«Ich bin kein Terrorist» - So entkam Bombenbastler Miran S. (19) den Behörden
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«Ich bin kein Terrorist»So entkam Bombenbastler Miran S. (19) den Behörden

Miran S. (19)* kündigte auf Social Media ein Attentat gegen Muslime an. Im Herbst flüchtete der Ostschweizer aus dem Massnahmezentrum Uitikon ZH – nun hat er sich aus dem Balkan gemeldet.

von
Céline Krapf
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 «Nie. Nie. Nie. Ich wäre nicht fähig dazu. Und wenn ich es hätte tun wollen, hätte ich es doch längst getan», sagt Bombenbastler Miran S.  

«Nie. Nie. Nie. Ich wäre nicht fähig dazu. Und wenn ich es hätte tun wollen, hätte ich es doch längst getan», sagt Bombenbastler Miran S.

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Mit 17 Jahren schrieb der junge Mann in den sozialen Medien, dass er «alle Muslime töten» wolle.

Mit 17 Jahren schrieb der junge Mann in den sozialen Medien, dass er «alle Muslime töten» wolle.

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Der Jugendliche aus der Ostschweiz soll in der Schweiz ein Massaker auf Schweizer Moscheen geplant haben. (Symbolbild)

Der Jugendliche aus der Ostschweiz soll in der Schweiz ein Massaker auf Schweizer Moscheen geplant haben. (Symbolbild)

REUTERS

Darum gehts

  • Der Ostschweizer Miran S. schrieb auf Social Media und in Whatsapp-Chats von Attentatsplänen und bastelte in seiner Freizeit Bomben.

  • Der 19-Jährige war seit Dezember 2019 im Massnahmezentrum Uitikon (MZU). Im Herbst flüchtete er und befindet sich nun auf dem Balkan. Von dort meldete er sich nun.

  • Die Recherchen des «Tages-Anzeiger» und die Aussagen des jungen Mannes zeigen auf, wie es so weit kam.

Seit sieben Monaten ist der 19-jährige Miran S.* auf der Flucht vor den Schweizer Behörden – nun meldet er sich via Videocall aus dem Balkan: «Ich bin kein Terrorist», sagt der junge Ostschweizer im Gespräch mit dem «Tages-Anzeiger».

Fakt ist: Er hetzte im Netz gegen Schweizer Muslime, kaufte kiloweise Bomben-Material. Im Dezember 2019 wurde er deshalb in das Massnahmezentrum Uitikon eingewiesen, im Herbst 2020 gelang ihm die Flucht. Sein Fall rückte ins Rampenlicht, als Karin Keller-Sutter ihn mehrfach als Beispiel dafür nannte, dass die Schweiz ein neues Anti-Terror-Gesetz braucht. Die Recherchen des «Tages-Anzeiger» und die Aussagen des jungen Mannes zeigen nun auf, wie es so weit kam.

Miran S. führte über längere Zeit ein Doppelleben: Neben seiner Welt als Elektrolehrling mit muslimischen Freunden pflegt er eine virtuelle Existenz. In dieser hetzt er in rechtsextremen, internationalen Kreisen gegen Muslime, schreibt Dinge wie «werde ein paar Gebetshallen zusammenschiessen», «keiner wird mich stoppen, bis es passiert» oder «geh ein paar Muslime töten».

Bomben-Tests im Wald

Begonnen habe es mit seinem Hobby: Im Alter von 16 Jahren mischt Miran S. selber Sprengstoffe und Rauchbomben. Er lernt auf Youtube einen jungen Deutschen kennen, der Infos zu einer Moschee-Sprengung sucht. «Ich glaube, ich suchte einfach jemanden, der meine Leidenschaft für Sprengstoffe teilt. Ich hatte in meinem Umfeld niemanden, den das interessierte», sagt S. Mit dem Kommentar-Verfasser baut er eine rechtsextreme Whatsapp-Gruppe auf: «Ich fand das geil. Ich dachte, dann kann ich angeben, dass ich Gründer einer, wie soll ich es sagen, ‹terroristischen› Gruppe bin.»

Gleichzeitig sei er bei der Arbeit von Vorgesetzten gemobbt worden. «Die Chats waren eine sehr gute Kompensation für den Frust.» Miran S. gibt dort Tipps zur Sprengstoff-Herstellung. In einem Wald testet er die Mischungen und stellt Videos davon online. Laut Spezialisten hatte er «ausgezeichnete» chemische Kenntnisse und damit das Wissen, verheerende Bombenanschläge zu begehen.

