Kritik an Herzog & de Meuron: «Sklaven-Zimmer» löst Shitstorm aus – «man muss nicht alles bauen»

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Kritik an Herzog & de Meuron«Sklaven-Zimmer» löst Shitstorm aus – «man muss nicht alles bauen»

Weil sie Wohnungen eines Luxus-Appartement-Hochhauses in Beirut mit fensterlosen Kammern für Hausangestellte ausstatteten, stehen die Basler Stararchitekten Herzog & de Meuron am Pranger. Damit würde ein ausbeuterisches System unterstützt. 

von
Jeanne Dutoit
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Dieses Hochhaus aus der Feder der Basler Starachitekten Herzog & de Meuron steht in der libanesischen Hauptstadt Beirut.

Dieses Hochhaus aus der Feder der Basler Starachitekten Herzog & de Meuron steht in der libanesischen Hauptstadt Beirut.

beirutterraces.com
So grosszügig wie die Luxus-Wohnungen sind, so spartanisch sind die Bedienstetenzimmer darin. Eine Schweizer Architektin machte darauf auf Twitter aufmerksam. Man müsse nicht alles bauen und jeden Auftrag annehmen, kritisiert sie. Ihr Tweet wurde vielfach geteilt und rege kommentiert.

So grosszügig wie die Luxus-Wohnungen sind, so spartanisch sind die Bedienstetenzimmer darin. Eine Schweizer Architektin machte darauf auf Twitter aufmerksam. Man müsse nicht alles bauen und jeden Auftrag annehmen, kritisiert sie. Ihr Tweet wurde vielfach geteilt und rege kommentiert.

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Die Architektin wirft Herzog & de Meuron vor, mit der Realisierung der Bediensteten-Räumen «das berüchtigte sklavenähnliche Kafala-System» direkt zu unterstützen.

Die Architektin wirft Herzog & de Meuron vor, mit der Realisierung der Bediensteten-Räumen «das berüchtigte sklavenähnliche Kafala-System» direkt zu unterstützen.

Herzog & de Meuron

Darum gehts

  • Ein Hochhaus in Beirut, das von den Stararchitekten Herzog & de Meuron gebaut wurde, steht in der Kritik.

  • Das Gebäude wurde mit kleinen Kammern ausgestattet, in denen jeweils die Hausangestellten der Mietenden leben. Die sogenannten Maids werden teils wie Sklaven behandelt, kritisieren verschiedene Organisationen.

  • Die Schweizer Architekten agieren in diesem ausbeuterischen System und machen sich zu Mittätern, so Kritikerinnen und Kritiker.

Ein Zimmer, nicht mal vier Quadratmeter gross und ohne Fenster: keine Gefängniszelle, sondern die Zimmer von Hausangestellten in einem Luxus-Wohnturm in der libanesischen Hauptstadt Beirut. Entworfen und realisiert wurden die sogenannten «Maid-Rooms» von den Basler Stararchitekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron.

Beirut Terraces heisst der 119 Meter hohe Wohnturm, der 2017 fertiggestellt wurde. Er umfasst 130 Wohnungen, teils mit einer Grösse von bis zu 1000 Quadratmetern. Das Gebäude wurde in der Vergangenheit mehrfach in Wettbewerben für Auszeichnungen nominiert und wird oft in Hochhaus-Rankings genannt.

Nun wurden in den sozialen Medien Baupläne und Zahlen veröffentlicht, die bisweilen in keinen Architektur-Blogs auftauchten. 3,9 Quadratmeter, so gross sind die Zimmer, die mit «Maid-Room» beschriftet sind. Die Räume sind an Küche und Waschküche angegliedert «damit das Personal unsichtbar bleibt», schimpft eine Schweizer Architektin auf Twitter.

«Maids stehen Arbeitgebern rund um die Uhr zur Verfügung»

Sie wirft Herzog-de-Meuron vor, mit der Realisierung der Bediensteten-Räumen «das berüchtigte sklavenähnliche Kafala-System» direkt zu unterstützen. Amnesty International richtet in dem umfassenden Bericht «Their house is my prison» den Finger auf jenes System, das Hausangestellte ausbeutet.

Laut einer Schätzung der NGO lebten 2019 über 250’000 Personen mit Migrationshintergrund, die aus afrikanischen und asiatischen Ländern stammen, in Privathaushalten im Libanon. Die Betroffenen stehen ihren Arbeitgebern meist rund um die Uhr zur Verfügung und dürfen die Stelle nicht ohne deren Zustimmung wechseln oder künden.

Das Kafala-System bezeichnet laut Wikipedia ein System der Bürgschaft: Der Arbeitgeber organisiert die Einreiseformalitäten und zieht in der Regel zu diesem Zweck den Pass der ausländischen Arbeitskraft ein. Die angestellte Person steht ab diesem Zeitpunkt oft in einem «sklavengleichen, missbräuchlichen» Abhängigkeitsverhältnis ohne jeglichen Arbeitsschutz.

Amnesty International bemängelt in besagtem Dossier den «Mangel an angemessener Unterkunft», dem Hausangestellte ausgeliefert sind. «Ich fing an, Selbstmordgedanken zu bekommen, weil ich die ganze Zeit eingesperrt war», äussert sich Sebastian aus der Elfenbeinküste gegenüber der Organisation.

Herzog & de Meuron hatten zuerst andere Pläne

Die Stararchitekten werden auf Twitter an den Pranger gestellt: Mit der Planung und dem Bau der luxuriösen Apartments, Bediensteten-Zimmer inklusive, heissen sie das menschenverachtende System gut. «Man muss nicht alles bauen und jeden Auftrag annehmen, auch wenn es dann ein anderer macht», so die Architektin, die die Pläne veröffentlichte.

Die Kommentare pflichten ihr bei. Die Architekten seien «würdelose Handlanger», schreibt ein User. Eine Frau aus Zürich schildert, dass sie die Enkelin einer «Maid» sei, ihre Familiengeschichte sei «mehr als hässlich». Es werde ihr übel beim Gedanken an die von den Schweizern realisierten Kammern.

Auf Anfrage von 20 Minuten heisst es vonseiten Herzog-de-Meuron: «Beim Projekt Beirut Terraces hatten wir dem Kunden andere Konzepte projektiert und empfohlen. Was hier jedoch realisiert wurde, war der ausdrückliche Wunsch der Bauherrschaft, und wurde auf dessen Anordnung ausgeführt.»

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