Aktualisiert 17.11.2019 16:56

Nach Unfall in ArosaSkischul-Chef will Kinder mit Buckelpisten schützen

Ein Skifahrer krachte in ein fünfjähriges Mädchen und verletzte es schwer. Der oberste Skilehrer fordert nun, die Pisten zu entschleunigen.

von
Qendresa Llugiqi
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Nach einer schweren Kollision mussten ein 5-jähriges Mädchen und ein 57-jähriger Mann mit der Rega ins Spital geflogen werden.

Nach einer schweren Kollision mussten ein 5-jähriges Mädchen und ein 57-jähriger Mann mit der Rega ins Spital geflogen werden.

Kapo GR
Der Unfall ereignete sich im Skigebiet von Arosa.

Der Unfall ereignete sich im Skigebiet von Arosa.

Google Maps
Der Mann war auf der Piste 5b in Richtung Talstation gefahren und ist dabei mit dem Mädchen, das hinter einer Kuppe fuhr, zusammengestossen.

Der Mann war auf der Piste 5b in Richtung Talstation gefahren und ist dabei mit dem Mädchen, das hinter einer Kuppe fuhr, zusammengestossen.

Arosa/Lenzerheide

Auf der Skipiste in Arosa ist es Samstagmittag zu einem schweren Unfall gekommen: Ein 57-jähriger Mann fuhr in ein 5-jähriges Mädchen. Dieses erlitt schwere Kopf- und Brustkorbverletzungen. Eine Mitarbeiterin der Hörnli-Hütte sagt zu 20 Minuten: «Wir haben von dem Vorfall durch unsere Gäste erfahren. Sie alle waren geschockt. Angeblich musste das Mädchen reanimiert werden.» Es habe am Samstag viele Gäste in der Hörnlihütte und auf den Pisten gehabt.

Besonders gefährlich ist es für Kinder-Skifahrer, wenn sie hinter Kuppen verdeckt fahren: So starb etwa die sechsjährige Norah im März 2017 nachdem ein 16-Jähriger in sie hineinfuhr. Das Mädchen war laut Medien mit ihrer Skilehrerin (19) in Les Mosses unterwegs und verschwand hinter einer Kuppe. Der Teenager fuhr gerade von weiter oben heran. Obwohl Schilder darauf hinwiesen, die Geschwindigkeit zu drosseln, passte der Junge diese nicht an und fuhr ungebremst in das Mädchen hinein. Vergangenen Sommer wurde der Teenager wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Die Richter sahen es als erwiesen an, dass er zu schnell gefahren sei.

Schuldfrage sei klar

Einen ähnlichen Vorfall gab es auch letzten Dezember: Ein Skifahrer prallte in die vierjährige Larina. Das Mädchen starb einen Tag nach dem Vorfall. Auch dieser Skifahrer war mit einem hohen Tempo unterwegs.

Wer in solchen Fällen Schuld sei, liege grundsätzlich auf der Hand, sagt Jürg Friedli, Präsident des Dachverbands für Schweizer Skischulen (SSSA), zu 20 Minuten. «Es ist immer derjenige, der von oben her kommt und seine Fahrweise nicht angepasst hat. Solche Vorfälle zeigen, dass sich doch einige nicht an die FIS-Regeln (Anm. der Red.: Verhaltensregeln für Skifahrer und Snowboarder) halten. Würden sie es tun, hätten wir viel weniger Unfälle auf den Pisten. Auch Kuppen würden keine Gefahr mehr darstellen.»

Braucht es Massnahmen?

Der tragische Unfall in Arosa wirft die Frage auf, wie sicher Kinder auf Skipisten sind und wie sie besser vor Pisten-Rowdys geschützt werden können. Grindelwald etwa setzt bereits seit 2006 auf eine Tempo 30-Piste. «Sie startete zuerst als Versuch und hat sich seither bewährt», sagt Kathrin Naegeli, Sprecherin der Jungfraubahnen. «Auf einer solchen Piste fühlen sich vor allem Anfänger und ungeübte Fahrer sicher.» Da das Tempo gering sei, gebe es kaum Unfälle.

