Philipp Ruch: Skandal-Künstler will jetzt die SVP verbieten
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Philipp RuchSkandal-Künstler will jetzt die SVP verbieten

Der Schweizer Künstler Philipp Ruch bereut seinen Mordaufruf gegen Roger Köppel nicht. Seine aktuelle Theaterproduktion sei seither ausverkauft.

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Mit diesem Beitrag bewarb Künstler Philipp Ruch im Strassenmagazin «Surprise» eine Theaterproduktion. Ihm drohen strafrechtliche Konsequenzen.

Mit diesem Beitrag bewarb Künstler Philipp Ruch im Strassenmagazin «Surprise» eine Theaterproduktion. Ihm drohen strafrechtliche Konsequenzen.

Philipp Ruch ist Schweizer und Kopf der Berliner Künstlergruppe «Zentrum für politische Schönheit». Im Juni beerdigte diese eine Syrerin, die im Mittelmeer ertrunken war, in der deutschen Hauptstadt.

Philipp Ruch ist Schweizer und Kopf der Berliner Künstlergruppe «Zentrum für politische Schönheit». Im Juni beerdigte diese eine Syrerin, die im Mittelmeer ertrunken war, in der deutschen Hauptstadt.

Imago
Philosoph Ruch lässt SVP-Nationalratskandidat Roger Köppel (im Bild) auch in seinem neuen Theaterstück auftreten.

Philosoph Ruch lässt SVP-Nationalratskandidat Roger Köppel (im Bild) auch in seinem neuen Theaterstück auftreten.

Keystone/Ennio Leanza

Philipp Ruch, Schweizer Kopf des Künstlerkollektivs «Zentrum für politische Schönheit», rief in einem Plakat im Strassenmagazin «Surprise» zum Mord an «Weltwoche»-Verleger und SVP-Nationalratskandidat Roger Köppel auf («Tötet Roger Köppel!»). Der Gastbeitrag wurde ein Fall für die Zürcher Justiz: Die Staatsanwaltschaft erwartet bis spätestens Freitag den Rapport der Stadtpolizei. Kommende Woche wird der zuständige Staatsanwalt über das weitere Vorgehen entscheiden. Möglicher Straftatbestand: öffentliche Aufforderung zu Gewalttätigkeit.

Inzwischen distanziert sich auch das Strassenmagazin Surprise von der Aktion («Die Publikation war ein Fehler»). Bloss Aktionskünstler und Philosoph Philipp Ruch scheint all dies nicht zu kümmern: Im Interview mit 20 Minuten rechtfertigt der 34-Jährige die Aktion erstmals ausführlich. Der Frage, ob er die Verantwortung dafür übernähme, wenn Köppel wegen des Aufrufs physische Gewalt widerführe, weicht er aus.

Herr Ruch, Sie haben Ihr Inserat mit einem Mordaufruf versehen. Bereuen Sie dies mittlerweile?

Nein. Roger Köppel ist der Alfred Rosenberg (Chef-Ideologe der Nazis, Anm. d. Redaktion) des 21. Jahrhunderts. Er empfiehlt Menschen in Todesgefahr den «Schutz vor Ort» – wohlgemerkt in der syrischen Apokalypse – und sagt Sätze wie: «Jeder Migrant, der es geschafft hat, zieht mit seinem Handy oder seinem Facebook-Konto Freunde und Verwandte nach.» Wir halten ihn für eine grosse Bedrohung der Humanität Europas.

Schaden Sie mit den Aktionen und der Nazi-Keule nicht Ihrem Anliegen? Linke Kreise beklagen, dass die SVP übermässige mediale Aufmerksamkeit geniesse.

Man kann nicht genug vor Chefideologen wie Roger Köppel warnen. Ich könnte Ihnen jetzt nette Geschichten erzählen, wie die zionistischen Aktivisten während des Zweiten Weltkrieges gewarnt und blockiert wurden, weil sonst bestimmte Kreise angeblich übermässige Aufmerksamkeit genossen hätten. Die SVP muss verboten werden. Wir haben bald unser erstes Schweizer Projekt. Da geht es um ein Parteiverbotsverfahren gegen die SVP. Die Rädelsführer gehören hinter Gitter!

Sie wollen die SVP verbieten, da diese Ihnen missfallende Positionen vertritt. Wollen Sie die Meinungsfreiheit beschneiden?

Nein, es gibt mit Sicherheit ein Recht auf eine eigene Meinung, aber es gibt kein Recht auf Hetze gegen Menschen, die vor Krieg fliehen.

Ist das noch Kunst oder nur noch Politik? Oder: Wo sind die Grenzen der Provokation?

Wir provozieren nicht. Wir fühlen uns gehörig von der SVP und von Herrn Köppel provoziert. Uns ist auch klar, dass ihn in der Schweiz keiner ernst nimmt. Aber in Deutschland wird er von den grössten politischen Talk-Shows des Landes hofiert. Das ist ein unerträglicher Zustand, der jetzt enden muss.

Angenommen, das Inserat würde missverstanden und Herrn Köppel widerführe physische Gewalt, übernähmen Sie die Verantwortung?

Wissen Sie, es ist so eine Sache – wir reihen uns ein in eine Tradition, die von Christoph Schlingensief begründet wurde. Und wir erinnern uns sehr genau: Nachdem Schlingensief den FDP-Politiker Jürgen Möllemann mit einem Fluch belegt hatte, fiel der ein halbes Jahr später vom Himmel. Die Kunst ist für die Politik lebensgefährlich. (Anm. d. Red.: Schlingensief war ein deutscher Theaterregisseur, der immer wieder mit provokanten Aktionen für Schlagzeilen sorgte. Im Jahr 2002 rief er ins Publikum: «Tötet Möllemann!» Letzterer starb 2003 bei einem Fallschirmsprung).

Buhlen Sie nicht einfach auf billige Art und Weise um Aufmerksamkeit für Ihre aktuelle Theaterproduktion «2099», auf die Sie im «Surprise»-Inserat auch verweisen?

Selbstverständlich. Wir hatten ein massives Problem: Der Kartenverkauf lief schleppend. Wir müssen für jede Vorstellung 550 Plätze verkaufen. Das schaffen sie heute nicht mehr ohne das Ringen um billige Aufmerksamkeit.

Und jetzt gehen die Karten weg?

Genau, seither sind wir ausverkauft. Gerade auch aus der Schweiz haben sich viele Menschen angekündigt, die Vorstellung in Dortmund zu besuchen.

Ihnen drohen strafrechtliche Konsequenzen. Lässt Sie das kalt?

Ich denke, die bisherige Rechtsprechung ist in dieser Sache eindeutig. Wir können uns nicht vorstellen, dass das Schweizer Rechtssystem unserer Theaterproduktion auf Jahre hinaus die Zukunft sichern will.

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