Aktualisiert 15.02.2010 12:19

Mobile World Congress 2010So clever sind die Handys der Zukunft

Touchscreens, die man nicht berühren muss, Smartphones, welche jederzeit wissen, was man gleich mit ihnen machen möchte oder mobiles Surfen, das den DSL-Anschluss überflüssig macht: 20 Minuten Online hat sich auf der weltgrössten Mobilfunkmesse umgeschaut und zeigt die wichtigsten Trends der Branche.

von
Henning Steier
Barcelona

Manche Hersteller konnten oder wollten den heutigen Beginn der weltgrössten Mobilfunkmesse wohl nicht abwarten. Den Anfang hatte kürzlich LG gemacht. Die Südkoreaner hatten den Arena-Nachfolger GW990 präsentiert, welcher das HTC HD2 mit einer Bildschirmdiagonale von 4,8 Zoll und dessen Auflösung von 1024 x 480 als Rekordhalter ablöste. Ausserdem hatte der Hersteller das LG GD880 Mini im Gepäck, welches mit einer Bildschirmdiagonale von 3,2 Zoll zum Kunden kommt. LGs Jubel über das angeblich dünnste Smartphone seiner Klasse ist allerdings mit Vorsicht zu geniessen. Die allgemein gut informierte Seite mobilegazette.com schätzt es auf 11 Millimeter. Das Unternehmen hat auf dem diesjährigen Mobile World Congress (MWC) in Barcelona keinen eigenen Stand, sondern nutzt jenen von Dolby Laboratories mit. Mit eigenen Ständen am Start sind hingegen zwei andere eilige Präsenatoren: Samsung und Sony Ericsson, die bereits am Vorabend des Messebeginns ihre Neuigkeiten vorstellten.

Samsung zeigte dabei das S8500 Wave. Es ist das erste Gerät des Herstellers, auf dem das neue Betriebssystem bada läuft. Zweite wichtige Neuerung ist ein so genannter Super AMOLED-Touchscreen mit 3,2-Zoll-Diagonale. Dieser soll eine verbesserte Version konventioneller AMOLED-Displays sein, was sich unter anderem darin äussern soll, dass das Sonnenlicht um bis zu fünfmal weniger reflektiert wird. AMOLED-Bildschirme benötigen keine Hintergrundbeleuchtung. Sie bieten daher bessere Kontrastwerte und verbrauchen weniger Energie als LCD-Bildschirme. Ausserdem soll der Bildschirm des S8500 nun dünner sein, wodurch das Smartphone 10,9 Millimeter misst, was es in die Liga des eingangs erwähnten LG GD880 Mini brächte. Zum Vergleich: Das Apple iPhone 3G S ist 12,3 Millimeter dick.

Drei Neue von Sony Ericsson

Das schwedisch-japanische Joint Venture Sony Ericsson stellte in seiner Präsentation am Vorabend des MWC drei Smartphones vor, die ohne echte Neuerungen auskommen: Das Vivaz pro kommt mit Symbian S60 5th Edition als Betriebssystem. Der interne Telefonspeicher von 75 Megabyte lässt sich durch die mitgelieferte microSD-Karte um acht Gigabyte erweitern. Das Gerät hat eine seitlich aufschiebbare QWERTZ-Tastatur und einen 3,2-Zoll-Touchscreen welcher mit 640 x 320 Bildpunkten auflöst. Sony Ericsson stellte überdies zwei Versionen seines Google-Handys Xperia X10 vor: X10 Mini und X10 Mini Pro unterscheiden sich nur durch die ausziehbare QWERTZ-Tastatur des mini pro, welches daher ein bisschen grösser ist. Beide Geräte nutzen Android 1.6 als OS. Allerdings läuft Version 2.1 des Betriebssystems bereit auf dem Nexus One von Google, auf vielen anderen Geräte bereits 2.0. X10 Mini und X10 Mini Pro bieten überdies Durchschnitts-Features ihrer Kategorie: eine 5-Megapixel-Kamera, eine zwei Gigabyte fassende microSD-Karte, GPS-Empfänger, UMTS und HSPA.

