Skyguide: Emotionen vor Recht
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Skyguide: Emotionen vor Recht

Weil ein Weiterzug des Urteils eine Belastung für alle Betroffenen wäre, verzichten die nach dem Flugzeugcrash bei Überlingen (D) verurteilten Skyguide-Mitarbeiter auf eine Berufung. Auch sonst ist beim Bezirksgericht keine Berufung eingegangen.

Drei Mitarbeiter des Flugsicherungsunternehmens Skyguide sind vom Bezirksgericht Bülach Anfang September wegen fahrlässiger Tötung zu bedingten Gefängnisstrafen von 12 Monaten verurteilt worden. Ein weiterer Skyguide-Angestellter erhielt eine bedingte Geldstrafe.

Bei den Verurteilten handelt es sich um drei einstige Kadermitarbeiter. Gemäss Gerichtsurteil hätten sie dafür sorgen müssen, dass stets zwei Fluglotsen Dienst leisten. Dem ebenfalls verurteilten Projektleiter der technischen Arbeiten in der Unglücksnacht wurde vorgeworfen, die Lotsen nicht richtig über diese informiert zu haben.

Da die Verurteilten auf eine Berufung gegen das Urteil verzichten, wird es voraussichtlich bei den vom Bülacher Bezirksgericht verhängten Strafen bleiben. Wie Gerichtspräsident Rainer Hohler auf Anfrage erklärte, sind bis jetzt auch keine andern Berufungen gegen das Urteil eingegangen.

Emotionale und menschliche Aspekte wichtiger

Skyguide spricht in ihrem Communiqué vom Donnerstag von einem schwierigen Entscheid, den die betroffenen Mitarbeitenden hätten fällen müssen. Zwar gebe es für die Verurteilten juristische Argumente, die für eine Berufung gesprochen hätten. Menschliche und emotionale Aspekte seien von ihnen aber höher gewichtet worden.

Ein Weiterzug würde eine weitere jahrelange Belastung für sie selbst und ihre Familien sowie auch für die Hinterbliebenen der Opfer darstellen, finden die verurteilten Angestellten. Eine solche wollten sie sich selbst, den anderen Betroffenen und auch dem Unternehmen Skyguide nicht zumuten.

Urteil auf ersten Blick nachvollziehbar

Die Möglichkeit, das vorliegende Urteil weiterzuziehen, hätten auch die Geschädigten, sprich die Hinterbliebenen der Unfallopfer. Da diese das Gerichtsurteil erst später erhielten, läuft für sie die Rekursfrist immer noch.

Gerrit Wilmans, einer der Anwälte der Hinterbliebenen, erklärte auf Anfrage, er sei derzeit daran, das Urteil zu studieren. Auf den ersten Blick sei die Argumentation des Bezirksgerichts aber nachvollziehbar. Definitiv über eine Berufung entscheidet Wilmans kommende Woche.

Würde tatsächlich niemand der Geschädigten das Urteil weiterziehen, kämen alle in den Prozess involvierten Parteien einer Bitte von Gerichtspräsident Hohler nach. Der hatte nach der Urteilseröffnung gebeten, auf Berufungen zu verzichten, um «einen Schlussstrich» unter die Angelegenheit zu ziehen.

Weiterhin bei Skyguide tätig

Von den vier verurteilten Mitarbeitern sind zwei inzwischen pensioniert. Mit den anderen beiden habe man vereinbart, dass sie neue Aufgaben und Positionen innerhalb des Unternehmens erhalten, teilte Skyguide weiter mit.

Die vier vom Gericht freigesprochenen Mitarbeiter, darunter der Lotse, der sich zur Zeit des Unglücks im Pausenraum aufhielt, kehren alle in ihre angestammten Positionen zurück.

Beim Flugzeugzusammenstoss über Überlingen im Sommer 2002 sind 69 Insassen eines russischen Verkehrsflugzeuges sowie die beiden Besatzungsmitglieder einer Frachtmaschine ums Leben gekommen.

Ein Hinterbliebener, der durch den Crash Frau und Kinder verloren hatte, tötete Anfang 2004 den in der Unglücksnacht Dienst leistenden Fluglotsen.

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