Arbeitsvermittler am Anschlag: So erleben Stellensuchende den Ausnahmezustand im RAV
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Arbeitsvermittler am AnschlagSo erleben Stellensuchende den Ausnahmezustand im RAV

Kaum Zeit, unfreundlich und inkompetent: Die Kritik am RAV-Personal in der Corona-Krise ist gross. Stellensuchende sind verzweifelt.

von
Fabian Pöschl
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Die regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) werden in der Corona-Krise mit Anfragen überhäuft.

Die regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) werden in der Corona-Krise mit Anfragen überhäuft.

Tamedia
Die RAVs stellten deshalb neues Personal ein, doch sie reagierten zu spät auf die Krise.

Die RAVs stellten deshalb neues Personal ein, doch sie reagierten zu spät auf die Krise.

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Viele Arbeitslose fühlen sich von ihren RAVs alleine gelassen.

Viele Arbeitslose fühlen sich von ihren RAVs alleine gelassen.

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Darum gehts

  • Die RAV-Berater sind in der Corona-Krise völlig überfordert, melden Stellensuchende.

  • Sie fühlen sich von den RAVs alleingelassen.

  • Das Seco räumt ein, dass zurzeit nicht alles reibungslos läuft.

Der Job-Killer Corona sorgt für Ausnahmezustände bei den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV). Um den Ansturm der Arbeitslosen besser bewältigen zu können, haben die Ämter hunderte neue Stellen geschaffen. Doch bis die neuen Personalberater die volle Dossier-Belastung tragen können, dauert es bis zu einem Jahr.

«Sie sind völlig überfordert», bestätigt ein betroffener Stellensuchender gegenüber 20 Minuten. Darunter leiden die Personalberater, aber in erster Linie die angemeldeten Stellensuchenden. Die Redaktion kontaktierte Betroffene. Sie sagen, was ihnen in der RAV-Mühle zu schaffen macht.

Keine Zeit

Arbeitslose fühlen sich vom RAV allein gelassen. Anrufe seien kaum möglich, die Kontaktaufnahme kurz angebunden, bestätigen beim RAV gemeldete Stellensuchende. Falls sich dann doch ein Berater am Telefon melde, sage dieser gleich zu Beginn, dass er kaum Zeit habe und gleich auflegen müsse. «So eine Beratung ist sinnlos, es braucht dringend mehr Berater», so ein Stellensuchender.

Unfreundliches Personal

Bemängelt wird auch die Kommunikation und die oberflächlichen Informationen. Es sei nicht angenehm, etwas zu fragen. «Wenn man als Fremdsprachiger nachfragt, weil man etwas nicht verstehen kann, reagieren sie hysterisch und schreien einen an», sagt ein Betroffener. Ein weiterer ergänzt: «Ich habe meinen Berater noch nie freundlich erlebt. Würde ich so in der freien Wirtschaft mit meinen Angestellten kommunizieren, wäre ich den Job los» Eine angekündigte Umfrage zur Qualitätsverbesserung sei nie durchgeführt worden.

Fehlendes Sachwissen und veraltete Strukturen

Unter den RAV-Beratern sind Ungelernte, die in der Krise aushelfen, vermuten Betroffene. «Eine wusste nicht mal, was ein Niederlassungsausweis ist», so eine Kritik. Zudem sei vieles veraltet, von seit Jahzehnten unveränderten Formularen bis zu den Strukturen. Mit Videocalls würden sich die Coaches nicht auskennen.

Keine Hilfe

Das RAV empfehle Stellen ohne Erfolgsaussicht. «Ich muss mich für Stellen bewerben, für die ich nicht ausgebildet bin. Bei 400 weiteren Bewerbern gibt es immer einen besser geeigneten», so ein Betroffener. Auch die Weiterbildungsangebote seien sinnlos. «Mit 45 ins BIZ geschickt zu werden, um sich einen neuen Beruf auszusuchen, zeugt von Hilflosigkeit». Eine weitere Stellensuchende fordert eine Überarbeitung des Weiterbildungsangebots der arbeitsmarktrechtlichen Massnahmen: «Die von den RAV-Personalberatern empfohlenen Kurse führen in eine Sackgasse. Das Angebot sollte schon längst erweitert und mit den Arbeitssuchenden sehr sorgfältig besprochen werden.»

Keine Kritik erlaubt

Wenn die Betroffenen sich über die Situation beschweren, machen ihnen die Berater Angst. «Jede Kritik hat negative Folgen», warnt ein Betroffener. Wer etwas kritisiert, werde mit Sanktionen wie Einstelltagen bedroht.

Der Stress vom RAV macht krank

Bei den Stellensuchenden steigt der Druck. «Ich bin Ende Jahr ausgesteuert. Diese Deadline blockiert mich bei Bewerbungsgesprächen. Das spüren dann die Leute und geben mir den Job nicht», sagt einer. Und weiter: «Diese Existenzangst macht mich krank und der Staat hilft nicht. Ich will arbeiten und ein Ziel vor Augen haben».

Zürcher RAVs setzen auf E-Services

20 Minuten fragte bei den zuständigen Ämtern in den Kantonen nach, um ihnen die Möglichkeit zur Stellungnahme zu geben. Äussern wollte sich nur das Amt für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Zürich – und zwar nur generell. Aus Datenschutzgründen könne man nicht auf die einzelnen Vorwürfe eingehen, so eine Sprecherin.

Dass die derzeitige Situation für die Stellensuchenden schwierig ist, sei den Personalberatern in Zürich bewusst. Die Zürcher RAVs hätten seit Beginn der Krise frühzeitig und konsequent Personal aufgebaut. Dieses sei qualifiziert und habe genug Zeit, um Beratungsgespräche seriös vorzubereiten, zu führen und nachzubearbeiten. Das Amt baue ausserdem seine digitale Geschäftsabwicklung und Beratungsformate per Telefon und Videocall schrittweise aus. Das komme bei den Stellensuchenden gut an.

Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) verweist auf Anfrage auf die grösste Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten. Das Seco sei sich deshalb bewusst, dass zurzeit nicht alle Prozesse reibungslos liefen. Es befinde sich aber in enger Zusammenarbeit mit den kantonalen Vollzugsstellen, um den Stellensuchenden die bestmögliche Betreuung zu bieten und allfällige Schwachstellen in den Prozessen zu optimieren.

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