Eine wirkliche Neuheit wäre hingegen der Browser Opera Mini fürs iPhone, der ebenfalls auf dem MWC vorgestellt wird. Auf anderen Smartphones überzeugte er unter anderem durch seine Schnelligkeit. Das liegt daran, dass der Browser Webseiteninhalte komprimiert und somit weniger Daten übertragen werden müssen. Auch Tabs und einen Abbruch-Button, den man während eine Seite noch lädt, anklicken und somit bereits erschiene Links direkt ansteuern kann, bietet Apples iPhone-Browser bislang nicht. Ob es Opera Mini allerdings auch auf iPhones ohne Jaibreak, also in den App Store schaffen wird, ist bislang nicht bekannt. Apple hatte die Aufnahme der Applikation 2008 bereits abgelehnt, weil sie nur Funktionen biete, die das iPhone schon beherrscht und damit zur Konkurrenz für Safari würde. Was die Nutzerzahlen angeht, hat Opera Mini Apples Browser bereits im Mai 2009 überholt und kam im Januar 2010 nach Unternehmensangaben auf etwa 50 Millionen Anwender. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass der mobile Safari nur auf Apple-Geräten läuft, während die Konkurrenz aus Norwegen auf allen Java unterstützenden Geräten genutzt werden kann.

Apple und Google haben keinen Stand

Die bis Donnerstag vom Veranstalter, dem Branchenverband GSM Association (GSMA) erwarteten 50 000 Besucher werden unter den knapp 1300 Ausstellern auf dem Messegelände Apple allerdings vergeblich suchen. Denn der IT-Konzern bleibt dem Mobile World Congress ebenso fern wie Google. Firmenchef Eric Schmidt wird immerhin morgen eine Rede halten. Produktankündigungen wird er allerdings nicht im Gepäck haben. Apple setzt schon seit geraumer Zeit auf eigene Events, um ungeteilte Aufmerksamkeit für seine Produkte zu bekommen. Über Keynotes von Unternehmensboss Steve Jobs berichten mittlerweile auch viele Publikumsmedien live. Apple blieb in diesem Jahr sogar erstmals der am Wochenenden in San Francisco zuendegegangenen Messe MacWorld fern. Google scheint von Apple gelernt zu haben - ist man doch dank des eigenen freien Betriebssystems Android ohnehin auf vielen Branchentreffen präsent. Vergangene Woche hatte der Suchmaschinenanbieter seine Erweiterung für Gmail, Google Buzz, auf einer live ins Netz gestreamten Veranstaltung am Firmensitz im kalifornischen Mountain View vorgestellt. Das Nexus One, welches als erstes Google-Handy auch vom Unternehmen selbst verkauft wird, hatte man Anfang Januar einen Tag vor Beginn der in Las Vegas stattfindenden Consumer Electronics Show (CES) vorgestellt, der wichtigsten Messe für Unterhaltungselektronik.

7300 Franken für die VIP-Lounge

Der Mobile World Congress ist aber viel mehr als eine Handy-Messe. Das merkt man auch den Eintrittspreisen: Wer nur die Hallen betreten möchte, ist bereits umgerechnet rund 900 Franken los, Konferenzteilnehmer zahlen mindestens 3000 und wer in die VIP-Lounge möchte, muss etwa 7300 Franken auf den Tisch legen. Dafür kann man sich mit Branchenkennern und -persönlichkeiten unter anderem über die Trendthemen Bezahlen per Mobiltelefon, Werbung, Cloud Computing oder die Netze der nächsten Generation austauschen. Letztgenannte nutzen eine Technologie namens Long Term Evolution (LTE). Blockbuster im Auto, Online-Spiele in Echtzeit soll sie unter anderem ermöglichen. In der Schweiz soll LTE ab 2011 das Netz der Swisscom ergänzen. Zu Beginn sollen Surf- und Downloadgeschwindigkeiten von bis zu 150 Mbit/s möglich, später Datenraten von bis zu 300 Mbit/s erreichbar sein, kündigte der Provider kürzlich an. Aber auch aus bestehenden Netzen lässt sich mehr herausholen. So zeigt Ericsson auf dem MWC HSPA-Übertragungsgeschwindigkeiten von 84 Mbit/S. Mitte Januar hatte der Netzbetreiber 3 Scandinavia angekündigt, dass Ericsson sein HSPA-Netzes mit 84 Mbit/s in Skandinavien übernehmen soll. Es soll in ganz Dänemark und vier schwedischen Grossstädten in der ersten Hälfte des kommenden Jahres verfügbar sein.

