Skyguide-Chef: Keine Hinweise auf Bluttat
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Skyguide-Chef: Keine Hinweise auf Bluttat

Laut Skyguide-Chef Alain Rossier gab es nach dem Flugzeug-Crash bei Überlingen im Sommer 2002 keinerlei Hinweise auf die Bluttat vom vergangenen Dienstagabend in Kloten.

Der Spezialist für Kriseninterventionen, Peter Fässler-Weibel, sieht das anders.

Der mutmassliche Täter, der beim Unglück seine Ehefrau und beide Kinder verloren hatte, sei an der Gedenkfeier 2003 «auffallend aufgebracht» gewesen, führten die Ermittlungsbehörden am vergangenen Donnerstag an einer Medienkonferenz in Zürich aus. Inzwischen haben verschiedene Medien entsprechende Aussagen von Personen veröffentlicht, die an der Feier dabei waren.

Dennoch hat sich niemand konkret bedroht gefühlt. Die Polizei wurde nicht informiert. Wie Kripo-Chef Georges Dulex schon an der Medienkonferenz sagte, sei ein solches Verhalten zwar ungewohnt. Dass sich Menschen in einer derartigen Ausnahmesituation aber unangepasst verhielten, sei wohl verständlich. Eine Tat wie das Erstechen des 36-jährigen Fluglotsen sei nicht vorhersehbar gewesen.

Vertrauliches Gespräch

«Es gab keinen Anhaltspunkt, der auf irgendetwas hätte schliessen lassen», sagt Skyguide-Chef Alain Rossier in einem Interview im «SonntagsBlick». Der heute 48-Jährige sei in Überlingen auf ihn zu gekommen und habe ihm Fragen gestellt. Über das nachfolgende vertrauliche Gespräch äusserte sich Rossier nicht. Jedenfalls sei sei man am Schluss «in gutem Einvernehmen auseinander gegangen».

Hätte man irgend ein Anzeichen für den drohenden Racheakt erkannt, «hätten wir alles gemacht um dies zu verhindern», versichert Rossier. Man habe die Situation ständig mit Fachleuten beurteilt und das Nötige getan in den Bereichen Betrieb und Sicherheit, aber auch psychologische und medizinische Unterstützung.

Laut Rossier gab es im übrigen auch viele Missverständnisse, Verdrehungen, Unwahrheiten, mit denen Skyguide kritisiert worden sei: So sei es beispielsweise schlicht nicht wahr, dass man den Hinterbliebenen anlässlich der Gedenkfeier eine Shopping-Tour vorgeschlagen habe. Ebensowenig habe man je gesagt, der russische Pilot habe kein Englisch gesprochen.

Fässler: «Wichtig wäre Entschuldigung»

Der Ansicht, dass es keine Hinweise für die Bluttat gab, widerspricht der Psychologe Peter Fässler-Weibel. Der Leiter des Winterthurer Kriseninterventionszentrums hat Erfahrung mit der Betreuung von Angehörigen nach Grossereignissen wie etwa dem Swissair-Absturz vor Halifax. «Es gab Anzeichen», sagt er im Interview mit der «SonntagsZeitung».

Nach Ansicht Fässlers hätte die Schweiz nach dem Unglück sofort «Psychologen in Baschkirien und Moskau mit der Betreuung der Opferfamilien beauftragen sollen - mit Supervision aus der Schweiz». Dies hätte es erlaubt, rechtzeitig festzustellen, wenn bei jemandem «die Sicherungen durchbrennen». Sehr wichtig wäre laut dem Psychologen auch «eine bedingungslose Entschuldigung statt blossem Bedauern» seitens Skyguide und der Schweiz gewesen. (sda)

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