21.02.2019 09:30

Neueres Phänomen

So erkennen Sie heikle Gleitschneelawinen

Gleitschneelawinen wie jene in Crans-Montana sind eine eher neue Erscheinung. Ein Pistenrettungschef erklärt, wie sie entstehen.

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Eine Lawine ist am Dienstag, 19. Februar 2019 in Crans-Montana auf eine Skipiste niedergegangen.

Eine Lawine ist am Dienstag, 19. Februar 2019 in Crans-Montana auf eine Skipiste niedergegangen.

Leser-Reporter/Grégory Maret
Dabei handelte es sich nach jetzigem Wissen um eine Gleitschneelawine –  laut Carlo Danioth von der Skiarena Andermatt-Sedrun eine eher neue Erscheinung. Dem Phänomen gehe ein warmer Boden im Herbst voraus. Wenn es früh auf diesen Boden schneie, werde dieser Schneeschicht ...

Dabei handelte es sich nach jetzigem Wissen um eine Gleitschneelawine – laut Carlo Danioth von der Skiarena Andermatt-Sedrun eine eher neue Erscheinung. Dem Phänomen gehe ein warmer Boden im Herbst voraus. Wenn es früh auf diesen Boden schneie, werde dieser Schneeschicht ...

Keystone/Anthony Anex
... nach und nach die Feuchtigkeit entzogen. Darauf setzten sich weitere, unter Umständen schwere Schneeschichten ab, worauf ein Hohlraum entstehe. Durch die äussere, wärmere Temperatur, wie sie dieser Tage herrsche, kämen solche Schneeschichten dann schneller ins Rutschen.

... nach und nach die Feuchtigkeit entzogen. Darauf setzten sich weitere, unter Umständen schwere Schneeschichten ab, worauf ein Hohlraum entstehe. Durch die äussere, wärmere Temperatur, wie sie dieser Tage herrsche, kämen solche Schneeschichten dann schneller ins Rutschen.

Ralf Hirschberger

Am frühen Dienstagnachmittag ist in Crans-Montana VS auf 2500 Metern Höhe eine Lawine auf eine befahrene Skipiste niedergegangen (siehe Video unten). Mindestens eine Person ist gestorben. Der Lawinenkegel hatte ein gewaltiges Ausmass.

Ein Experte des Instituts für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) in Davos ging in einer ersten Einschätzung von einer Gleitschneelawine aus.

Warmer Boden im Herbst

«Solche sind eine eher neue Erscheinung», sagte Carlo Danioth, Betriebsleiter Ost der Skiarena Andermatt-Sedrun, zur Keystone-SDA. Danioth hat über 20 Jahre Erfahrung als Pistenrettungschef. Diese sind in Skigebieten dafür verantwortlich, zu entscheiden, wann ein Skigebiet sicher ist.

Skifahrer entkommt Lawine in Crans-Montana.

Skifahrer filmt Lawine in Crans-Montana.

Das Video zeigt, wie die Lawine in Crans-Montana die Piste verschüttet. (Video: Leser-Reporter)

«Von Gleitschneelawinen sprechen wir erst seit sechs, sieben Jahren», erzählt Danioth und erklärt, dass dem Phänomen ein warmer Boden im Herbst vorausgehe. Wenn es früh auf diesen Boden schneie, werde dieser Schneeschicht nach und nach die Feuchtigkeit entzogen. Darauf setzten sich weitere, unter Umständen schwere Schneeschichten ab, worauf ein Hohlraum entstehe.

«Durch die äussere, wärmere Temperatur, wie sie dieser Tage herrscht, kommen solche Schneeschichten dann schneller ins Rutschen», erklärt Danioth. Albert Hegner, Pisten-Rettungschef von Saas-Fee, erläutert ergänzend, dass solche Gleitschneelawinen schwerer zu kontrollieren und auch zu sprengen seien als übliche Lawinen.

Verantwortung bei Pistenrettungschefs

Die Pistenrettungschefs tragen die Verantwortung dafür, Wintersportler und Mitarbeitende keiner Gefahr auszusetzen. Für ihren Job sei die Erfahrung sehr wichtig, sagte Hegner. Wichtig sei zudem die ständige Beobachtung der Wetterlagen, der Schneedecke, aber auch der langfristigen Entwicklung des Winters, so Danioth.

Den Pistenverantwortlichen stehen dafür unter anderem die Lawinenbulletins des SLF in Davos zur Verfügung. «Wir müssen aber vor allem ins Gebiet hinein, die Situation kann je nach Hanglage, Sonnensituation und Wetterlage ganz unterschiedlich sein», erklärt Hegner.

Dafür gehen die Verantwortlichen gegen vier Uhr morgens ins Gebiet, um die Situation zu analysieren – je nach Wetter. Hat es Neuschnee gegeben in der Nacht? Gibt es Schneeverwehungen, die störanfällig sind? «Der Wind ist der Bauer der Lawine», sagte Hegner im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA.

Je nachdem gibt es Lawinensprengungen, mancherorts öffnen Skigebiete daher erst im Verlauf des Vormittags.

Fischmäuler in der Schneedecke

Insbesondere die Beobachtung der Schneedecke sei enorm wichtig, erklärt Danioth. Alarmierend seine sogenannte Fischmäuler, also Risse in der Schneedecke, die immer weiter aufgingen (siehe Bildstrecke oben). Diese müssten beobachtet werden, könnten aber auch wieder zugeschneit werden und daher unproblematisch bleiben. In die Schneedecke wird auch immer wieder ein Loch gegraben, um zu schauen, wie sich die Schichten entwickeln.

Man versuche zudem, bereits von Winterbeginn an den Schnee oberhalb und rund um die Pisten wegzusprengen oder abzutransportieren, damit diese im Verlauf des Winters nicht zu einer Gefahr würden. Die Gefahr für Lawinen sei schon nach Neuschnee und bei starkem Wind am grössten, sagte Danioth.

Im Frühling steige dann mit den wärmeren Temperaturen die Gefahr von Gleit- oder Nassschneelawinen. In Saas-Fee werden daher beispielsweise im Frühling gewisse Pisten am Plättjen wegen der Gefahr eines Abrutsches von Nassschnee gesperrt. In der Skiarena ist gar seit Donnerstag eine Piste in der Verbindung von Andermatt und Sedrun wegen der Gefahr von Gleitlawinen während der Mittagsstunden gesperrt.

Grosser Druck für Pistenchefs

Auf demjenigen, der den Entscheid über die Freigabe eines Skigebiets gibt, lastet eine «riesige Verantwortung», sagte Hegner. Denn wenn ein Teil oder gar das ganze Skigebiet gesperrt wird, reagieren unter Umständen sowohl die Touristen als auch die Geschäftsleitung verärgert.

Hegner und Danioth können mit diesem Druck umgehen. Es sei aber je länger, je schwieriger, Leute zu finden, die diese Verantwortung tragen wollten, sagte Danioth. Schliesslich kann man sich so sehr bemühen – «keine Lawinengefahr herrscht nur, wenn es keinen Schnee gibt», sagt Hegner. Ein Restrisiko gebe es immer, «Naturgewalten kann man nicht steuern». Das Unglück in Crans-Montana zeige wieder einmal, wie wichtig die Arbeit der Pistenrettungschefs sei, sagte Danioth. (fee/sda)

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