Aktualisiert 17.01.2019 07:14

Wer haftet?Skifahrer dürfen Pisten trotz Gefahr verlassen

Zurzeit kommt es zu vielen Lawinenniedergängen. Experten klären auf, wer im Falle eines Lawinenunglücks haftet.

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jk/rol

Am Dienstag wurde eine Lawine zwischen Samnaun und Martina gesprengt. (Video: Leser-Reporter)

Aufgrund der starken Schneefälle der letzten Tage ist die Lawinengefahr sehr hoch. Nicht alle Niedergänge gehen so glimpflich aus wie die kontrolliert gesprengte Lawine bei Samnaun (siehe Video). Laut der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) sterben hierzulande jährlich rund 20 Personen bei Lawinenunglücken, viele weitere werden verletzt.

Doch wer bezahlt für die Rettung aus einer Lawine – und wie teuer kommt es einen zu stehen, wenn man eine Lawine auslöst? Wer eine Piste verlässt und dadurch das Risiko in Kauf nimmt, eine Lawine auszulösen, muss mit Konsequenzen zu rechnen. BfU-Sprecher Nicolas Kessler, sagt: «Es ist die Suche nach dem Pulverschnee, die Schneesportler dazu verführt, markierte Pisten zu verlassen. Das ist zwar nicht per se verboten, aber sehr riskant.»

Die folgenden fünf Szenarien veranschaulichen, wer unter welchen Umständen haftbar ist und bezahlen muss.

Die Lawine löst sich von selbst, sie trifft auf eine Skipiste

Grundsätzlich sind die Bahn- und Skigebietsbetreiber verantwortlich. Sie müssen sicherstellen, dass die markierten Pisten sicher sind und mögliche Lawinenhänge entschärfen. «Wenn eine Lawine trotzdem eine Piste trifft und es keinen nachweislichen Verursacher gibt, haftet das Bergbahnunternehmen», sagt Peter Michel, Leiter Piste, Sicherheit und Rettung in Hasliberg-Meiringen. Dieses habe eine Versicherung für solche Fälle. Hat das Bergbahnunternehmen alle nötigen Vorkehrungen getroffen und eine Lawine verschüttet dennoch Personen auf der Piste, übernehmen die Unfallversicherungen der Opfer die Kosten, so David Schaffner, Sprecher der Zurich Versicherung.

Die Bergbahnen haben nicht genügend vor der Lawinengefahr gewarnt

«Momentan ist die Lawinengefahr erhöht. Wir warnen die Schneesportler via Infotafeln und mit blinkenden Warnsignalen», sagt Peter Michel. Verletzen Bergbahnen ihre Sorgfaltspflicht, können sie laut BfU zur Rechenschaft gezogen werden. Beispielsweise, wenn die Lawinengefahr ungenügend signalisiert ist oder Pisten nicht gesperrt werden. Dann müssen sie im Fall eines Schadens selbst bezahlen.

Du löst eine Lawine aus. Sie trifft auf eine Piste oder Strasse

«Der Auslöser einer Lawine haftet für allfällige Schäden, welche diese verursacht hat. Aber nur, sofern ihm ein Verschulden im rechtlichen Sinne nachgewiesen werden kann», sagt Anna Ehrensperger, Sprecherin der AXA Versicherung. Die Kosten würden durch die Haftpflichtversicherung des Lawinenauslösers getragen. Das BfU hält fest: Löst man nachweislich eine Lawine aus, die auf eine signalisierte Piste oder eine öffentliche Strasse trifft, muss man mit einem Verfahren wegen Behinderung des öffentlichen Verkehrs rechnen.

Du löst eine Lawine aus, Drittpersonen werden verletzt

«Grundsätzlich zahlt die Unfallversicherung des Verunglückten die Bergungs- und Rettungskosten», sagt Lawinenrechtsexperte Fritz Anthamatten. Normalerweise werde der Auslöser der Lawine nicht belangt, sofern die Lawinengefahr nicht ausgewiesen ist. «Es gibt kein Verbot, in freiem Gelände Ski zu fahren», so Anthamatten. Die Privathaftpflicht decke auch Tourenfahrer, die abseits von Pisten fahren, ergänzt Ehrensperger von der AXA. Und wenn sich der Lawinenverursacher verletzt? «Die Heilungskosten übernimmt immer die Unfallversicherung, auch wenn man abseits der Piste verunfallt. Das sind sämtliche Kosten für Rettung, Behandlung, Medikamente und auch Transporte», so Ehrensperger.

Du löst grobfahrlässig eine Lawine aus, es gibt Opfer

Hat der Lawinenauslöser grobfahrlässig gehandelt (das heisst Warnhinweise komplett ignoriert), kann er zivilrechtlich zur Zahlung der Rettungskosten verurteilt werden. Zudem kann er mit einer Anzeige wegen Körperverletzung oder Tötung strafrechtlich belangt werden. «Wird grobes Fehlverhalten nachgewiesen, kann es zu einer Kürzung bei der Privathaftpflichtversicherung kommen», so Ehrensperger. Tourenfahrer sollten sich nur unter Anleitung einer erfahrenen Person abseits gesicherter Pisten bewegen. «So haben sie Gewähr, dass bei einem allfälligen Zwischenfall ihre Privathaftpflichtversicherung den Schaden übernimmt», rät sie.

Staatsanwaltschaft ermittelt

Laut Mathias Volken, Mediensprecher der Kantonspolizei Wallis, ist es Sache der Staatsanwaltschaft, zu prüfen, ob jemand durch grobfahrlässiges Verhalten Schuld am Niedergang einer Lawine ist. «Die Aufgabe der Polizei ist es, vor Ort zu gehen, den Sachverhalt entgegenzunehmen und der Staatsanwaltschaft zu rapportieren.»

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