Laut der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU) gibt es keine Untersuchungen, die aufzeigen, wie sich Massnahmen wie etwa die Einführung eines Mindestalters für gewisse Pisten auf die Unfallzahlen auswirken. Aber: «Es wäre interessant zu sehen, ob solche Massnahmen die Unfallzahlen beeinflussen würden», so Sprecher Marc Kipfer.

Davon hält Jürg Friedli wenig. «Massnahmen wie Verbotsschilder, ein Mindestalter, Tempolimiten oder etwa wie in Südamerika Radarkontrollen an der Piste gehören nicht auf die Piste und drosseln nur den Spass.» Seine Erfahrung zeige, dass viele Schneesportler oftmals ihre Geschwindigkeit nicht ihrem Fahrkönnen oder nicht den äusseren Gegebenheiten anpassen würden.

Sicherheit erhöhen

«Für mehr Sicherheit auf den Pisten sind meiner Meinung nach pistenbauliche Massnahmen nötig. Wir sollten wieder durch skifahrerisch interessante Elemente Buckelpisten-Abschnitte schaffen, die einerseits den Spassfaktor erhöhen und andererseits die Geschwindigkeit – dort wo sinnvoll – drosseln. Gleichzeitig empfehle ich dem Einzelsportler sowie Familien ihr Fahrverhalten ab und zur eigenen Sicherheit und zur Sicherheit Dritter mit einem Skilehrer oder einem Snowboardlehrer anzuschauen.»

Romano Pajarola, Verantwortlicher Beratungsstelle Sicherheit bei den Seilbahnen Schweiz, spricht sich wie Friedli und Kipfer dafür aus, dass sich die Schneesportler die FIS-Regeln und SKUS-Richtlinien (Anm. d. Red.: Schweizerische Kommission für Unfallverhütung auf Schneesportanlagen) vor Augen halten. «Tiefergreifende Massnahmen braucht es meiner Meinung nach nicht. Sowieso wären diese schwer umzusetzen. Ausserdem bräuchte es wieder jemanden der das dann kontrolliert. Zu viel Regulierung würde den Schneesport bremsen. Man könnte es nicht mehr geniessen.»

«Die Kollisionen zwischen Personen machen rund sieben Prozent aller Ski- und Snowboardunfälle in der Schweiz aus»

Die Zahlen der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU) zeigen, dass sich in der Schweiz pro Saison durchschnittlich 9'230 Kinder bis 16 Jahre beim Skifahren und 4'390 beim Snowboarden verletzen. «Ein Grossteil dieser Verletzungen verläuft glücklicherweise glimpflich», sagt Sprecher Marc Kipfer. «Meistens handelt es sich um einen Selbstunfall.»

Kollisionen zwischen Personen gebe es regelmässig, über die gesamte Verletztenzahl (durchschnittlich 64 570 Verletzte beim Ski- und Snowboardfahren pro Jahr) hinweg seien sie jedoch selten: «Die Kollisionen zwischen Personen machen rund sieben Prozent aller Ski- und Snowboardunfälle in der Schweiz aus. Dieser Anteil ist seit vielen Jahren konstant», sagt Kipfer. «Anders ausgedrückt: Auf 13 Selbstunfälle mit Skis oder Snowboards kommt eine Personenkollision.» In wie vielen Kollisions-Fällen Kinder involviert waren, konnte die BFU am Sonntag nicht erörtert. Doch: Seit dem Jahr 2000 sind insgesamt zwei Kinder unter elf Jahren nach einer Personenkollision auf einer Piste gestorben (siehe Beispiele oben).

«Im Vergleich kommt es nicht oft zu Personen-Kollisionen, da sich die Leute den Gefahren bewusst sind und aufeinander acht geben», sagt Kipfer. Auch treffe es nicht zu, dass es bei vielen Leuten auf der Piste zu mehr Crashs kommt: «Das Gegenteil ist der Fall, da die Leute ihr Fahrverhalten anpassen.»

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