Antrieb gibt dem jungen Mann offenbar der Terroranschlag in Neuseeland am 15. März 2019, bei dem über 50 Menschen getötet werden. Gleichentags gründet der Ostschweizer eine weitere Whatsapp-Gruppe mit dem Ziel: «Einen neuen Anschlag auf eine Moschee.» Auf Instagram veröffentlicht der Ostschweizer Videoausschnitte des Attentats und schreibt: «Irgendwann werde ich das Gleiche tun.» Gleichzeitig versucht er, Material zu erwerben, um eine zuvor erworbene Imitationswaffe instand zu setzen.

Mehrere Festnahmen

«Ich könnte mir tausend Mal an den Kopf schlagen, wenn ich höre, was ich damals geschrieben habe», sagt Miran S. dazu zum «Tages-Anzeiger». Es sei nur um Aufmerksamkeit gegangen, dass ältere Männer auf ihn gehört hätten. Etwas Ähnliches wie das Christchurch-Attentat habe er aber nie wirklich geplant: «Warum auch? Ich hatte eine Lehrstelle, ich liebe meine Familie, mir ging es gut», sagt Miran S. «Nie. Nie. Nie. Ich wäre nicht fähig dazu. Und wenn ich es hätte tun wollen, hätte ich es doch längst getan.»

Das Video kurz nach dem Christchurch-Attentat landet beim FBI. Dieses informiert die Schweizer Behörden. Wenige Tage später wird Miran S. erstmals verhaftet. Die Polizisten finden in seinem Zuhause das Material für den Bombenbau, die rechtsextremen Chats und Videos. Trotzdem kommt der junge Mann nach einer Woche wieder frei – ein forensischer Psychiater schätzt ihn positiv ein.

Miran S. findet einen neuen Lehrbetrieb, bricht den Kontakt zu Rechtsradikalen ab. Doch «unüberlegt und aus Wut über die Behörden» bestellt er einen Monat später sieben grosse Chemikalien-Lieferungen auf die Namen von Nachbarn. Ein Drogist, bei dem er das Material bestellt, schlägt Alarm, das NDB reagiert und wenige Tage später wird Miran S. zum zweiten Mal verhaftet. «Mit Rechtsextremismus hatte das nichts zu tun», sagt der Ostschweizer. «Ich habe die Drogerie ja richtig zugemüllt mit Bestellungen, gleich hintereinander. Ich wollte auffallen. Ist das nicht offensichtlich?»

«Ich bereue wirklich, verdammt fest»

Damit S. seine neue Lehrstelle antreten kann, wird Miran S. nach zwei Wochen wieder freigelassen – doch nun wird der Jugendliche überwacht, er muss unter der Woche in ein Jugendheim. Einen Monat später hören die Ermittler Telefonate zwischen ihm und Kollegen ab, bei denen es um den Kauf von Waffen geht. Nun muss der 19-Jährige ins Massnahmenzentrum Uitikon ZH. «Ich habe es gehasst in Uitikon», sagt Miran S. Im Oktober 2020 verbringt er seine Mittagspause am Rande des Areals – und verschwindet.

Seitdem ist der Ostschweizer auf der Flucht. Der junge Mann reist auf den Balkan – als Doppelbürger wird er von hier aus nicht an die Schweiz ausgeliefert. Er habe unterdessen die Autoprüfung gemacht, die Lehre abgeschlossen, vielleicht gar eine Freundin gefunden, berichtet er dem «Tages-Anzeiger». Aber: Er habe «viele, sehr viele Fehler» gemacht. «Könnte ich in der Zeit zurückreisen, würde ich alles sofort anders machen, ohne nachzudenken. Ich bereue wirklich, verdammt fest.»

Der Jugendliche hat sich laut «Tages-Anzeiger» bereits informiert, was ihm bei einer Rückkehr drohen würde – sobald er in ein Nachbarland ausreise, würde er verhaftet und ausgeliefert, informierten ihn die Behörden. Seine Fallakten werden derzeit übersetzt: Die Schweizer Behörden versuchen, das Strafverfahren an das Land abzutreten, in dem sich Miran S. aufhält.

*Name geändert

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