Aktualisiert 16.05.2007 11:26

Skyguide-Prozess: Techniker beschuldigen toten Lotsen

Der inzwischen getötete Skyguide-Fluglotse, der am 1. Juli 2002 bei der Flugzeugkatastrophe bei Überlingen den Luftraum allein überwacht hatte, ist am zweiten Prozesstag in Bülach von zwei weiteren Angeklagten erneut schwer belastet worden.

Ein angeklagter Skyguide-Systemkoordinator sagte dem Bezirksgericht Bülach unter anderem, der Lotse hätte in Notfällen auf einen Systemtechniker zurückgreifen können. Wegen System-Wartungsarbeiten sei ein Techniker in der Unglücksnacht im Skyguide-Kontrollraum anwesend gewesen. Der Lotse sei davon in Kenntnis gesetzt worden.

Zuvor hatte ein angeklagter Skyguide-Systemverantwortlicher ausgesagt, der allein arbeitende Fluglotse sei von Technikern über die System-Wartungsarbeiten und die Auswirkungen auf seinen Dienst orientiert worden. Die Systeme seien stufenweise abgeschaltet worden, und der Lotse habe für die Abschaltung der einzelnen Systemteile jeweils sein Okay geben müssen. Bereits am (gestrigen) Dienstag hatten drei Skyguide-Kaderleute die Hauptschuld an der Katastrophe dem Lotsen zugeschoben.

Der Angeklagte musste aber einräumen, dass das Nottelefon - das eingeschaltet wurde, weil nicht nur der Hauptradar, sondern auch die Haupttelefonleitung vorübergehend ausgeschaltet waren - von niemandem auf seine Funktionsfähigkeit überprüft worden sei. Das Nottelefon hatte bei der Einweisung einer verspäteten Maschine auf den Flughafen Friedrichshafen nicht funktioniert, was den Fluglotsen nach eigenen Aussagen so irritierte, dass er den später bei Überlingen kollidierten Flugzeugen nicht genügend Aufmerksamkeit schenken konnte. Der Fluglotse wurde im Februar 2004 an seinem Wohnort von einem Russen erstochen, der beim Unglück Frau und Kinder verloren hatte.

Im Strafprozess um die Flugzeugkatastrophe vom 1. Juli 2002 mit 71 Toten sind insgesamt acht Skyguide-Mitarbeiter der mehrfachen fahrlässigen Tötung und der fahrlässigen Störung des öffentlichen Verkehrs angeklagt. Die Staatsanwaltschaft verlangt Gefängnisstrafen von sechs bis 15 Monaten auf Bewährung. Bei Überlingen waren am späten Abend jenes Tages ein mit 69 Personen - darunter 49 Kindern und Jugendlichen - besetztes Passagierflugzeug der Bashkirian Airlines und ein DHL-Frachtflugzeug mit zwei Piloten in rund 11.000 Metern Höhe kollidiert. Alle Flugzeuginsassen starben. Am Boden wurde niemand durch Trümmer verletzt. (dapd)

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