Sprachenstreit: «So entsteht eine Parallelgesellschaft»
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Sprachenstreit«So entsteht eine Parallelgesellschaft»

Neu eingewanderte Kinder sollen vom Französisch- oder Englischunterricht verschont werden. Bildungspolitiker sind skeptisch.

von
dp
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SP-Nationalrat und Lehrer Mathias Reynard warnt davor, fremdsprachige Kinder vom Französischunterricht zu befreien: «Schüler müssen die gleichen Chancen erhalten - egal ob sie aus dem Kosovo oder aus der Schweiz stammen». Indem man ihnen das Frühfranzösisch vorenthalte, seien sie zu einem späteren Zeitpunkt benachteiligt. Stattdessen plädiert der Oberstufenlehrer für  kleine Klassen von acht bis zehn Schüler. «So kann man Schüler, die die Landessprache noch gar nicht oder ungenügend beherrschen, intensiv betreuen.»

SP-Nationalrat und Lehrer Mathias Reynard warnt davor, fremdsprachige Kinder vom Französischunterricht zu befreien: «Schüler müssen die gleichen Chancen erhalten - egal ob sie aus dem Kosovo oder aus der Schweiz stammen». Indem man ihnen das Frühfranzösisch vorenthalte, seien sie zu einem späteren Zeitpunkt benachteiligt. Stattdessen plädiert der Oberstufenlehrer für kleine Klassen von acht bis zehn Schüler. «So kann man Schüler, die die Landessprache noch gar nicht oder ungenügend beherrschen, intensiv betreuen.»

Keystone/Olivier Maire
Für den Präsidenten der Bildungskommission, Felix Müri (SVP), kommt eine zusätzliche Sprache in der Primarschule nicht in Frage: «Wir haben Schüler aus 80 Nationalitäten. Wir bräuchten plötzlich Lehrer für Albanisch, Arabisch oder Kisuaheli. Dafür haben wir keine Kapazitäten.» Sorge bereitet Müri aber insbesondere die Schaffung einer Parallelgesellschaft: «Statt die Kinder in der Klasse und der Gesellschaft zu integrieren, werden sie ausgesondert.»

Für den Präsidenten der Bildungskommission, Felix Müri (SVP), kommt eine zusätzliche Sprache in der Primarschule nicht in Frage: «Wir haben Schüler aus 80 Nationalitäten. Wir bräuchten plötzlich Lehrer für Albanisch, Arabisch oder Kisuaheli. Dafür haben wir keine Kapazitäten.» Sorge bereitet Müri aber insbesondere die Schaffung einer Parallelgesellschaft: «Statt die Kinder in der Klasse und der Gesellschaft zu integrieren, werden sie ausgesondert.»

Keystone/Gian Ehrenzeller
Albanisch, Arabisch oder Portugiesisch statt Französisch: Fremdsprachige Kinder mit Migrationshintergrund sollen Kurse ihrer Muttersprache besuchen statt Französisch. Das schlägt Jürg Brühlmann, Bildungsexperte des Schweizer Lehrerverbandes, vor. «Man könnte neu zugezogene Schüler mit fremder Muttersprache entlasten», sagte Brühlmann zur NZZ am Sonntag.

Albanisch, Arabisch oder Portugiesisch statt Französisch: Fremdsprachige Kinder mit Migrationshintergrund sollen Kurse ihrer Muttersprache besuchen statt Französisch. Das schlägt Jürg Brühlmann, Bildungsexperte des Schweizer Lehrerverbandes, vor. «Man könnte neu zugezogene Schüler mit fremder Muttersprache entlasten», sagte Brühlmann zur NZZ am Sonntag.