Im Gespräch mit 20 Minuten Online war Peter Bär, Sekretär der Eidgenössischen Kommunikationskommission ComCom, Befürchtungen, dass ein Mobilfunknetz der vierten Generation die Diskussion um strahlende Handy-Masten neu entfachen könnte, entschieden entgegen getreten: «Hierzulande liegen die Strahlungsgrenzwerte eines Handy-Masts zehnmal tiefer als im benachbarten Ausland. Der Anlagegrenzwert liegt bei 5 V/m. Aufgrund der noch jungen Mobilfunktechnologie kam hier der Grundsatz des vorsorglichen Bevölkerungsschutzes zu Anwendung, wie er im Umweltschutzgesetz vorgesehen ist. Der Bundesrat wollte 1999 sicher gehen, dass die Bevölkerung in jedem Fall ausreichend geschützt ist.»

Touchscreen-Würfel als Benutzeroberfläche

Neben schnellerem Surfen wird die mobile Zukunft auch neue Benutzeroberflächen bringen. Eines der interessantesten Konzepte nennt sich Gesture Cube und ist ebenfalls im Barcelona zu sehen. Wie das obige Video zeigt, soll man dank der 3D-Gestensteuerung namens GestIC unter anderem Musik- und Fotosammlungen komfortabler verwalten können, ohne einen der Touchscreens berühren zu müssen. Benutzt wird dabei Technologie von Ident Technology, das Design von Lunar Europe sowie die Benutzeroberfläche von Zinosign. Ob und wann Gesture Cube als eigenes Produkt oder Teil anderer Geräte auf den Markt kommen wird, ist noch nicht bekannt.

Ebenfalls noch unklar ist, wann die Entwicklung des Herstellers Intuitive User Interfaces in ersten Handys verbaut wird. Laut dem Unternehmen soll sie aber zuerst in Android-Geräten zu finden sein. Nachdem ein Smartphone das Verhalten seines Besitzers analysiert hat, soll es in der Lage sein, ihm für jede Situation die richtige Benutzeroberfläche zu präsentieren, so dass er weniger navigieren muss. Hat das Gerät beispielsweise bemerkt, dass er Nutzer regelmässig an Sonntagabenden seine Mutter anruft, präsentiert es ihm ihren Kontakt zu gewissen Zeiten hervorgehoben auf dem Startbildschirm. Schreibt jemand morgens regelmässig E-Mails, könnte das Symbol der entsprechenden App zu Tagesbeginn gross auf dem Display angezeigt werden. Falls der User dazu übergeht, sonntags lieber Fussball zu gucken, soll das kein Problem für sein Gerät sein, denn die Software ist lernfähig.

Long Term Evolution (LTE)

Fernsehen im Auto, Online-Gaming in Echtzeit und Downloads mit anfänglich 100 und später bis zu 300 MBit/S: Was heutige UMTS-Netze nicht ermöglichen, soll 4G-Technologie bieten. Die Daten werden dabei übers Internet Protocol (IP) übertragen. Zwar können auch die UMTS-Beschleuniger HSPA und HSPA+ für schnelles Surfen sorgen. Sind aber viele Surfer im Netz, sinken die Übertragungsraten stark ab. Ausserdem hat LTE mit durchschnittlich weniger als 30 Millisekunden deutlich

geringere Reaktionszeiten als heutige UMTS-Technologie, was beispielsweise für Videotelefonie wichtig ist.

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