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Ausverkauftes Gurten«Sleepingzone? Nie im Leben!»

Nur 6000 der täglich 20 000 Fans auf dem Gurten schlafen auch oben: Mehr Platz ist nicht. Weitere 2000 stürmen jedes Jahr einen Campingplatz in der Nähe. Ein Augenschein vor Ort.

von
mik

Auf der Suche nach einem Ausweg aus der Anonymität eines Mega-Festivals flüchten sich viele in einen Lokalpatriotismus der etwas anderen Art: Zeltplatzsektoren, VIP-Bändel oder Camping-Ausrüstungen müssen da als Identitätsstifter und Statussymbole herhalten. Oder so kommt es auch, dass der eine beinahe platzt vor Stolz, weil er in seinem 80-Liter-Rucksack Platz für vier verschiedene Grillgabeln hat. Der andere hingegen ist glücklich, keine Grillgabeln zu haben, weil er sich gar nicht erst die Mühe gemacht hat, überhaupt einen Rucksack zu schultern: Schlafsack und etwas Plastikgeld reichen doch vollkommen. Dasselbe Prinzip gilt beim provisorischen Wohnort. So hat jedes Zelt seinen eigenen, kleinen Schrebergarten. Verschwindend klein ist dieser allerdings auf dem Gurten Festival: Im unebenen Gelände lässt sich nur ein schmaler Streifen fürs zelten nutzen. So schmal, dass zusammenrücken angesagt ist: Wer hier alle Zeltschnüre meistert, ist für jeden Hindernislauf bereit. Trotzdem reicht der Platz «nur» für 3000 Zweierzelte, so Mediensprecher Micha Günther vom Veranstalter Appalooza Productions. Sie stellen nicht nur die Bastion, die als letzte aus den Partyzelten wankt, sondern auch diejenige, die sich schon kurz darauf als erste wieder auf der Wiese vor der Hauptbühne einrichtet.

Alle andern der täglich 20 000 Festival-Besucher müssen früher oder später zu Fuss oder mit der Gurten-Bahn wieder nach unten, um ihre Batterien anderswo aufzuladen. Etwa 2000 «Güsche»-Fans – so heisst der Gurten unter Bernern – zieht es dann ins Camping Eichholz. Am Strandweg 49 wird für die Festivaltage aufgerüstet: Der Zeltplatz wird vergrössert, zusätzliche Toiletten aufgestellt, das Areal für «normale» Touristen – Juli ist Hauptreisezeit – auf einen Drittel der Gesamtfläche beschränkt, ein Zaun hochgezogen.

Früher war alles schlimmer

«Seit zwölf oder dreizehn Jahren machen wir das hier nun so», sagt Camping-Chef Beat Müller. Während dem vier Tage dauernden Ausnahmezustand generiert er mit dem gebotenen Aufwand rund 5000 zusätzliche Übernachtungen. Mit 8-bis-5-Job ist da nicht viel: Eine Feriensperre garantiert, dass alle acht, statt nur der üblichen fünf, Angestellten mit anpacken. Die Arbeitstage ziehen sich. Aber es lohnt. Nachdem von Jahr zu Jahr immer mehr Besucher auf den Camping gekommen sind, stagnieren die Zahlen nun seit einigen Jahren, so Müller. Abweisen musste er bis heute noch nie jemanden. Das könnte sich an diesem Wochenende ändern: Ab Samstag ist der Campingplatz zum ersten Mal überhaupt während dem Festival restlos ausverkauft. Selbstverständlich ist die Koexistenz von normalen Reise-Touristen und Festival-Fans aber bei weitem nicht. Die Anfänge waren ziemlich wild: Gejohle, Musik und Party sorgten für einen regelrechten Hagel an Lärmbeschwerden. Aber statt den Versuch einzustampfen, stellte die Stadt Securitys, die die Zügel anzogen und für Ordnung sorgten. Heute kümmern sie sich in erster Linie noch darum, die Zelte vor Dieben zu beschützen. Vor allem in den Morgenstunden kommt es vor, dass Zelte aufgeschlitzt sind. Dann, wenn die Gurten-Fans unweckbar in ihren Schlafsäcken dösen. Müde. Aber glücklich.

Wie handhaben Sie das an einem Festival? Stürzen Sie sich am liebsten in die Party einer Mega-Zeltstadt oder finden Sie ein Cüpli im ruhigen VIP-Bereich verlockender?

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