Aktualisiert 24.05.2007 15:29

Skyguide-Prozess: Verteidiger geben getötetem Fluglotse die Schuld

Der Fluglotse in Zürich-Kloten habe «durch krass pflichtwidriges und grobfahrlässiges Verhalten» den Zusammenstoss zweier Flugzeuge am 1. Juli 2002 bei Überlingen D verursacht, hat am Donnerstag vor dem Bezirksgericht Bülach ein Verteidiger gesagt.

Am sechsten Prozesstag verlangten die Verteidiger der beiden hierarchisch am höchsten gestellten angeklagten Skyguide- Mitarbeiter vollumfängliche Freisprüche für ihre Mandanten. Die beiden Kadermitglieder der Schweizer Flugsicherungsfirma wiesen die strafrechtliche Verantwortung für das Unglück zurück.

Die Anklage hatte am Dienstag für die beiden Angeklagten bedingte Gefängnisstrafen von 15 Monaten Gefängnis verlangt. Sie wirft ihnen - wie auch den übrigen sechs angeklagten Skyguide- Angestellten - mehrfache fahrlässige Tötung und fahrlässige Störung des öffentlichen Verkehrs vor.

Der von der Verteidigung als Unfallverursacher beschuldigte Lotse ist im Februar 2004 von einem Russen, der beim Unglück Frau und Kinder verloren hatte, umgebracht worden.

Man wolle nicht einfach alle Schuld jemandem in die Schuhe schieben, der sich nicht mehr wehren könne, betonte einer der Verteidiger. Es mache aber keinen Sinn, dass die Angeklagten nun dessen Verantwortung übernehmen müssten.

«Fluglotse war nicht überfordert»

Gemäss Verteidigung hatte sich der Fluglotse in der Unglücksnacht nicht überfordert gefühlt. «Er war es auch nicht», fügte ein Anwalt an. Deshalb habe der erfahrene Flugverkehrsleiter auch keine Hilfe angefordert.

Die gravierenden Fehler habe der Lotse «nicht in Momenten des Stresses» gemacht, sondern zuvor. Er hatte nach Ansicht der Verteidigung bereits in relativ ruhigen Zeiten vier Mal die Möglichkeit und auch die Pflicht gehabt, die sich anbahnende Kollision zu erkennen und abzuwenden.

Der Vorwurf der Anklage, der Zürcher Skyguide-Chef habe pflichtwidrig keine hinreichende Organisation der Flugsicherung sichergestellt, könne nicht aufrecht erhalten werden, sagte der Anwalt.

«Von der Anwesenheit des Kollegen gewusst»

Der Fluglotse müsse auch von der Möglichkeit gewusst haben, sofort Unterstützung rufen zu können. Nicht nur sei ein Lotse im Pausenraum bereit gewesen, sondern auch ein Systemtechniker im Kontrollraum.

Dieser Skyguide-Mitarbeiter mit Lotsenausbildung sei für die System- und Wartungsarbeiten in der Nacht, bei der Flugsicherungssysteme auf einen Ersatzbetrieb mit eingeschränkten Funktionen geschaltet wurden, als Verbindungsmann zwischen Technik und Betrieb im Einsatz gewesen.

Der Lotse am Radarschirm habe «sehr wohl von der Anwesenheit seines Kollegen in nächster Nähe gewusst», sagte der Verteidiger. Anders lautende Aussagen seien «reine Schutzbehauptungen».

Der damalige Leiter des Kontrollzentrums (ACC), der 2003 ordentlich pensioniert wurde, war gemäss dessen Verteidiger vor den technischen Arbeiten vom 1. Juli 2002 nicht über die Details der umzustellenden Systeme informiert worden. «Er wusste nur, dass Umstellungsarbeiten stattfinden, und er hat das dazu nötige zusätzliche Personal zur Verfügung gestellt», sagte der Anwalt.

Angeklagter: «Mediale Vorverurteilung ist belastend»

Die mediale Vorverurteilung belaste ihn sehr, sagte der angeklagte Zürcher Skyguide-Chef in seinem Schlussvotum. Insbesondere dass ihm Herzlosigkeit und Gefühlskälte vorgeworfen werde.

Aber auch die Aussagen des Staatsanwalts, es habe bei Skyguide ein Klima der Sorglosigkeit und des mangelnden Risikobewusstseins geherrscht, empfinde er als unfaire Unterstellung.

Bei der Kollision zweier Flugzeuge im von der Schweizer Skyguide kontrollierten süddeutschen Luftraum nördlich des Bodensees kamen alle 69 Insassen der Passagiermaschine der Bashkirian Airline und die beiden Piloten des DHL-Frachtjets ums Leben.

Der Strafprozess am Bülacher Bezirksgericht dauert noch bis mindestens am nächsten Mittwoch. Das Urteil wird später eröffnet. (sda)

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