Keystone/Gaetan Bally

Albanisch, Türkisch oder Portugiesisch statt Französisch oder Englisch: Fremdsprachige Kinder und Jugendliche, die neu in die Schweiz eingewandert sind, sollen ab der fünften Klasse Kurse ihrer Muttersprache besuchen statt den Französischunterricht. Das fordert Jürg Brühlmann, Bildungsexperte des Schweizer Lehrerverbandes. «Man könnte neu zugezogene Schüler mit fremder Muttersprache entlasten», so Brühlmann zur «NZZ am Sonntag». Die Kinder hätten dann mehr Kapazitäten für das Erlernen von Deutsch. Im Zeugnis stünden dann Deutsch, Englisch oder Französisch – und die Muttersprache.

Es müsste natürlich nicht jede Sprache angeboten werden, sondern einfach die der grössten Sprachgruppen, präzisiert Brühlmann gegenüber 20 Minuten. Den Unterricht abhalten könnten Personen, die bereits in Kulturvereinen entsprechender Nationen engagiert sind. «Ich könnte mir aber auch vorstellen, dass Personen aus Syrien oder Irak, die hier keinen Job haben, aber hier gerne arbeiten würden, Kinder in Arabisch unterrichten könnten», sagt Brühlmann.

Serbisch/Kroatisch sind die am häufigsten gesprochenen Nichtlandessprachen der Schweiz, gefolgt von Albanisch, Portugiesisch, Spanisch, Englisch und Türkisch. Dies zeigt eine Eidgenössische Volkszählung aus dem Jahr 2000, die das Bundesamt für Statistik erhoben hatte.

Christoph Eymann, Präsident der Erziehungsdirektorenkonferenz findet die Idee prüfenswert. «Man darf die Kinder nicht überfordern mit den Sprachen.» Solche Entlastungen müssten jedoch im Einzelfall geprüft werden und dürften nicht für ganze Gruppen gelten. Zudem gebe es auch viele Schweizer Kinder mit Leseschwäche. Die Idee ist eine Reaktion auf die neuesten Pisa-Resultate. Beim Lesetest hat die Schweiz dort erneut schlecht abgeschnitten.

«Schüler aus 80 Nationalitäten»

Für den Präsidenten der Bildungskommission Felix Müri (SVP) kommt eine zusätzliche Sprache in der Primarschule nicht in Frage: «Schon bei der Frage: Französisch oder Englisch scheiden sich die Geister. Wenn wir für Zugezogene noch eine dritte Sprache einführen, sprengt das den Rahmen.» Auch bei der Umsetzung sieht Müri Schwierigkeiten: «Wir haben Schüler aus 80 Nationen. Wir bräuchten plötzlich Lehrer für Albanisch, Arabisch oder Kisuaheli. Dafür haben wir keine Kapazitäten.»

Sorge bereitet Müri aber insbesondere die Schaffung einer Parallelgesellschaft: «Statt die Kinder in der Klasse und der Gesellschaft zu integrieren, werden sie ausgesondert.» Ausserdem stelle sich die Frage, was als Nächstes komme. Dann heisse es plötzlich, Ausländer müssten den Lehrperson auch keinen Handschlag mehr geben.

«Besser kleine Klassen»

Auch Kommissionskollege und Lehrer Mathias Reynard (SP) kann dem Vorschlag nicht viel abgewinnen: «Schüler müssen die gleichen Chancen erhalten – egal ob sie aus dem Kosovo oder aus der Schweiz stammen.» Indem man ihnen das Frühfranzösisch vorenthalte, seien sie zu einem späteren Zeitpunkt benachteiligt. Stattdessen plädiert der Oberstufenlehrer für kleine Klassen von acht bis zehn Schülern, wie dies im Wallis bereits der Fall sei. «So kann man Schüler, die die Landessprache noch gar nicht oder ungenügend beherrschen, intensiv betreuen.» Es sei beeindruckend, wie schnell sich die Kinder in diesem Alter eine Sprache aneignen würden.

Auch Jürg Brühlmann warnt davor, aus Spargründen Klassen immer weiter zu vergrössern oder den zusätzlichen Deutschunterricht für zweisprachige Kinder zu streichen. «Hier wird am falschen Ort gespart.»

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