.

Nach dem 0:1 gegen den 1. FC Köln am Samstag hatte Eberl die griechische Mythologie bemüht, um die Krise der Borussia zu beschreiben: «Es ist ein bisschen Sisyphusarbeit, die wir betreiben. Du schiebst die Kugel immer wieder hoch, bist dabei, dir Selbstvertrauen zu holen, und in dem Moment rollt die Kugel wieder zurück.» Eberls Sisyphus hiess Lucien Favre.

Kader verlor erneut an Qualität

Vor vier Jahren und sieben Monaten hatte der Romand die Borussia auf Platz 18 übernommen und sensationell zum Klassenerhalt geführt. Später formte er ein Spitzenteam, verlor drei Führungsspieler (Reus, Neustädter, Dante) und begann einen Neuaufbau. Dieser führte letzte Saison auf Platz 3 und in die Champions League. Trotzdem kamen Favre erneut zwei äusserst wichtige Spieler abhanden, die deutschen Internationalen Christoph Kramer und Max Kruse. Eberl vermochte sie nicht adäquat zu ersetzen.

Schon im Sommer hatte der akribische Tüftler seine Befürchtungen hinsichtlich der Qualität des Kaders geäussert. Der Sportchef schlug seine Warnungen in den Wind. Der abrupte Abgang ist eine Verzweiflungstat. Favre glaubt nicht mehr, eine Wende herbeiführen zu können.

Riskanter Entscheid

Lucien Favres Handeln ist konsequent, aber auch gefährlich. Der sensible, oft grüblerische Romand riskiert, fortan als Trainer zu gelten, der vor Problemen wegläuft. Es kann ihm egal sein. Existenzängste wie nach der Entlassung 2009 bei Hertha Berlin quälen ihn nach vier erfolgreichen Jahren in Gladbach nicht mehr. Und sein hervorragender Ruf als Ausbildner und Taktiker reicht weit über die Bundesliga hinaus.

Rasch machten am Sonntag Gerüchte die Runde, wonach Favre gesundheitlich angeschlagen sei. Das ist Unsinn. Sisyphus hat einfach keine Lust mehr.

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