Aktualisiert 25.06.2009 17:30

Blackberry senkt ProduktivitätSmartphones als Plage

Für Manager und Führungskräfte ist ständige Erreichbarkeit ein Muss. Mit einem Auge schielen sie stets auf ihr Smartphone. Weil Blackberry & Co. in Sitzungen ablenken, ziehen erste Firmen die Notbremse.

von
Sandro Spaeth

Szene während eines Meetings: Führungskräfte sitzen am grossen Tisch und diskutieren die neue Strategie. Auf dem Tisch stehen Mineralwasserflaschen, daneben liegen Notizblöcke und Blackberrys. Immer wieder schielt einer auf sein Gerät und schweift mit seinen Gedanken ab: Schon wieder ist ein E-Mail angekommen. Ein vertieftes Gespräch wird unmöglich.

Blackberry: grosses Suchtpotenzial

Dass Blackberrys in Sitzungen stören, liegt für den Arbeitspsychologen Peter Roos auf der Hand. «Die Leute werden abgelenkt und die Konzentration wird gestört. Zudem kann die Effizienz von Sitzungen leiden.» Darum gelte es, Regeln für den Gebrauch zu definieren. Für Roos haben Blackberrys ein grosses Suchtpotenzial. «Die ständige Erreichbarkeit wird mit dem Selbstwertgefühl und dem Status gekoppelt.» Treffe einmal längere Zeit keine Nachricht ein, würden die Leute bereits glauben, sie seien nicht mehr wichtig.

Wen einer die «Brombeere» drückt: 100 Dollar Busse

Der Blackberry (engl. für Brombeere) ist Segen und Fluch zugleich: Die Nachrichten und Termine werden im Unterschied zu normalen Telefonen und anderen Smartphones per abonnierbarem «Push-Dienst» ständig auf die Geräte gesendet. Das lenkt gewaltig ab, schliesslich wollen die Manager ja auf dem neusten Stand sein. Als erstes Institut hat die US-Bank Wells Fargo die Notbremse gezogen. Wie das Portal «Dealbreaker» meldet, hat die Bank das Hantieren am Blackberry während Sitzungen verboten. Wer versteckt unter dem Tisch oder im Schutz der Dokumentenmappe mit dem persönlichen Begleiter «spielt» und erwischt wird, muss auf der Stelle einen Check über 100 Dollar an eine gemeinnützige Organisation ausstellen. Wohin das Geld geht, entscheidet der Sitzungsleiter. Die Bank kommt ihren 280 000 Angestellten aber auch entgegen: Pro Meeting gibts fünf Minuten Blackberry- oder Toilettenpause.

Wenn Regeln fehlen: Vorleben!

Auch die Arbeitspsychologin Barbara Kündig sieht beim Blackberry ein grosses Suchtpotenzial. «Es ist wie beim Internet, Tabak oder Alkohol», so die Expertin. Noch gebe es für den Gebrauch des Blackberrys in Sitzungen keine klaren Regeln, wie sie beispielsweise fürs Tragen von Krawatten gelten. Um der Plage zu begegnen, schlägt die Arbeits- und Organisationsexpertin vor: «Unternehmen können einerseits mit Verboten durchgreifen oder das entsprechende Benehmen vorleben.» Eine Unternehmenskultur werde hauptsächlich durch das Verhalten von Vorgesetzten und Mitarbeitern geprägt.

Ist die Aufmerksamkeit ständig beim «persönlichen Begleiter», ortet Roos ein weiteres Problem: «Die Leute schauen auch Zuhause und in den Ferien ständig auf ihren Blackberry, was sich negativ auf die Erholung auswirken kann.» Aus seinen Beratungen und Coachings weiss Roos, dass die immerwährende Erreichbarkeit sich auch negativ auf das private soziale Umfeld - beispielsweise das Familienleben - auswirken kann.

Rekordzahlen im Verkauf

Dass der Blackberry an Sitzungen immer öfter zum Problem werden wird, zeigen die Verkaufszahlen. Trotz der Wirtschafskrise vermeldete der kanadische Hersteller Research in Motion für das per Ende Februar abgeschlossene vierte Quartal Stückzahlen und Umsätze in Rekordhöhe. Weltweit wurden in den drei Monaten 7,8 Millionen Geräte verkauft, im ganzen Geschäftsjahr waren es 26 Millionen. Der Umsatz stieg im vierten Quartal um fast 25 Prozent auf 3,46 Milliarden Dollar. Im Vorjahresvergleich betrug der Zuwachs erstaunliche 84 Prozent.

Ausgedehnte «Surftouren»

Die Chefs in der Schweiz lassen sich aber nicht nur vom Blackberry ablenken. Laut einer Studie von «MeettheBoss» verbringen sie derzeit jeden Monat 8 Stunden mehr Zeit bei Xing, Facebook oder Twitter als im Vorjahr. Mehr als 80 Prozent der Befragten in der Schweiz bezeichneten die verwendete Zeit als «sehr sinnvoll» und betonten den beruflichen Nutzen ihrer «Surftouren».

Dass die Schweizer Chefs mehr Zeit auf Community-Plattformen verbringen als noch vor einem Jahr, könnte laut Roos unter anderem folgende Ursache haben: «Stark vernetzt zu sein, kann eine gewisse Sicherheit geben. Man ist aufgehoben und hat gerade in Krisenzeiten das Gefühl, bei allfälligen Jobunsicherheiten vom Netz profitieren zu können.» Es stelle sich aber sehr stark die Frage, wie tragend die Kontakte tatsächlich seien.

(scc/sas)

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