Gereizt und Schlafprobleme: So erkennst du, ob du gestresst bist
Aktualisiert

Gereizt und SchlafproblemeSo erkennst du, ob du gestresst bist

Ein Arzt erklärt, ab wann Stress gesundheitsschädlich wird – und was Firmen tun müssten. Der Arbeitgeberverband seinerseits sieht kein Problem.

von
P. Michel

Diese Symptome zeigen Gestresste.

Überstunden, ständige Erreichbarkeit, Termindruck: Fast jeder zweite Angestellte (42,3 Prozent) fühlt sich laut einer Befragung der Berner Fachhochschule und der Gewerkschaft Travailsuisse oft oder sehr häufig gestresst. In den fünf Jahren, seit die Umfrage durchgeführt wird, ist dies der höchste Wert. Auch der Anteil der Arbeitnehmenden, die sehr häufig emotional erschöpft sind, ist von 8,3 Prozent im Jahr 2015 auf 13,2 Prozent in der aktuellen Umfrage gestiegen.

Als Gründe für den verbreiteten Stress sehen die Forscher auch die zunehmende Zahl an Überstunden. 50,3 Prozent der Befragten gaben nämlich an, häufig oder oft Überstunden zu leisten. Erstmals erreichte der Wert die 50-Prozent-Marke.

Dann wird Stress gefährlich

Sebastian Haas, Leiter Schwerpunkt Burn-out und Belastungskrisen an der Zürcher Klinik Hohenegg, überraschen die Zahlen nicht. «Stress entsteht dort, wo die Anforderungen an eine Arbeitsaufgabe die Ressourcen übersteigen.» Solche kurzfristigen Stresssituationen seien meist kein Problem, sofern es wieder Entlastungen – Pausen, Wochenende, Feierabend – gebe. «Es kann auch befriedigend sein, eine Aufgabe noch ‹just in time› erledigen zu können.»

Halte der Stress aber über mehr als 72 Stunden an und werde chronisch, könne er weitreichende Folgen haben, so Haas. «Oft macht Stress Angestellte krank, wenn es in einer umkämpften Branche nochmals zu Sparübungen, Fusionen oder Wechsel bei den Vorgesetzten kommt und der Druck steigt», sagt Haas.

Stressbranche Gastronomie

Verbreitet ist ein hoher Stresslevel in der Dienstleistungbranche. Das zeigt auch die Travailsuisse-Studie: Im Bereich Gesundheit schneiden das Gastgewerbe, der Detailhandel oder auch das Gesundheits- und Sozialwesen schlecht ab. Psychiater Haas erklärt, wie Angestellte erkennen, dass der Stress schädliche Ausmasse annimmt (siehe Video oben).

«Der Betroffene ist oft der Letzte, der merkt, dass er vom Stress übermannt wird», sagt Haas. Es sei deshalb wichtig, dass das Umfeld die Frühwarnzeichen erkenne und die Person darauf anspreche. Aber auch die Arbeitgeber stünden in der Pflicht, sagt Haas.

Massnahmen gefordert

Dass ein Vorgesetzter das Gespräch mit einem Mitarbeitenden suche, dessen Verhalten sich verändert habe, sei das Mindeste. «Es braucht analog der Suva-Kampagnen gegen Berufsunfälle Massnahmen für die psychische Gesundheit. Solche Massnahmen sind laut Haas etwa ein Yoga-Angebot für Angestellte, Kompensation für Überstunden, Anti-Stress-Seminare, ein externes psychiatrisches Angebot oder ein Verbot für das Empfangen von E-Mails nach Dienstschluss.

Fredy Greuter, Sprecher des Arbeitgeberverbandes, sieht keinen Handlungsbedarf. Der Verband stützt sich dabei vor allem auf die anerkannten Studien des Bundes. Eine solche kürzlich veröffentlichte Befragung aus dem Staatssekretariat für Wirtschaft zeigt, dass 91,9 Prozent sehr zufrieden oder zufrieden mit den Arbeitsbedingungen sind. «Daraus schliessen wir, dass Stress kein akutes Problem ist», so Greuter.

Arbeitgeber sehen keinen Handlungsbedarf

Er betont, es sei im ureigenen Interesse der Firmen, der Gesundheit der Angestellten Sorge zu tragen. «Zusätzliche Angebote und Vorschriften braucht es angesichts dieses Befunds aber nicht.» Er spielt den Ball auch den Arbeitnehmenden zu: «Stress kann auch im privaten Umfeld entstehen und ins Unternehmen hereingetragen werden – etwa durch ungesunden, übermässigen digitalen Medienkonsum.»

Stress-Experiment mit Koch Florian

Wie gestresst ist ein Koch im Verlauf des Mittagsservices? Dies wollte 20 Minuten herausfinden und hat Florian, Koch im Tamedia-Personalrestaurant Werdino, gestern zwischen 11 und 13 Uhr mit einer Pulsuhr ausgestattet. Gegen halb 12 Uhr zieht es an der Vegi-Station – auf dem Menü stehen gebackene Bohnenbällchen – bereits an, und der Puls steigt gegen die 140er-Marke, pendelt sich dann aber wieder ein, sobald der Anfangsstress nach der ersten Gästewelle durch ist. Um halb 1 Uhr gibt es einen Einbruch – beim Puls sowie bei den Gästen. «Das ist typisch, die zweite Mittagswelle folgt meist genau um diese Zeit», sagt Florian. Dort schnellt dann der Puls auch kurz wieder auf 150. Um 13 Uhr kann Florian dann Pause machen, der Puls normalisiert sich. «Es war kein allzu stressiger Tag», sagt Florian. «Im À-la-carte-Service wäre der Puls konstant auf 140 gewesen.»

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