Hinter den Kulissen: So entsteht das Foto-Finish bei Bolt & Co.
Aktualisiert

Hinter den KulissenSo entsteht das Foto-Finish bei Bolt & Co.

Der 100-Meter-Final war eine klare Angelegenheit. Wird es in der Leichtathletik allerdings mal eng, so sorgen neueste Technik und geschulte Augen für den Entscheid.

von
Monika Reinhard
London

Das bisher spektakulärste Foto-Finish der Olympischen Spiele gab es beim Triathlon der Frauen. Nicht gerade die Sportart, die bekannt ist für heisse Kopf-an-Kopf-Duelle. Dass Nicola Spirig überhaupt mittels Zielfoto zur Olympiasiegerin gekürt werden konnte, sei ein Zufall, sagt Peter Hürzeler, Vorstandsmitglied von Swiss Timing. «Wir waren halt dort und konnten den Organisatoren ein Zielfoto vorlegen.» Dass sonst beim Triathlon Zielkameras zum Einsatz kommen, bezweifelt er. Böse Zungen witterten natürlich sofort eine Verschwörung: Das Schweizer Unternehmen Omega, verantwortlich für die Zeitnehmung an den Olympischen Spielen, kürt eine eigene Athletin zur Olympiasiegerin. «Das ist lächerlich», sagt Hürzeler. «Wir legen nur das Zielfoto vor. Das letzte Wort darüber hat immer ein Offizieller.»

Im Olympiastadion, wo die Leichtathletik-Wettbewerbe über die Bühne gehen, hätte man eher solche Polemik erwarten können. Doch bisher blieb alles ruhig. Usain Bolt triumphierte beim 100-Meter-Final 12 Hundertstel vor seinem Landsmann Yohan Blake. An diesem Entscheid gab es nichts zu rütteln.

«Erdbebensichere» Kamera wegen tobenden Zuschauern

Der Zieleinlauf der Leichtathletik-Wettbewerbe wird von vier Kameras überwacht. Zwei davon befinden sich unten auf der Bahn, je eine auf der inneren und der äusseren Seite des Ovals. Zwei weitere befinden sich hoch oben unter dem Stadiondach. Der Unterbau der beiden Kameras in schwindelerregender Höhe wurde eigens in Japan erbaut und sollten jeglichen Schwingungen trotzen. So sind die Aufnahmen also praktisch «erdbebensicher». Der Grund: 80 000 klatschende und tobende Zuschauer im Olympiastadion.

So gut das Kameramaterial mit speziellem Unterbau ist, so ungenügend ist die Konstruktion, auf welchem es zum Einsatz kommt. Zum Ärger der Zeitnehmer haben es die Olympia-Organisatoren trotz Anweisung nicht geschafft, das Gerüst, auf welchem die Kameras befestigt sind, losgelöst von der Stadion-Tribüne zu bauen. Deshalb lassen sich nun Erschütterungen nicht vermeiden. Beim Zieleinlauf von Usain Bolt oder der britischen Siebenkämpferin Jessica Ennis wurde so das Zielfoto leicht verwackelt. Brauchbar war es aber trotzdem. «Ausserdem lassen sich die Kameras auf der Bahn nicht erschüttern», so Hürzeler. «Wir sichern uns immer mehrfach ab.»

2000 Bilder pro Sekunde

Die Kameras erfassen die Athleten acht Millimeter vor der Ziellinie und schiessen 2000 Bilder pro Sekunde. Diese Fotos werden dann zu den allgemein bekannten Foto-Finish-Aufnahmen zusammengelegt. In der Kontrollzentrale der Zeitmessung, die sich ebenfalls auf Höhe der Ziellinie unter dem Stadiondach befindet, kontrolliert ein erster Zeitnehmer nur das Bild. Danach leitet er es an einen Kollegen weiter. Dieser platziert auf dem Computer mit dem Cursor eine rote Linie auf der Höhe der Brust der Athleten und ermittelt so ihre genaue Zeit. Zum Abschluss wirft ein offizieller Vertreter einen Blick auf die Arbeit des Zeitnehmers und segnet so die Zeiten ab. Dann können diese ans Fernsehen und die Stadionuhr übermittelt werden.

Im Stadionbauch hat Omega zusätzlich eine Datenzentrale eingerichtet. Hier werden Einblender fürs Fernsehen produziert, beispielsweise die Ranglisten oder die farbigen Linien mit Rekord- oder Zwischenstandsmarken, wie sie bei Sprung- oder Wurfdisziplinen vorkommen. «Viele glauben, das machen die TV-Stationen. Doch das wird alles von uns zentral produziert», sagt Hürzeler, der bereits zum 16. Mal an Olympischen Spielen dabei ist. Der Aufwand ist deshalb gewaltig: 60 Kilometer Kabel wurden alleine für die Zeitnehmung im Olympiastadion verlegt. Ausserdem stehen täglich 49 Personen im Einsatz.

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