Schutzgelder: Sizilianische Unternehmen trotzen der Mafia

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SchutzgelderSizilianische Unternehmen trotzen der Mafia

Die Cosa Nostra ist auf dem absteigenden Ast: Viele sizialianische Firmenchefs verweigern Schutzgeldzahlungen oder erstatten sogar Anzeige. Andere italienische Regionen sind davon jedoch noch weit entfernt. Dabei richtet das Schutzgeld massiven wirtschaftlichen Schaden an.

Auf Sizilien erstatten immer mehr Unternehmen und deren Chefs Anzeige gegen die Mafia. Es ist eine eigentliche Revolution im Gang: Der Unternehmerverband Confindustria ruft seine Mitglieder auf, keine Schutzgelder mehr zu bezahlen, sich an die Polizei zu wenden und Anzeige zu erstatten. Und es funktioniert. In Palermo gab es in den letzten neun Monaten 36 Anzeigen, in der kleinen Stadt Gela sogar 90, berichtet «Welt Online».

Schutzgeld verursacht hohen Schaden

Die Mafia richtet mit ihrem Schutzgeld enormen wirtschaftlichen Schaden an. In Palermo zahlen geschätzte 80 Prozent der Geschäftsleute den «Pizzo». Im Mittel zahlten die Restaurants 500 Euro im Monat, ein Bauunternehmen im Schnitt rund 2000 Euro im Monat. Je höher der Umsatz, desto höher die «Abgabe». Die Mafiafamilien nehmen dadurch mindestens eine Milliarde Euro pro Jahr ein. Die sonst schon schwache Wirtschaft Siziliens verliert durch das Schutzgeld 1,3 Prozent Wachstum pro Jahr.

Der Verband Confindustria akzeptiert keine Firmen in seinen Reihen, die weiterhin Schutzgeld bezahlen. Dutzende Firmen mussten den Verband verlassen. Die Mafia läuft Gefahr, das wertvollste Symbol ihrer Macht zu verlieren: Mit dem Schutzgeld zeigt die Mafia, wer die Herrschaft über ein Gebiet ausübt. Für Confindustria ist klar: Dies Gesellschaft muss diese Macht zurückerobern. Das sei eine Verantwortung, die man nicht an den Staat delegieren könne.

Der mafiafreie Supermarkt

Die Firmen müssen sich für oder gegen die Mafia entscheiden, für Confindustria gibt es kein Dazwischen. Unterdessen entstehen auf der ganzen Insel Bewegungen gegen die Mafia: eine Studentenorganisation verteilt Gütesiegel an Unternehmen, die kein Schutzgeld zahlen und in Palermo gibt es einen Supermarkt für mafiafreie Produkte. Im Mai gaben die Behörden mit dem Einzelhändlerverband Confesercenti eine Broschüre mit Tipps und Ansprechpartner für eine Beratung heraus. Darin heisst es: «Jetzt ist es möglich, sich vom Schutzgeld zu befreien!»

Cosa Nostra verliert an Boden

Die momentane Schwäche der Mafia ist da behilflich: Im November verhaftete die Polizei den Boss Salvatore Lo Piccolo. Das war für die streng hierarchische sizilianische Mafia, die Cosa Nostra, ein schwerer Schlag. Sie ist auf dem Rückzug: Die Camorra in Kampanien (Region Napoli) und die 'Ndrangheta in Kalabrien sind erfolgreicher. Beide verdienen mit Drogenhandel und dem Import gefälschter Luxusgüter viel Geld, die Camorra ist gar nicht dabei. Die Polizei telefoniert Listen mit Namen erpresster Unternehmen ab. Viele Chefs trauen sich nur dann ihren Erpresser anzuzeigen, wenn sie darauf angesprochen werden.

Keine Lebensgefahr mehr

Ein Geständnis abzulegen oder gar eine Anzeige zu machen, ist für die Unternehmer sicherer geworden. «Früher hat man sein Leben riskiert», heisst es in der Broschüre. Noch in den Neunziger Jahren war das anders: Wer sich auflehnte, wurde erschossen. Heute aber, verspricht die Broschüre, könne man, nachdem man den Erpresser angezeigt habe, ein ganz normales Leben führen. Der Staat bietet jetzt nämlich wirkliche Hilfe an und installiert Kameras in den Läden, um die Inhaber vor einer racheaktion zu schützen. Falls es doch dazu kommt (v.a. Brände oder Diebstahl), bieten staatliche Fonds den Geschädigten ihre Hilfe an. Und schliesslich wissen die Mafiosi nie, ob die Polizei am Telefon mithört.

In Kampanien hingegen ist es nach wie vor gefährlich, die Mafia zu denunzieren. Wer es tut, erhält Besuch von Schlägertrupps. Mehr Investitionen in die lokale Wirtschaft werden gefordert: Wer Arbeit hat, geht nicht zur Mafia.

Dem Markt sei Dank: Der Anfang vom Ende für die Mafia

Confindustria ist überzeugt: Je mehr Markt es gibt, desto mehr weicht die Mafia zurück. Neue Unternehmer würden im freien Markt an Einfluss gewinne und diese liessen sich von der Mafia nicht beeindrucken. Und sie haben keine Interesse an einem anderen Aspekt des «Schutzes» der Mafia: einem garantierten Monopol im jeweiligen Geschäftsfeld. Confindustria ist sicher: Im Moment sieht man den Anfang vom Ende der Mafia. (scc/rmd)

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